ORF-Intrigen auf unsere Kosten
Nach dem Rücktritt des Generaldirektors des ORF zeigt sich immer deutlicher, dass er mehr Opfer als Täter zu sein scheint. Sogar von Erpressung ist die Rede. Weitere Personen sind rücktrittsreif und sogar der ehemalige Generaldirektor gerät ins schiefe Licht.
Besser als von Peter Westenthaler (58, FPÖ) hätten die Geschehnisse vorige Woche im ORF-Zentrum am Küniglberg in Wien nicht beschrieben werden können. „Es ist eine Mixtur aus Intrige, aus Machtspielen, aus Kabale und Liebe – zum Schaden des ORF.“ Und damit jedes Gebührenzahlers, der seit 1.1.2024 die Haushaltsabgabe bezahlen muss.

Die Besetzung des Dramas liest sich wie das „Who is Who“ der Medienszene. In der Hauptrolle: Generaldirektor Roland Weißmann, 57, der mittlerweile zurückgetreten ist. „In den vergangenen Tagen hat eine ORF-Mitarbeiterin gegenüber dem Generaldirektor Vorwürfe der sexuellen Belästigung erhoben“, hieß es in einer ersten Presseaussendung des ORF. Darüber, wie freiwillig der Rücktritt war, scheiden sich die Geister – zwischen Weißmann und den Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer (SPÖ) sowie Gregor Schütze (ÖVP).

Weißmann, der von Anfang an die Vorwürfe bestritt, sagt: nicht freiwillig.

Lederer und sein Stellvertreter behaupten das Gegenteil. Brisant ist, dass die Stiftungsratsvorsitzenden nach Bekanntwerden der Vorwürfe durch den Anwalt der Frau nicht etwa die übrigen Mitglieder des 35-köpfigen Gremiums zu einer dringlichen Sitzung einberiefen, sondern eigenmächtig handelten und den Rücktritt so schnell wie möglich unter Dach und Fach brachten.

Schwerer Tatbestand wurde ausgeräumt

Laut Paragraph 218 des Strafgesetzbuches ist der Vorwurf der sexuellen Belästigung ein schwerer Straftatbestand.

Nach der Stiftungsratssitzung am vergangenen Donnerstag stellte sich jedoch heraus, dass der Vorwurf aufgrund vorliegender Dokumente wie E-Mails oder Sprachnachrichten von einem Juristen ausgeräumt wurde. Das heißt, Lederer und Schütze haben hier offenbar falsch gespielt, zumal sie gar nicht in der Lage sind, den Generaldirektor abzusetzen.

Sie dürften hier ihre Kompetenzen überschritten haben, Westenthaler spricht von „schweren Pflichtverletzungen“. Ein fragwürdiges Handeln der Stiftungsratsvorsitzenden, deren Position ebenfalls in Frage gestellt werden muss.

Das Drama nahm Fahrt auf, als bekannt wurde, dass ein jahrelanger Zwist zwischen Weißmann und dem ORF-Spitzenmanager Pius Strobl, 69, im Zusammenhang mit dem Rücktritt stehen könnte. Denn Strobl hatte sich noch mit Weißmanns Vorgänger Alexander Wrabetz, 65, mittlerweile KI-Beauftragter der Stadt Wien und Rapid-Präsident, nicht nur ein jährliches Gehalt von zuletzt 451.710 Euro pro Jahr ausgemacht, sondern zusätzlich eine Spitzenpension in der Höhe von 2,4 Millionen Euro
gesichert.

Die wollten Weißmann und die kaufmännische Direktorin Eva Schildhauer, 43, jedoch nicht auszahlen. „Weißmann hat hier völlig richtig gehandelt, indem er gesagt hat, er sieht diese Pensionsansprüche als rechtswidrig an“, erklärt Stiftungsrat Peter Westenthaler. „Das war schließlich das Werk seines Vorgängers Wrabetz. Daraus dürfte sich ein monate-, wenn nicht jahrelanger Streit entsponnen haben.“

Noch schiefer macht die Optik, dass die Frau, die Weißmann beschuldigt, eine Mitarbeiterin Strobls ist und zudem vom selben Anwalt wie er vertreten wird.

Eine kolportierte Beziehung zu der Frau verneinte Strobl zuletzt vehement und sprach davon, Mitarbeitern in Notlagen behilflich sein zu wollen. Nicht wenige orteten stattdessen eine Intrige, manche sprechen sogar von möglicher Erpressung. Westenthaler bleibt aber vorsichtig. „Das müssen wir den Betroffenen fragen, weil ich weder bei den Gesprächen über den Pensionsvertrag dabei war, noch die Einschätzung des Betroffenen kenne.“ Nachsatz: „Aber ich würde verstehen, wenn der Betroffene das so sieht.“

Fakt ist freilich, dass Strobl schon ein Mal zum Problemfall für den ORF wurde. Und zwar in der sogenannten Abhöraffäre.

