Die Abzock-Weltmeister
Noch nie waren die Preise so hoch wie bei der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft. Die Organisatoren pressen die Anhänger auf nie dagewesene Weise aus.
Wenn Matias Celestino von der Fußball-Weltmeisterschaft heimkommt, ist er pleite. Er weiß das, aber der argentinische Anhänger nimmt es in Kauf. Um seine Nationalmannschaft siegen zu sehen, hat er für sich, seine Frau Micaela und seinen Sohn Benito etwa 3.600 Euro für Flüge nach Amerika ausgegeben und weitere Tausende für überteuerte Stadion-Einrittskarten und Hotels. „Es ist das letzte Mal, dass unser Held Lionel Messi bei einer Weltmeisterschaft mitspielt“, sagt der
43 Jahre alte Computer-Techniker aus Buenos Aires. „Wir wollen ihn noch einmal miterleben.“
Die Argentinier tragen bei der WM ihre Spiele in Amerika aus und treffen dort in der Gruppe J auf unsere Mannschaft, auf Jordanien und auf Algerien. Die Familie Celestino ließ sich auch nicht von den Skandalen
abschrecken, die wie eine dunkle Wolke über der Weltmeisterschaft hängen. Dutzende Länder haben ihre Bürger vor den Zuständen in den USA gewarnt. Preistreiberei, Einreisebeschränkungen, Misshandlung und Deportationen von Menschen mit dunkler Hautfarbe und fremder Sprache führten zu einer Atmosphäre der Unsicherheit. Auch die Kriege und die Drohungen von Präsident Donald Trump, Grönland, Kuba und Kanada gewaltsam einzunehmen, verbreiteten Angst.
Damit Celestinos Familie keine Begegnung seiner Spitzenkicker vermisst, opferte er alle Ersparnisse, belastete seine Kreditkarten bis zur erlaubten Obergrenze und bat Freunde um Hilfe. Seine Frau gab sogar ihre Arbeit als Lehrerin auf, um mitkommen zu können. Das durchschnittliche monatliche Einkommen im fussballbegeisterten Argentinien beträgt etwa 1.000 Euro.
Nach der Geld verschlingenden WM in finanzieller Not zu stecken, das könnte auch anderen Anhängern drohen. Die Preise für alles, was mit der Weltmeisterschaft zusammenhängt, sind enorm gestiegen. Stadienbetreiber, Flug-, Zug- und Bus-Linien sowie Hotels genieren sich nicht, die Besucher auszunehmen. In Mexico City fordert ein Hotel für eine WM-Nacht 3.600 Euro. Gewöhnlich kostet die Herberge 160 Euro.
Die Weltmeisterschaft wird mit 48 statt 32 Mannschaften als bisher größtes, aber auch teuerstes Fussball-Spektakel in Erinnerung bleiben. Zum ersten Mal hat der internationale Fußballverband FIFA unter der Leitung des Schweizers Gianni Infantino, die sogenannte „dynamische Preisgestaltung“ eingeführt. Dabei werden die Preise automatisch dem Angebot und der Nachfrage angepasst. Flug-, Bahnlinien und Hotels wenden die Strategie längst an. In New York versuchen allerdings demokratische Politiker, diese Geldmacherei einzudämmen.
Wie es dazu kam, dass die FIFA aber trotz magerer Nachfrage den Preis der besten Plätze beim Endspiel am 19. Juli im MetLife-Stadium in New Jersey in abenteuerliche Höhe schraubte, will freilich niemand erklären. Karten sollen fast 33.000 Euro kosten. Wer beim Semifinale am 14. Juli in Arlington (Texas) dabei sein möchte, soll zwischen 2.500 und 4.000 Euro hinlegen.
