Tierische Erben
Wenn Menschen keine Erben haben, wollen sie ihre Katzen, Hunde, Vögel oder andere Mitbewohner nach ihrem Ableben gut versorgt wissen. Daher werden Testamente für Tiere immer beliebter.
Die Birma-Katze „Choupette“ hat es zu einiger Berühmtheit gebracht. Denn der Stubentiger gehörte dem im Jahr 2019 verstorbenen Karl Lagerfeld. Der deutsche Modeschöpfer hat noch zu Lebzeiten verfügt, dass sein vierbeiniger Liebling bis ans Lebensende bestens versorgt werden soll. Sogar von einem Millionenerbe war die Rede.

Nach mehrjährigem Rechtsstreit um den Nachlass Lagerfelds wurde dieser Tage von einem französischen Gericht festgehalten, dass „Choupette“ zwar nicht erbberechtigt sei, auf einen gewissen Luxus jedoch nicht verzichten müsse. Eine ehemalige Angestellte Lagerfelds kümmert sich um die Katze. Die Mitarbeiterin erhielt eine Immobilie sowie rund 1,3 Millionen Euro aus dem Nachlass für den Unterhalt der Katze übertragen. Daneben „verdient“ „Choupette“, die auf Instagram mehr als 265.000 Anhänger hat, als Werbeträgerin weiterhin eigenes Geld. In Spitzenzeiten beliefen sich ihre jährlichen Einkünfte auf bis zu drei Millionen Euro.

Die Vorgehensweise Lagerfelds findet in unserem Land immer mehr Nachahmer. Schließlich sind Tiere beliebte Begleiter im Alltag. In fast jedem zweiten der rund 4,1 Millionen heimischen Haushalte lebt zumindest ein Haustier. Am beliebtesten sind dabei Katzen mit rund zwei Millionen Tieren, gefolgt von gut 830.000 Hunden. Kaninchen und Meerschweinchen gibt es in etwa acht Prozent der Haushalte, Fische in sechs und Vögel in vier Prozent.

Die fünf Jahre alte Europäische Kurzhaarkatze „Minimiz“ soll ebenfalls gut abgesichert sein. Dazu hat sich ihr Frauerl Renate Toth entschlossen. Die 82jährige ist als Geschäftsführerin und Immobilienmaklerin in Wien bis heute beruflich aktiv. Verträge, Besitz, Werte und klare Regelungen gehören zu ihrem Alltag. Deshalb hat sie auch für ihre Katze vorgesorgt, weil die nicht selbst entscheiden kann. „Sie ist für mich wie ein Familienmitglied“, erzählt die 82jährige, die seit 25 Jahren alleine lebt. Ihre Eltern sind verstorben, sie ist geschieden, hat keine Geschwister und keine Kinder. Niemand aus der Familie könnte einspringen, falls ihr etwas passiert. Der Gedanke, dass „Minimiz“ dann unversorgt zurückbleibt, ließ sie nicht los.

Im Jahr 2023 ließ Toth daher ein Testament errichten. Darin ist festgelegt, was mit ihrem Besitz geschehen
soll – und vor allem, was mit „Minimiz“ passieren muss. Ihr gesamtes Vermögen soll dem Tierschutzhof Pfotenhilfe in Lochen am See (OÖ) zugutekommen. Bilder und Silbergegenstände sollen über das Auktionshaus Dorotheum verkauft, Möbel, Hausrat, Immobilien und Grundstücke ebenfalls verwertet werden. „Ein Verein ist auf Spenden angewiesen“, sagt Toth, die nicht möchte, dass am Ende der Staat erbt. Lieber soll alles, was sie sich erarbeitet hat, Tieren zugutekommen.

