„Der Glaube an Gott schenkt mir Hoffnung“
Gut zwei Monate nach seiner Weihe zum neuen Wiener Erzbischof verbreitet Josef Grünwidl noch immer Aufbruchsstimmung. Auch beim „Feuerfest“ für Firmlinge in Wien.
Wo auch immer Josef Grünwidl an diesem vorletzten März-Samstag beim „Feuerfest“ der Katholischen Jugend hinkommt, werden Telefone gezückt, stellen sich Gruppen zum Foto zusammen, wollen 14jährige ein Bild mit dem neuen Erzbischof. „Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so oft fotografiert worden wie in den vergangenen Wochen“, sagt der 63jährige lächelnd.
„Viele Menschen wollen auch ein Selfie, wenn sie mich irgendwo treffen. Wenn es meine Zeit erlaubt, sage ich dann gerne ja“, erzählt er.
„Letztens war ich im Konzert und schon bei der Garderobe, ich habe meinen Mantel abgegeben, hieß es – ‚Sie sind der neue Erzbischof! Dürfen wir ein Selfie machen?‘ Gelegentlich ist das ein bisschen nervig, aber meistens sind es erfreuliche Begegnungen.“
Hunderte Jugendliche, die sich auf die Firmung vorbereiten, besuchen Jahr für Jahr das „Feuerfest“. Der Name weist auf die Feuerzungen zu Pfingsten hin, in denen der Heilige Geist laut Apostelgeschichte auf die Jünger herabkam.
Heuer sind es mehr als 800 Mädchen und Burschen. An einem Dutzend Stationen rund um und in der Wiener Votivkirche können sie jonglieren, bei verschiedenen Übungen ihre „Gruppendynamik auf die Probe stellen“ oder bei einer Schnitzeljagd Rätsel lösen.
„Kommt‘s her, Burschen, das ist der Erzbischof“, ruft ein Diakon seine Schäfchen zusammen, die gerade auf der Wiese neben der Votivkirche stehen. Berührungsängste mit dem Würdenträger haben die Jugendlichen nicht, Josef Grünwidl wirkt eher wie einer der vielen gutgelaunten Betreuer an diesem Samstagnachmittag. Er steht bei einer Gemeinschafts-Übung mit Jugendlichen im Kreis, fragt nach Pfarren und Firmterminen.
Wer an diesem trüben Märztag die Firmlinge in der Wiener Innenstadt sieht, muss davon überzeugt sein, dass die katholische Kirche Zukunft hat. Insgesamt 7.000 Firmungen verzeichnete die Erzdiözese Wien, die auch einen großen Teil Niederösterreichs umfasst, zuletzt. Aber die Zahlen gehen zurück, ebenso wie bei Taufen, Priestern und Kirchenmitgliedern. Vor zwanzig Jahren waren es noch 10.500 Firmungen. So voll wie bei der fröhlichen, lauten Messe zum Abschluss des „Feuerfestes“ sind die Kirchen selten.
In den vergangenen Jahren haben sich in der Erzdiözese Zehntausende von der Kirche abgewandt. Aber es ist nicht nur die Amtskirche, die Menschen zweifeln lässt. Viele fragen sich, wie sie an Gott glauben können, angesichts der Weltlage. „Diese Frage ist die große Herausforderung für den Glauben: Warum gibt es das Leid in der Welt? Warum lässt Gott das Böse zu? – Für mich ist Gott nicht die Antwort auf alle Fragen, sondern die Aussicht. Der Glaube an Gott eröffnet mir eine Perspektive, die über meine Fragen, über das Leid in der Welt und sogar über den Tod hinausgeht“, sagt Josef Grünwidl.