Die Preissteigerungen zeigen sich in allen Kategorien. Mussten für die Teilnahme am Eröffnungsspiel vor vier Jahren in Katar noch rund 47 Euro für eine Karte der niedrigsten Kategorie vier hingeblättert werden, sind es in diesem Jahr 480 Euro. Die Preise der Kategorie vier bei Gruppenspielen stiegen von 9,40 Euro auf 85 Euro. Auf einem eigenen Preis-Niveau gab es luxuriöse VIP-Pakete zu kaufen – fast 13.000 Euro wurden dafür fällig. Zeitweise ergatterten Besucher allerdings auch Eintrittskarten für nur 50 Euro. „Das ist ganz oben im Stadium und ganz hinten“, sagt der amerikanische Student Alan Loewe, 23, der so einen Billig-Tarif ergattern wollte. Als er allerdings auf der Karten-Webseite „Pay“ (dt. Zahlen) drückte, erschien die Nachricht: „Ausverkauft.“
Der FIFA-Präsident Infantino dagegen reibt sich die Hände. Er erwartet Einnahmen von fast zehn Milliarden Euro, so viel wie noch nie, und verteidigt deshalb die skandalösen Preise: „Wir befinden uns auf dem Markt der am höchsten entwickelten Unterhaltungs-Industrie. Also müssen wir Marktpreise anwenden.“ Dabei bezog er sich wohl auch auf die erwarteten Aufritte von Musik-Giganten wie Shakira, Madonna und „BTS“ beim Finale und von anderen hochdotierten Künstlern an weiteren Austragungsstädten. Vor Kurzem wurde Infantino gefragt, ob er wisse, dass im Weiterverkauf Karten für unglaubliche knapp zwei Millionen Euro das Stück angeboten wurden. „Das heißt noch lange nicht, dass jemand diese Karten kauft“, antwortete der FIFA-Präsident. „Aber wenn es jemand tut, werde ich ihm persönlich einen Hotdog und ein Cola bringen.“
Die gewaltigen Preise haben zu Empörung und leeren Hotelbetten geführt, weil Zuschauer ausbleiben. Die
demokratischen Abgeordneten Frank Pallone und Nellie Pou verlangten von der FIFA weitere Informationen zur dynamischen Preisgestaltung. Zum Beispiel, wie viele Karten wirklich verfügbar sind. „Wir machen uns Sorgen über Berichte, dass die FIFA eine undurchsichtige
Preispolitik treibt. So sollen Karten absichtlich zurückgehalten worden sein, damit der Eindruck entsteht, es herrsche ein Engpass, weshalb die Preise steigen würden.“
Auch die Eisenbahn-Gesellschaft New Jersey Transit, die Besucher von der Penn-Station in Manhattan zum MetLife-Stadion in New Jersey bringt, will etwas vom erhofften Geld-Regen abbekommen. Normalerweise kostet eine einfache Fahrkarte für die etwa 15 Kilometer lange Strecke 7,70 Euro. Für die Dauer der Weltmeisterschaft forderte NJ Transit plötzlich 130 Euro. Erst als sich die Gouverneurin von New York, Kathy Hochul, einschaltete, ging der Preis zurück. Erst auf 90, dann auf 84 Euro.
Präsident Trump empörte sich darüber, dass Fussballfreunde so viel zahlen sollen. „Bei solchen Preisen würde ich auch nicht hingehen“, meinte er und zeigte sich mit Infantino lachend in seinem Büro im Weißen Haus. Dort übergab ihm der FIFA-Chef eine Ehrenkarte fürs Finale.
Dabei hilft Trumps Ausländerpolitik nicht, Besucher anzulocken. Angeblich plant das Department of Homeland Security, in den Internet-Aktivitäten von Gästen aus 42 Ländern herumzustöbern. Nun heißt es, Agenten der umstrittenen Migrationsbehörde ICE, die Ausländer jagt, würden auf Flughäfen und in Stadien wachen. Tage vor dem WM-Anpfiff in Mexiko City war die Stimmung so gedrückt, dass die angesehene „New York Times“ in einem Kommentar schrieb: „Die Meldung der USA an Ausländer scheint zu sein: ‚Wir hassen euch.‘“
43 Jahre alte Computer-Techniker aus Buenos Aires. „Wir wollen ihn noch einmal miterleben.“
Die Argentinier tragen bei der WM ihre Spiele in Amerika aus und treffen dort in der Gruppe J auf unsere Mannschaft, auf Jordanien und auf Algerien. Die Familie Celestino ließ sich auch nicht von den Skandalen
abschrecken, die wie eine dunkle Wolke über der Weltmeisterschaft hängen. Dutzende Länder haben ihre Bürger vor den Zuständen in den USA gewarnt. Preistreiberei, Einreisebeschränkungen, Misshandlung und Deportationen von Menschen mit dunkler Hautfarbe und fremder Sprache führten zu einer Atmosphäre der Unsicherheit. Auch die Kriege und die Drohungen von Präsident Donald Trump, Grönland, Kuba und Kanada gewaltsam einzunehmen, verbreiteten Angst.
Damit Celestinos Familie keine Begegnung seiner Spitzenkicker vermisst, opferte er alle Ersparnisse, belastete seine Kreditkarten bis zur erlaubten Obergrenze und bat Freunde um Hilfe. Seine Frau gab sogar ihre Arbeit als Lehrerin auf, um mitkommen zu können. Das durchschnittliche monatliche Einkommen im fussballbegeisterten Argentinien beträgt etwa 1.000 Euro.
Nach der Geld verschlingenden WM in finanzieller Not zu stecken, das könnte auch anderen Anhängern drohen. Die Preise für alles, was mit der Weltmeisterschaft zusammenhängt, sind enorm gestiegen. Stadienbetreiber, Flug-, Zug- und Bus-Linien sowie Hotels genieren sich nicht, die Besucher auszunehmen. In Mexico City fordert ein Hotel für eine WM-Nacht 3.600 Euro. Gewöhnlich kostet die Herberge 160 Euro.
