Groove statt Gehstock
Bei der Seniorendisco im Wiener „U4“ wird ein Mal im Monat ausgelassen gefeiert. Auf der Tanzfläche werden Einsamkeit und Klischees gleichermaßen abgeschüttelt.
Y! M! C! A!“ 600 Arme schießen beim Refrain des Liedes gleichzeitig in die Höhe und formen Buchstaben, die an diesem Abend viel mehr sind als nur eine Choreografie. Sie sind Erinnerung, Trotz und Lebenslust. Und mittendrin steht Anja, 71, hebt ihren Discofinger und ruft: „Das Alter ist nur eine Zahl!“

Die Seniorendisco des Wiener Pensionistenklubs „Klub66“ ist Fitnesscenter und Zeitmaschine gleichzeitig. Unter dem Motto „Tanz dich glücklich“ wird in der Wiener Kultdisco „U4“, wo schon Falco Stammgast war und Kurt Cobain Auftritte hatte, einmal im Monat ausgelassen gefeiert. Dass es erst 17 Uhr ist, spielt dabei keine Rolle. Schon eine halbe Stunde vor dem Einlass stehen die ersten Besucher voller Vorfreude in der Schlange. Zwischen 60 und mehr als 90 Jahre alt sind die Besucher – und in Bewegung.

Einen „Dresscode“ gibt es nicht. Neben Frauen in Wollröcken und Glitzerjacken tanzen Herren in Hawaiihemden oder Anzügen. Auch Anja hat heute die Hausschuhe gegen die Stöckelschuhe getauscht. Ihre Pailletten glitzern unter der Discokugel. „Ich wohne ums Eck und komme alleine hierher. Aber das stört mich nicht. Ich will einfach tanzen, den Kopf freikriegen und mich wieder jung fühlen. Das geht nur hier.“

Und dann ist da Peter, 65. Er stimmt lautstark in den Klassiker „Born to be Alive“ mit ein, zufällig auch sein ganz persönliches Lebensmotto. „Das Lied erinnert mich an früher, da kommen so viele Erinnerungen hoch“, meint er und wirbelt seine Frau auf der Tanzfläche herum.

Janine, 71, gönnt sich eine kurze Verschnaufpause an der Bar. Dabei beobachtet sie das Geschehen mit einem Lächeln aus Nostalgie und Glück. „Manches hat sich bis heute nicht geändert. Tanzende Männer waren früher schon eine Rarität und sind nach wie vor heiß begehrt“, sagt sie schmunzelnd.

Neben ihr tanzt Tochter Nina, 36. Gemeinsam hier zu sein, ist für beide etwas Besonderes. „Meine Mutter war bereits 1982 im U4“, erzählt sie. „Es ist unglaublich, einen Teil ihrer Vergangenheit zu sehen.“ Janine nickt, während im Hintergrund der Ohrwurm „Sugar, Sugar“ durch den Raum tönt.

Marianna, 64, und Anjuta, 67, haben sich für heute besonders schick gemacht. „Am liebsten würden wir jeden Tag hier sein“, sagt Marianna und lacht, während sie sich die langen, blonden Haare aus dem Gesicht streicht. Von mangelnder Energie kann bei den beiden Damen nicht die Rede sein.

Seit November 2025 wird ein Mal im Monat getanzt, gelacht und gefeiert. Die Veranstaltungen sind bereits Wochen vorher ausverkauft. „Es geht auch darum, der Einsamkeit entgegenzuwirken“, sagt Simon Bluma, Mitbegründer und stellvertretender Geschäftsführer der Seniorenwohnheime „Häuser zum Leben“. „Viele ältere Menschen ziehen sich in der Pension zurück. Einsamkeit

ist ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko. Wir wollen die Gemeinschaft stärken und den Senioren die Möglichkeit geben, neue Bekanntschaften zu schließen.“ Das Konzept geht auf. „Beliebter sind nur die Speed-Dating-Veranstaltungen“, witzelt er.

Auf der Tanzfläche wird das von den Besuchern bewiesen. „Sie tanzen nicht nur, sie blühen richtig auf. Sorgen und negative Gedanken sind für ein paar Stunden ausgelöscht.“

Auch „Girls just wanna have fun“ ist an dem Abend ein Garant für verschwitzte Glücksmomente. Für die richtige Musik zum Hüftschwung sorgt Christiane Schirnik als „DJ Chris Crocodile“. „Ich spiele vor allem Rock, Pop und Hits aus den 60ern, 70ern, 80ern und 90ern.“ Mit der Musik begonnen hat sie vor mehr als 30 Jahren, als sie für die Goldene Hochzeit ihrer Großeltern aufgelegt hat. „Da habe ich das erste Mal gemerkt, wie viel Energie in den vermeintlich müden Knochen steckt. Gerade die ältere Generation wird oft unterschätzt.“

Das weiß auch Conny de Beauclair, 74. Mehr als 40 Jahre lang war er als Türsteher Teil des „U4“ und gehörte quasi zum Inventar des Nachtlokals. „Das war mein zweites Zuhause. Ich bin als Erster gekommen und als Letzter gegangen. Mit vielen hier bin ich gemeinsam alt geworden“, sagt er und blickt auf die gutgelaunten Gäste.

„Ich habe ein Paar wiedergetroffen, das sich mit 16 Jahren hier kennenlernte. Jetzt sind die beiden 60 und immer noch zusammen.“ Er lächelt, dann öffnet er die Tür für die weiteren Besucher. „Die Ausweiskontrollen fallen heute ausnahmsweise weg“, meint er schmunzelnd.

Fünf Euro kostet der Eintritt für die Mitglieder des Pensionistenklubs, für alle anderen zehn Euro.

Eine Generationenkarte (Enkelkinder und Großeltern) kommt ebenfalls auf zehn Euro (Kartenverkauf unter www.kwp.at/pensionistenklubs).

„Es ist kein Geschäftsmodell“, betonen die Veranstalter, „sondern ein sozialer Auftrag. Wir haben als Gesellschaft oftmals ein falsches Bild von der älteren Generation. Da sind falsche Vorurteile verankert“, sagt Martin Schmid vom Projektteam. „Diese Klischees fördern die Alters-
diskriminierung und gehören entstaubt.“

Staub gibt es hier im „U4“ ohnehin keinen, nur Glitzer. Offiziell endet die Veranstaltung um 22 Uhr, inoffiziell bleibt jeder, der möchte. Danach öffnet das Lokal regulär. Und dann „verschwimmen“ die Generationen – Jung mit Alt, Schulter an Schulter, Takt für Takt.

„Lebensfreude kennt kein Ablaufdatum“, sagt Anja mit ihrem überzeugenden Lächeln. Und der Discofinger, der bleibt oben – „natürlich, für immer“.

Nächste Termine:

30. April 2026

28. Mai 2026

25. Juni 2026

von 17 bis 22 Uhr.