„Aus diesem Glauben schöpfe ich Kraft, auch schwierige Situationen auszuhalten und das mir Mögliche zu tun. Das Evangelium macht mir Mut, auch im Krieg an den Frieden zu glauben, zu helfen und mich für Versöhnung einzusetzen“, erklärt der Erzbischof. „Überzeugt sein, dass sowieso alles sinnlos und aussichtslos ist – das wäre für mich die schlechteste Lebenseinstellung und Lebensphilosophie. Der Glaube an Gott schenkt mir Hoffnung und gibt mir Kraft zum Vertrauen, dass nicht das Böse und nicht der Tod, sondern dass Gott das letzte Wort hat.“
Mit der leibhaftigen Auferstehung Jesu zu Ostern haben viele Gläubige Schwierigkeiten. „Daran glaube ich“, stellt Josef Grünwidl fest. „Ich glaube nicht, dass nach meinem Tod nur meine Lebensenergie irgendwie in einem kosmischen Energiepool aufgehen wird, sondern dass ich als Person, als Josef Grünwidl mit meiner einzigartigen Lebensgeschichte auf ewig in Gott weiterleben werde. Das verstehe ich unter leibhaftiger Auferstehung. Deswegen bin ich auch überzeugt, dass Jesus von Nazareth, der am Kreuz gestorben ist, lebendig ist und als Sieger über den Tod lebendig bleibt.“
Seit seiner Weihe am 24. Jänner macht sich eine Aufbruchsstimmung in der Diözese bemerkbar. Agnes Liener, die ehrenamtliche Vorsitzende der Katholischen Jugend Wien, begleitet den Erzbischof bei seinem Fest-Rundgang. Sie hofft, dass „für viele Menschen wieder der Wunsch stärker wird“, sich mit dem Glauben zu befassen.
In der Karwoche und zu Ostern wird der Erzbischof mehrere Messen im Wiener Stephansdom feiern. An die Ostern seiner Kindheit erinnert sich der Bauernsohn aus dem Weinviertel gern, nicht nur an die Osterhasen-Geschenke und das Ostereier-Suchen. „Dazu kommt ‚die Grean‘, der im Weinviertel traditionelle Osterspaziergang in die Kellergassen mit Einkehr im Keller. Die Gottesdienste in der Kirche, die vielen Symbole in der Karwoche und zu Ostern, Dunkelheit und Licht, Wasser, Osterfeuer und Auferstehungsprozession – das hat mich sehr fasziniert.“
Kardinal Franz König (1904–2005) hat einmal gesagt: „Der Bischof ist nicht der Chef seiner Diözese, sondern der Knecht.“ Josef Grünwidl „würde sagen der Diener, nicht der Knecht. Viele Menschen gratulieren mir jetzt und sagen – ‚Du hast Karriere gemacht!‘ Aber den Schritt zum Bischof sehe ich als einen Schritt ‚hinunter‘ – zum Dienen. Bischof sein ist ein schöner Dienst, aber das hat für mich überhaupt nichts mit herrschen oder mit mächtig sein zu tun. Ich bin den ganzen Tag eingeteilt im Dienst für die Kirche und versuche, verfügbar zu sein.“
Sein Tag beginnt in der Regel um 7 Uhr in der Früh, „mit einer halben Stunde Stille und der Frühmesse“. Oft ist er bis am Abend um acht Uhr oder zehn Uhr unterwegs. „Ich habe einen freien Tag in der Woche, den versuche ich, so gut es geht, von Terminen freizuhalten.“
Was er genau verdient, darauf antwortet der neue Wiener Oberhirte auch auf Nachfragen vage. „Ich habe bei meinem Amtsantritt gesagt, ich möchte gerne weiterhin soviel verdienen, wie ich in den letzten Jahren in meiner Funktion als Bischofsvikar verdient habe, nicht mehr und nicht weniger. Denn mehr brauche ich nicht.“
Aber ihm sei bewusst, „dass ich mit Dienstwohnung, Dienstwagen und Fahrer sowie mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im erzbischöflichen Sekretariat und Haushalt sehr privilegiert bin, weil ich mir keine Sorgen um Miete und Lebenserhaltungskosten machen muss.“
Beim Streitthema Zölibat wäre Grünwidl für eine freiwillige Entscheidung. Welche er gefällt hätte, ist nicht sicher. „Die berühmte Frage: ‚Was wäre, wenn …?‘ Ich weiß nicht, ob ich geheiratet hätte, vielleicht ja. Mittlerweile lebe ich schon fast vierzig Jahre zölibatär und kann mir heute ein Leben mit eigener Familie nicht vorstellen“, zieht der Erzbischof Bilanz.
