Herzklopfen für Europa
Die Anhänger des Song Contestes gelten als äußerst leidenschaftlich. Manche reisen ihm seit Jahren hinterher, andere planen ihre Garderobe Monate im Voraus.
Mehr als 95.000 Anhänger aus 75 Ländern werden beim diesjährigen Song Contest in der Wiener Stadthalle erwartet. Mit zusätzlichen 180 Millionen Zuschauern vor den Fernsehern zählt der Musikwettbewerb zu den größten Live-Shows der Welt.

Seit dem Jahr 1956 bringt er nicht nur Länder, sondern auch Menschen aus ganz Europa auf einer Bühne zusammen. Dabei wird die Veranstaltung maßgeblich von der leidenschaftlichen Anhänger-Gemeinde getragen. Jedes Jahr reisen Zehntausende zum Austragungsort, viele davon in selbstgenähter Garderobe, mit Landesflaggen und Bannern. Rund um die Shows entstehen Veranstaltungen mit „Public Viewings“ (öffentlichen Ausstrahlungen) und Partys. Eintrittskarten belaufen sich auf mehrere hundert Euro, doch für die Stimmung vor Ort greifen Anhänger gerne tiefer in die Tasche.


„Ich habe aufgehört, mitzuzählen“
Mario Hanousek, 31, freier Videoproduzent


Der gebürtige Wiener ist beim Eurovision Song Contest (ESC) längst Stammgast. Das verdankt der 31jährige ausgerechnet Stefan Raab. „Durch seinen Auftritt im Jahr 2000 bin ich da hineingerutscht.“ Als der ESC 2015 nach Wien kam, meldete sich Mario Hanousek als freiwilliger Helfer.

„Das war der Wahnsinn“, sagt er rückblickend. Die Erfahrung habe ihn endgültig zum ESC-Anhänger gemacht.
Seitdem reist er regelmäßig zu Austragungsorten quer durch Europa. Nach Wien folgten Stockholm (Schweden) 2016, Lissabon (Portugal) 2018 und Turin (Italien) 2022.

Auch heuer wird er wieder live beim Finale in der Stadthalle dabei sein. Es ist bereits sein fünfter ESC vor Ort – und die Begeisterung ist ungebrochen.

Besonders fasziniert ihn die internationale Atmosphäre. „Diese Stimmung ist mit nichts anderem vergleichbar.“ Für ihn ist nur beim ESC eine derartige Lebensfreude und
Offenheit im Publikum spürbar. Trotz aller Begeisterung wünscht er sich für die Zukunft des Bewerbes, dass der ESC wieder stärker als Musik- und Unterhaltungsshow wahrgenommen wird. „Ich wünsche mir weniger politische Spannungen, weniger Streit und vor allem weniger Hass im Netz.“

Dass die Leidenschaft auch Geld kostet, sieht Hanousek mittlerweile gelassen. „Irgendwann habe ich aufgehört, mitzuzählen. Ich kann wirklich nicht sagen, wie viel ich für die Karten und die Reisen schon ausgegeben habe“, sagt er lachend. Allein die Eintrittskarte fürs Finale für einen Stehplatz kostet heuer rund 360 Euro. Für ihn gehört das inzwischen einfach dazu, wie bei jedem Hobby.


„Den Jubel vergesse ich nie“
Anna Caroline Kainz, 31, Pressereferentin


Der Song Contest begleitet die Burgenländerin bereits seit ihrer Kindheit. Schon damals saß sie mit ihren Eltern und ihrer Oma vor dem Fernseher und verfolgte die große Live-Show. Was Kainz bis heute am meisten begeistert, ist die verbindende Kraft des Wettbewerbes.

„Nur Musik schafft dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit. Für eine Woche fiebert ganz Europa mit und Menschen aus Nord, Süd, Ost und West kommen zusammen.“
Gerade diese Vielfalt macht für sie den Reiz aus.

„Nirgendwo anders treffen so viele unterschiedliche Kulturen, Musikrichtungen, Inszenierungen und Persönlichkeiten aufeinander.“ Entsprechend intensiv bereitet sich Kainz jedes Jahr auf den ESC vor. „Ich verfolge Kanäle in den sozialen Medien, lese Artikel und tausche mich regelmäßig mit anderen Anhängern aus.“

Wenn der Austragungsort nicht zu weit entfernt ist, reist sie selbst an, wie 2022 nach Turin (Italien) oder 2025 nach Basel (Schweiz). Bleibt sie zuhause, organisiert sie eigene ESC-Partys – mit eigenen Bewertungsbögen, selbstgebastelter Deko, Fähnchen, Glitzer, Imbissen und kleinen Spielen vor der Show. „Im vorigen Jahr habe ich mir für meine Freunde ein Wissensquiz ausgedacht. Alle saßen am Sofa und am Fußboden vor dem Fernseher versammelt.“

Ein ganz besonderer Meilenstein war für sie der Eurovision Song Contest 2015 in Wien. Damals arbeitete sie als freiwillige Helferin hinter den Kulissen mit. Zu ihren schönsten Erinnerungen zählt auch der Sieg von JJ in Basel.
„Die Stimmung, den Jubel und das minutenlange
Geschrei in der Halle werde ich nie vergessen.“


„Ich lerne die Lieder auswendig“
Karolina Proprentner, 31, Veranstaltungsplanerin


Für Karolina Proprentner ist der ESC viel mehr als nur eine Show. „United by Music“ (Vereint durch Musik) ist für sie gelebte Realität. Die gebürtige Litauerin liebt die Idee, dass beim ESC jedes Land gleich viel zählt – egal, ob groß oder klein. „Hier steht das Miteinander im Vordergrund, nicht das Gegeneinander“, sagt die 31jährige.

Die Leidenschaft begleitet sie seit ihrer Kindheit. Gemeinsam mit ihren Eltern verfolgte sie jedes Jahr den Wettbewerb, bis heute ist der ESC in ihrer Familie festes Ritual. Ab dem 1. Mai läuft bei der Wahl-Kärntnerin nur noch Eurovision-Musik. „Ich höre die Lieder auf dem Weg zur Arbeit und sogar unter der Dusche. Bis zum Finalabend kann ich die Lieder auswendig und lautstark mitsingen.“

Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr der griechische Siegertitel „My Number One“ aus 2005, den sie bis heute liebt. Ihr emotionalster ESC-Moment war, das Halbfinale im vergangenen Jahr in Basel (Schweiz) zu erleben – ein Geburtstagsgeschenk ihrer Freunde zum Dreißiger. „Mit 60.000 Anhängern gemeinsam im Stadion zu feiern, das war unbeschreiblich“, erzählt sie. Vor allem die Einblicke hinter die Kulissen haben das Erlebnis so intensiv gemacht.

Auch bei ihr und ihrem Mann Martin zu Hause wird der ESC groß gefeiert. Seit einigen Jahren organisiert die 31jährige eigene Eurovision-Partys mit Freunden, inklusive Flaggen aus Deutschland, unserem Land und Litauen, den Ländern ihrer Wurzeln. Neben ihren persönlichen Favoriten unterstützt sie Auftritte von Ländern, die schon lange nicht mehr gewonnen haben, wie Malta oder Zypern, und stimmt fleißig per App ab.