Für „Minimiz“ hat sie eine konkrete Lösung. Die Katze
soll letztlich zu einer Familie nach Hollabrunn (NÖ) kommen. Dort gibt es ein Grundstück und Menschen, die Tiere lieben. Für Renate Toth ist das Testament kein kaltes Dokument, sondern ein letzter Liebesbeweis. Denn „Minimiz“ schenke ihr im Alltag Liebe, Zuneigung und
Lebensfreude. Toth will sicher sein, dass ihre Katze auch dann geschützt ist, wenn sie selbst dafür nicht mehr sorgen kann.

Testamentsspenden an gemeinnützige Organisationen haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, auch beim Österreichischen Tierschutzverein. „Wir erleben immer wieder, dass sich Tierhalter große Sorgen machen, was mit ihrem Liebling passiert, wenn sie selbst plötzlich nicht mehr da sind,“ sagt die Sprecherin Daniela Koren.

„Mithilfe der Testamentsspende können wir ihnen die Sicherheit geben, dass ihr Tier gut versorgt wird“, erklärt Koren.

Ihren Angaben zufolge müsse der Verein sogar regelmäßig auf Rücklagen aus Testamentsspenden zurückgreifen, da herkömmliche Spenden nicht ausreichen, um den Berieb aufrechtzuerhalten.

Ein Blick auf die Kosten zeigt, warum das so ist. Die Versorgung kostet 700 bis 1.000 Euro jährlich für Katzen, bis zu 2.500 Euro für Hunde und mehrere tausend Euro für Pferde, bei kranken oder älteren Tieren oft deutlich mehr.

Im Assisi-Hof in Stockerau (NÖ) landen ebenfalls immer wieder Tiere aus Nachlässen. Derzeit leben dort zehn solcher Tiere, insgesamt waren es in den vergangenen Jahren 53. Vierzig vermittelte der Verein weiter, ein paar Ziegen und Kaninchen fanden eine dauerhafte Bleibe. Am häufigsten ginge es um Hunde und Katzen, heißt es, aber auch exotischere Fälle von Eseln, Schafen bis hin zu Schweinen gab es schon. Wobei mit den Testamentsspenden nicht nur die Unterbringung, sondern auch das Futter und allfällige Tierarztrechnungen beglichen werden.

In erster Linie wird hierzulande der Österreichische Tierschutzverein mit Nachlässen bedacht. Die vererbten Summen bewegen sich zwischen 5.000 und 40.000 Euro. „In seltenen Fällen werden wir als Alleinerbe ein-
gesetzt und erhalten auch eine Immobilie,“ sagt Koren.

Das Ziel ist, die Tiere möglichst rasch in ein liebevolles Zuhause weiterzuvermitteln, neue Besitzer bekommen aber nichts ausbezahlt. Im Vorjahr erhielt der Verein 18 Testamentsspenden, in den Jahren zuvor lag deren Zahl zwischen zehn und 15.

Was für Lagerfelds Katze gilt, trifft ebenso auf heimische Tiere zu. Sie selbst sind nicht erbberechtigt. „Rechtlich gelten Tiere in unserem Land als Sache“, erklärt der Wiener Notar Harald Stockinger. Im Testament muss daher immer eine erbberechtigte Person angegeben werden, die sich um die Wohnungsauflösung und eventuelle Konten kümmert. Wer einem Tierschutzverein Geld hinterlässt, macht ihn nicht zum Erben, sondern zum Vermächtnisnehmer.

In den Zusatzauflagen im eigenen Testament steht, wer sich wie um die Betreuung des Tieres kümmern soll und welcher Geldbetrag dafür vorgesehen ist.

Laut der Notariatskammer gibt es keine genauen Zahlen darüber, wie viele Tiertestamente in unserem Land erstellt wurden. Die Kosten für ein einfaches Testament mit Auflagen für ein Haustier liegen laut Notar Stockinger zwischen 500 und 700 Euro, inklusive Umsatzsteuer. Je nach Umfang und Anforderungen kann es auch teurer werden. Testamentsspenden sind auch an Vereine wie Vier Pfoten sowie das TierQuarTier in Wien möglich. ehrenberger, morri