„Ich schätze die zölibatäre Lebensform und betone, dass es das freiwillige ehelose Leben von Anfang an in der Kirche gegeben hat und auch weiter geben soll“, sagt Grünwidl. „Ich glaube aber nicht, dass der Zölibat eine Bedingung sein muss, um Priester zu werden oder dass man zölibatär leben muss, um ein guter Priester und Seelsorger sein zu können.“
Das zeigten andere Kirchen.
„Viele Menschen wollen auch ein Selfie, wenn sie mich irgendwo treffen. Wenn es meine Zeit erlaubt, sage ich dann gerne ja“, erzählt er.
„Letztens war ich im Konzert und schon bei der Garderobe, ich habe meinen Mantel abgegeben, hieß es – ‚Sie sind der neue Erzbischof! Dürfen wir ein Selfie machen?‘ Gelegentlich ist das ein bisschen nervig, aber meistens sind es erfreuliche Begegnungen.“
Hunderte Jugendliche, die sich auf die Firmung vorbereiten, besuchen Jahr für Jahr das „Feuerfest“. Der Name weist auf die Feuerzungen zu Pfingsten hin, in denen der Heilige Geist laut Apostelgeschichte auf die Jünger herabkam.
Heuer sind es mehr als 800 Mädchen und Burschen. An einem Dutzend Stationen rund um und in der Wiener Votivkirche können sie jonglieren, bei verschiedenen Übungen ihre „Gruppendynamik auf die Probe stellen“ oder bei einer Schnitzeljagd Rätsel lösen.
„Kommt‘s her, Burschen, das ist der Erzbischof“, ruft ein Diakon seine Schäfchen zusammen, die gerade auf der Wiese neben der Votivkirche stehen. Berührungsängste mit dem Würdenträger haben die Jugendlichen nicht, Josef Grünwidl wirkt eher wie einer der vielen gutgelaunten Betreuer an diesem Samstagnachmittag. Er steht bei einer Gemeinschafts-Übung mit Jugendlichen im Kreis, fragt nach Pfarren und Firmterminen.
Wer an diesem trüben Märztag die Firmlinge in der Wiener Innenstadt sieht, muss davon überzeugt sein, dass die katholische Kirche Zukunft hat. Insgesamt 7.000 Firmungen verzeichnete die Erzdiözese Wien, die auch einen großen Teil Niederösterreichs umfasst, zuletzt. Aber die Zahlen gehen zurück, ebenso wie bei Taufen, Priestern und Kirchenmitgliedern. Vor zwanzig Jahren waren es noch 10.500 Firmungen. So voll wie bei der fröhlichen, lauten Messe zum Abschluss des „Feuerfestes“ sind die Kirchen selten.
In den vergangenen Jahren haben sich in der Erzdiözese Zehntausende von der Kirche abgewandt. Aber es ist nicht nur die Amtskirche, die Menschen zweifeln lässt. Viele fragen sich, wie sie an Gott glauben können, angesichts der Weltlage. „Diese Frage ist die große Herausforderung für den Glauben: Warum gibt es das Leid in der Welt? Warum lässt Gott das Böse zu? – Für mich ist Gott nicht die Antwort auf alle Fragen, sondern die Aussicht. Der Glaube an Gott eröffnet mir eine Perspektive, die über meine Fragen, über das Leid in der Welt und sogar über den Tod hinausgeht“, sagt Josef Grünwidl.
„Aus diesem Glauben schöpfe ich Kraft, auch schwierige Situationen auszuhalten und das mir Mögliche zu tun. Das Evangelium macht mir Mut, auch im Krieg an den Frieden zu glauben, zu helfen und mich für Versöhnung einzusetzen“, erklärt der Erzbischof. „Überzeugt sein, dass sowieso alles sinnlos und aussichtslos ist – das wäre für mich die schlechteste Lebenseinstellung und Lebensphilosophie. Der Glaube an Gott schenkt mir Hoffnung und gibt mir Kraft zum Vertrauen, dass nicht das Böse und nicht der Tod, sondern dass Gott das letzte Wort hat.“
Mit der leibhaftigen Auferstehung Jesu zu Ostern haben viele Gläubige Schwierigkeiten. „Daran glaube ich“, stellt Josef Grünwidl fest. „Ich glaube nicht, dass nach meinem Tod nur meine Lebensenergie irgendwie in einem kosmischen Energiepool aufgehen wird, sondern dass ich als Person, als Josef Grünwidl mit meiner einzigartigen Lebensgeschichte auf ewig in Gott weiterleben werde. Das verstehe ich unter leibhaftiger Auferstehung. Deswegen bin ich auch überzeugt, dass Jesus von Nazareth, der am Kreuz gestorben ist, lebendig ist und als Sieger über den Tod lebendig bleibt.“
Seit seiner Weihe am 24. Jänner macht sich eine Aufbruchsstimmung in der Diözese bemerkbar. Agnes Liener, die ehrenamtliche Vorsitzende der Katholischen Jugend Wien, begleitet den Erzbischof bei seinem Fest-Rundgang. Sie hofft, dass „für viele Menschen wieder der Wunsch stärker wird“, sich mit dem Glauben zu befassen.
