Wolfgang Böck, 73:
„Die Zuschauer dürfen sich ihrer Schadenfreude hingeben“
Bei den Schlossspielen in Kobersdorf (B) wird heuer die britische Komödie „Der nackte Wahnsinn“ (vom 30. Juni bis 26. Juli) aufgeführt. Seit drei Wochen probt der Kammerschauspieler Wolfgang Böck, 73, mit seinem Ensemble im Schlosshof. Der Theaterintendant spricht über Chaos, Schadenfreude und Nervenstärke. Und er erinnert sich an einen medizinischen Notfall hinter den Kulissen.
Herr Böck, „Der nackte Wahnsinn“ handelt vom ständigen Kampf gegen das Chaos, von Pannen und persönliche Krisen. Inwieweit spiegelt dieser wahnwitzige Überlebenskampf auf der Bühne den ganz normalen Theateralltag wider?

Wie so oft auf der Bühne sind Geschehnisse fokussiert dargestellt. Letztendlich kann alles, was in diesem Stück gezeigt wird, ja auch im wahren, alltäglichen Leben passieren, wie auch im Stück alles passieren kann.

Wie gut gelingt es Ihnen selbst einen kühlen Kopf zu bewahren, wenn alles drunter unter drüber geht?

Ich erinnere mich an die „Bockerer“-Premiere im Jahr 2022, zur Corona-Zeit, als ein Kollege am Premierenabend beim Betreten des Theaters positiv getestet wurde und nicht auftreten durfte. Wir mussten eine Stunde vor Vorstellungsbeginn eine Lösung finden, wie mit der Situation umzugehen sei, um die Premiere zu retten und unser Publikum nicht zu enttäuschen. Diesen Stress, der sich da aufgebaut hatte, zu meistern – dazu braucht’s dann schon einen kühlen Kopf und Nervenstärke.

Michael Frayns Komödie ist ein Spiel im Spiel und eine groteske Verquickung von Wahrheit und Fiktion. Wie werden diese beiden Ebenen auf der Bühne balanciert, damit das Publikum nicht den Überblick verliert?

Mit disziplinierter Probenarbeit, gutem erlernten Handwerk und Kreativität versuchen wir genau das zu erreichen – diese Balance zu halten. Und das bedeutet für uns Schauspieler üben, üben, üben, …

Das Stück ist mehr als vierzig Jahre alt. Inwieweit wurde es der Gegenwart angepasst?

Gar nicht, wir bleiben in den 1980er Jahren.

Können Sie sich an eine Situation in Ihrem Leben erinnern, die sich im ersten Moment wie eine Katastrophe anfühlte, über die Sie aber im Nachhinein lachen konnten?

Oft ist es doch umgekehrt. Man lacht spontan über eine Situation und erst danach stellt sich heraus, dass diese gar nicht zum Lachen war. Genauso funktioniert das Prinzip einer Komödie. Vor vielen Jahren habe ich erlebt, wie ein Kollege einen schizophrenen Schub erlitt und sich weigerte aufzutreten, weil im Publikum „feindliche Agenten“ saßen. Da blieb nur, die Rettung zu rufen, die den Kollegen dann mitnehmen musste. Die Vorstellung wurde dann wegen eines medizinischen Notfalles abgebrochen.

In „Der nackte Wahnsinn“ ist der Verzweiflungsgrad der Figuren hoch. Wo liegt für Sie der Schlüssel, diese Panik für das Publikum nicht nur glaubhaft, sondern auch komisch wirken zu lassen?

Indem man die Figur samt ihren Nöten ernstnimmt, die Situation ernsthaft bedient und sie nicht verblödelt.

Was ist die wichtigste „goldene Regel“ für die Zusammenarbeit mit Schauspielern?

Respekt.

Warum liebt es das Publikum so sehr, wenn auf der Bühne alles schief läuft?

Weil sich die Zuseher dabei bedenkenlos ihrer Schadenfreude hingeben dürfen. Andere Personen in katastrophalen Situationen zu beobachten, in denen man sich nicht selbst befindet, löst eben große Heiterkeit aus.

Privat hegen Sie eine große Leidenschaft für Motorräder und historische Automobile. Worauf legen Sie bei der Pflege Ihres Jaguars Wert?

Dass er betriebsbereit ist und fährt (schmunzelt).

Seit dem vergangenen Jahr sind Sie Opa. Bei unserem sommerlichen Gespräch im Vorjahr meinten Sie, dass Sie ihre großväterlichen Talente aufgrund der Probezeit in Kobersdorf noch nicht so richtig zum Einsatz bringen konnten. Haben Sie das inzwischen erfolgreich nachgeholt?

Ja, wenn auch nicht sooft, wie ich mir das wünschen würde.

Und was unterscheidet die Rolle des Großvaters von der Rolle, die Sie als frischgebackener Vater Ihres Sohnes hatten?

Der Großvater ist vielleicht der reifere Mann und hat dann auch mehr Distanz zum Kind, als sie der Vater hat. Und vielleicht auch nicht mehr so viel Verantwortung, wie der Vater.