Mit Wollknäuel im Kino
Ein Mal im Monat treffen sich Strickbegeisterte im Wiener Votivkino, um gemeinsam zu handarbeiten. So entstehen ganz nebenbei Socken, Schals und Pullover.
Das leise, fast meditative „Klick-klack“ der Stricknadeln mischt sich mit dem Knuspern von Popcorn.

Reihe um Reihe werden Maschen angeschlagen, abgekettet oder wieder aufgetrennt. Es ist Sonntagabend, 17 Uhr, und der Saal im Votivkino im 9. Wiener Gemeindebezirk ist gut gefüllt. Gezeigt wird die heimische Romanze „What a Feeling“.

Das Licht ist gedimmt, aber nicht ganz aus – hell genug, um Maschen zu zählen, ohne die große Leinwand aus den Augen zu verlieren. Bei „Stricken im Kino“ werden in aufwändigster Handarbeit Schals, Socken und Taschen produziert, Pullover und Westen gestrickt, Röcke genäht, Topflappen gehäkelt oder Socken gestopft. Erlaubt ist auch Sticken, Zeichnen oder Filzen. Hauptsache, es passt auf den Schoß und macht keinen Lärm.

Wer im selbstgestrickten Outfit erscheint, bekommt beim Kauf der Eintrittskarten sogar Rabatt an der Kassa. „Es ist schon ein bisschen wie eine Modenschau“, meint Felicitas, 27, schmunzelnd. In der Reihe neben ihr sitzen ihre Freundinnen Jana, 27, und Anna, 28. Sie sind Stammgäste und Strick-Enthusiastinnen gleichermaßen.

„Wir kommen seit ungefähr einem Jahr regelmäßig gemeinsam her“, erzählt Felicitas und streicht über ihr flauschiges Wollknäuel. Anna nickt, „Stricken ist unglaublich beruhigend und ein schöner Ausgleich zum hektischen Alltag. Du bist mit beiden Händen beschäftigt, es gibt keine Ablenkung durchs Handy.“

Für Jana ist es der Rhythmus, der „entschleunigend wirkt. Außerdem ist es schön, das fertige Stück danach in den Händen zu halten. Das macht unglaublich stolz.“ Felicitas strickt bereits seit ihrem zwölften Lebensjahr, ihre Freundinnen erst seit einem Jahr. „Wir stricken nach
Anleitungen aus dem Internet, aber auch nach den alten Strickzeitschriften unserer Großmütter“.

Hinter den dreien sitzt eine Gruppe von Freundinnen, die sich dem Häkeln verschrieben hat, Viktoria, 29, Ruth, 29, und Rita, 35. „Film schauen ohne Häkeln ist fast schon langweilig. Das ist einfach die perfekte Kombination“, sagt Rita.

Ruth pflichtet ihr bei und meint, „Ich konnte schon stricken, bevor wir es in der Schule gelernt haben. Das Meiste haben mir meine Mama und meine Oma gezeigt.“ Heute arbeitet sie an einem Schal, Viktoria an einer Babydecke für eine Freundin.

Und ja, auch Männer stricken hier. Igor, 29, sitzt mittendrin und arbeitet konzentriert an einem Schlauchschal.„Meine Freundin und ich haben Stricken als gemeinsames Hobby entdeckt“, sagt er. „Hier im Kino hab‘ ich allerdings mehr Motivation als zu Hause. Ich finde es schön, mit Gleichgesinnten gemeinsam zu stricken. Das macht auch mehr Spaß.“

Hinter dem Format stehen Judith Haslöwer und Luisa Palmer, Mitarbeiterinnen des Votivkinos. Sie haben die Veranstaltungsreihe vor mehr als einem Jahr das erste Mal organisiert. Der ursprüngliche Gedanke war, „Kino und Handarbeit zusammenzubringen. Viele bei uns lieben beides, Filme und Stricken. Also haben wir uns gedacht: Warum nicht kombinieren?“

Die Idee ist nicht ganz neu, in den USA und anderen europäischen Städten gibt es solche Veranstaltungen bereits. In Wien haben sie damit allerdings Neuland betreten und offensichtlich einen Nerv getroffen.

„Die Nachfrage ist immer noch hoch. Manchmal schieben wir sogar Zusatztermine ein, wenn Vorstellungen besonders schnell ausverkauft sind“, plaudert Palmer aus dem Nähkästchen.

Die Filmauswahl folgt dabei einem roten Faden – nostalgische Liebesgeschichten, Klassiker und modische Filme, in denen ikonische „Outfits“ die Hauptrolle spielen. „Pluspunkte bekommt der Film, wenn er eine interessante Garderobe vorweisen kann. Schöne Strickpullover oder aufwändig geraffte, historische Kleider. Hauptsache, es kann zwischendurch kurz auf die Nadeln geschaut werden, ohne die Handlung zu verpassen“, sagt Haslöwer.

Während auf der Leinwand bei „What a Feeling“ große Gefühle aufkommen, entstehen im Saal kleine Meisterwerke. Die Zielgruppe fürs Handarbeiten ist jung geworden. Dabei wird nicht nur daheim am Sofa gestrickt, sondern auch in den Öffis, im Zug, im Bus.

„Es ist faszinierend, etwas mit den Händen selbst herzustellen. Viele Menschen stricken außerdem, um den eigenen, einzigartigen Stil zu zeigen. Bewusstsein für Stoffe und Nachhaltigkeit spielen auch eine Rolle. Alterstechnisch sind wir immer bunt gemischt, viele Junge fragen die Älteren um Rat. Mittlerweile gibt es auch so etwas wie ein Stammpublikum“, weiß Haslöwer.

Was diesen Abend unvergesslich macht, ist nicht nur das Stricken, sondern das Miteinander. Schon vor dem Film wird im Café beisammengesessen und geplaudert. Fremde werden schnell zu Sitznachbarinnen, dann zu Gesprächspartnerinnen und manchmal zu Freundinnen.

„Das ist sonst eher ein einsames Hobby“, sagt Palmer. „Hier wird es sozial. Dann verbinden sich nicht nur Wollfäden, sondern Menschen und ganze Generationen.“

Die Veranstaltung findet immer sonntags statt, das nächste Mal am 17. Mai, 7. Juni und 12. Juli. Der Vorverkauf beginnt immer am 1. des jeweiligen Monats.