In der Karwoche und zu Ostern wird der Erzbischof mehrere Messen im Wiener Stephansdom feiern. An die Ostern seiner Kindheit erinnert sich der Bauernsohn aus dem Weinviertel gern, nicht nur an die Osterhasen-Geschenke und das Ostereier-Suchen. „Dazu kommt ‚die Grean‘, der im Weinviertel traditionelle Osterspaziergang in die Kellergassen mit Einkehr im Keller. Die Gottesdienste in der Kirche, die vielen Symbole in der Karwoche und zu Ostern, Dunkelheit und Licht, Wasser, Osterfeuer und Auferstehungsprozession – das hat mich sehr fasziniert.“
Kardinal Franz König (1904–2005) hat einmal gesagt: „Der Bischof ist nicht der Chef seiner Diözese, sondern der Knecht.“ Josef Grünwidl „würde sagen der Diener, nicht der Knecht. Viele Menschen gratulieren mir jetzt und sagen – ‚Du hast Karriere gemacht!‘ Aber den Schritt zum Bischof sehe ich als einen Schritt ‚hinunter‘ – zum Dienen. Bischof sein ist ein schöner Dienst, aber das hat für mich überhaupt nichts mit herrschen oder mit mächtig sein zu tun. Ich bin den ganzen Tag eingeteilt im Dienst für die Kirche und versuche, verfügbar zu sein.“
Sein Tag beginnt in der Regel um 7 Uhr in der Früh, „mit einer halben Stunde Stille und der Frühmesse“. Oft ist er bis am Abend um acht Uhr oder zehn Uhr unterwegs. „Ich habe einen freien Tag in der Woche, den versuche ich, so gut es geht, von Terminen freizuhalten.“
Was er genau verdient, darauf antwortet der neue Wiener Oberhirte auch auf Nachfragen vage. „Ich habe bei meinem Amtsantritt gesagt, ich möchte gerne weiterhin soviel verdienen, wie ich in den letzten Jahren in meiner Funktion als Bischofsvikar verdient habe, nicht mehr und nicht weniger. Denn mehr brauche ich nicht.“
Aber ihm sei bewusst, „dass ich mit Dienstwohnung, Dienstwagen und Fahrer sowie mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im erzbischöflichen Sekretariat und Haushalt sehr privilegiert bin, weil ich mir keine Sorgen um Miete und Lebenserhaltungskosten machen muss.“
Beim Streitthema Zölibat wäre Grünwidl für eine freiwillige Entscheidung. Welche er gefällt hätte, ist nicht sicher. „Die berühmte Frage: ‚Was wäre, wenn …?‘ Ich weiß nicht, ob ich geheiratet hätte, vielleicht ja. Mittlerweile lebe ich schon fast vierzig Jahre zölibatär und kann mir heute ein Leben mit eigener Familie nicht vorstellen“, zieht der Erzbischof Bilanz.
„Ich schätze die zölibatäre Lebensform und betone, dass es das freiwillige ehelose Leben von Anfang an in der Kirche gegeben hat und auch weiter geben soll“, sagt Grünwidl. „Ich glaube aber nicht, dass der Zölibat eine Bedingung sein muss, um Priester zu werden oder dass man zölibatär leben muss, um ein guter Priester und Seelsorger sein zu können.“
Das zeigten andere Kirchen.