Die Weltmeisterschaft wird mit 48 statt 32 Mannschaften als bisher größtes, aber auch teuerstes Fussball-Spektakel in Erinnerung bleiben. Zum ersten Mal hat der internationale Fußballverband FIFA unter der Leitung des Schweizers Gianni Infantino, die sogenannte „dynamische Preisgestaltung“ eingeführt. Dabei werden die Preise automatisch dem Angebot und der Nachfrage angepasst. Flug-, Bahnlinien und Hotels wenden die Strategie längst an. In New York versuchen allerdings demokratische Politiker, diese Geldmacherei einzudämmen.
Wie es dazu kam, dass die FIFA aber trotz magerer Nachfrage den Preis der besten Plätze beim Endspiel am 19. Juli im MetLife-Stadium in New Jersey in abenteuerliche Höhe schraubte, will freilich niemand erklären. Karten sollen fast 33.000 Euro kosten. Wer beim Semifinale am 14. Juli in Arlington (Texas) dabei sein möchte, soll zwischen 2.500 und 4.000 Euro hinlegen.
Die Preissteigerungen zeigen sich in allen Kategorien. Mussten für die Teilnahme am Eröffnungsspiel vor vier Jahren in Katar noch rund 47 Euro für eine Karte der niedrigsten Kategorie vier hingeblättert werden, sind es in diesem Jahr 480 Euro. Die Preise der Kategorie vier bei Gruppenspielen stiegen von 9,40 Euro auf 85 Euro. Auf einem eigenen Preis-Niveau gab es luxuriöse VIP-Pakete zu kaufen – fast 13.000 Euro wurden dafür fällig. Zeitweise ergatterten Besucher allerdings auch Eintrittskarten für nur 50 Euro. „Das ist ganz oben im Stadium und ganz hinten“, sagt der amerikanische Student Alan Loewe, 23, der so einen Billig-Tarif ergattern wollte. Als er allerdings auf der Karten-Webseite „Pay“ (dt. Zahlen) drückte, erschien die Nachricht: „Ausverkauft.“
Der FIFA-Präsident Infantino dagegen reibt sich die Hände. Er erwartet Einnahmen von fast zehn Milliarden Euro, so viel wie noch nie, und verteidigt deshalb die skandalösen Preise: „Wir befinden uns auf dem Markt der am höchsten entwickelten Unterhaltungs-Industrie. Also müssen wir Marktpreise anwenden.“ Dabei bezog er sich wohl auch auf die erwarteten Aufritte von Musik-Giganten wie Shakira, Madonna und „BTS“ beim Finale und von anderen hochdotierten Künstlern an weiteren Austragungsstädten. Vor Kurzem wurde Infantino gefragt, ob er wisse, dass im Weiterverkauf Karten für unglaubliche knapp zwei Millionen Euro das Stück angeboten wurden. „Das heißt noch lange nicht, dass jemand diese Karten kauft“, antwortete der FIFA-Präsident. „Aber wenn es jemand tut, werde ich ihm persönlich einen Hotdog und ein Cola bringen.“
Die gewaltigen Preise haben zu Empörung und leeren Hotelbetten geführt, weil Zuschauer ausbleiben. Die
demokratischen Abgeordneten Frank Pallone und Nellie Pou verlangten von der FIFA weitere Informationen zur dynamischen Preisgestaltung. Zum Beispiel, wie viele Karten wirklich verfügbar sind. „Wir machen uns Sorgen über Berichte, dass die FIFA eine undurchsichtige
Preispolitik treibt. So sollen Karten absichtlich zurückgehalten worden sein, damit der Eindruck entsteht, es herrsche ein Engpass, weshalb die Preise steigen würden.“
Auch die Eisenbahn-Gesellschaft New Jersey Transit, die Besucher von der Penn-Station in Manhattan zum MetLife-Stadion in New Jersey bringt, will etwas vom erhofften Geld-Regen abbekommen. Normalerweise kostet eine einfache Fahrkarte für die etwa 15 Kilometer lange Strecke 7,70 Euro. Für die Dauer der Weltmeisterschaft forderte NJ Transit plötzlich 130 Euro. Erst als sich die Gouverneurin von New York, Kathy Hochul, einschaltete, ging der Preis zurück. Erst auf 90, dann auf 84 Euro.
Präsident Trump empörte sich darüber, dass Fussballfreunde so viel zahlen sollen. „Bei solchen Preisen würde ich auch nicht hingehen“, meinte er und zeigte sich mit Infantino lachend in seinem Büro im Weißen Haus. Dort übergab ihm der FIFA-Chef eine Ehrenkarte fürs Finale.
Dabei hilft Trumps Ausländerpolitik nicht, Besucher anzulocken. Angeblich plant das Department of Homeland Security, in den Internet-Aktivitäten von Gästen aus 42 Ländern herumzustöbern. Nun heißt es, Agenten der umstrittenen Migrationsbehörde ICE, die Ausländer jagt, würden auf Flughäfen und in Stadien wachen. Tage vor dem WM-Anpfiff in Mexiko City war die Stimmung so gedrückt, dass die angesehene „New York Times“ in einem Kommentar schrieb: „Die Meldung der USA an Ausländer scheint zu sein: ‚Wir hassen euch.‘“