Im Jahr 2010 hatte der ehemalige Polizist eine Mitarbeiterin beauftragt, am Rande einer Stiftungsratssitzung Gespräche zwischen Direktoren, Stiftungsräten und Journalisten mitzuschneiden. Die Staatsanwaltschaft ermittelte damals wegen Missbrauches von Tonaufnahme- und Abhörgeräten gegen Strobl, stellte das Verfahren 2012 aber ein. Der Manager musste damals zwar seinen Posten räumen, kehrte aber schon bald als selbstständiger Berater indirekt zum ORF zurück und wurde im Jahr 2015 von Wrabetz als Sicherheitsbeauftragter ins Unternehmen zurückgeholt – mit bekannt hohem Jahresverdienst auf Kosten der Zwangsgebührenzahler.

Warum Wrabetz das nach dem Rauswurf Strobls verantworten konnte, blieb bislang ebenso unklar wie der
Grund für das hohe Gehalt sowie die
Pensionsvereinbarung zwischen ihm und seinem Vertrauten Strobl.

Pensionsanspruch soll Fall für Gerichte werden

All das soll nun überprüft werden. „Wer hat den Vertrag unterzeichnet, wer hat ihn angenommen? Es liegen umfangreiche Verdachtslagen vor, die jetzt geklärt werden müssen“, sagt Westenthaler.

„Ich bin mir sicher, dass das nicht der ORF alleine machen wird, sondern dass das die Gerichte beschäftigen wird. Die Konsequenzen können von einer Suspendierung des Herrn Strobl bis zu strafrechtlichen Anzeigen reichen. Das muss nun geprüft werden.“

Dass Strobl wie 2010, aber auch Wrabetz keine Konsequenzen zu befürchten hat, glaubt der Stiftungsrat Westenthaler nicht. „Meiner Meinung nach hat der Fall jetzt eine andere Qualität. Da kann man sich nichts mehr richten. Nach den Informationen, die wir bekommen haben, ist es schlicht und ergreifend ein starkes Stück, aus dem man nicht so leicht herauskommt.

Der Gesamtzustand ist bedenklich, allein schon, was die Summe dieser Sonderpension betrifft. Man darf nicht vergessen: Wir sprechen hier von Zwangsgebühren-Geldern, also von Steuergeldern.“

Die Sonderpension in Höhe von 2,4 Millionen Euro, von Wrabetz im ersten Quartal 2010 gezeichnet, war lange ein Mysterium, auch für Westenthaler. „Als ich im März 2024 Stiftungsrat wurde, war einer meiner ersten Anträge und Handlungen, mir diesen Pensionsvertrag anzuschauen. Es wurde damals sogar behauptet, es gäbe ihn nicht. Das ist auch meine Kritik, dass der Stiftungsrat offenbar nicht ordnungsgemäß informiert wurde.“

Was Roland Weißmann betrifft, ließ er zuletzt über seinen Anwalt Details zur Beziehung mit dem mutmaßlichen Opfer bekanntgeben und berichtet von einer privaten Beziehung ab Ende 2019. „Mag. Weißmann war damals weder Generaldirektor noch war er ihr Vorgesetzter. (…) Es kam in beidseitigem Interesse und auf Initiative beider zu gemeinsamen Essen, Laufausflügen, Besuchen zu Hause und immer wieder zu regem Austausch per Telefon und in den sozialen Medien. Dabei wurden wechselseitig und einvernehmlich auch intime und höchstpersönliche Nachrichten ausgetauscht.“

Im Jahr 2021 kühlte die Beziehung ab und wurde 2022 von der Frau wiederbelebt. Sie lud Weißmann zu einem Abendessen ein, wo sie ihm mitteilte, dass ihre Ehe am Ende sei. Im Sommer 2023 lud sie den nun geschassten Generaldirektor in ihr neu gebautes Haus ein, um ihm zu sagen, dass sie zwar geschieden sei, aber einen neuen Lebensgefährten habe, so die Stellungnahme.

„Mag. Weißmann zog sich daraufhin zurück. Es gab nur noch oberflächlichen Kontakt, aber auch keine Spannungen“, heißt es in der Stellungnahme. Noch im Jahr 2025 gratulierte die Frau Mag. Weißmann per WhatsApp zum Geburtstag. Mag. Weißmann habe diese private Beziehung nie mit seiner (ab 2022 bestehenden) Stellung als Generaldirektor in Verbindung gebracht.

„Die Tätigkeit der Mitarbeiterin beim ORF war während der gesamten Zeit niemals Thema zwischen ihr und ihm. Es gab auch niemals irgendeine Form der Druckausübung oder eines Machtmissbrauchs.“

Was wohl gegen Weißmann spricht, ist die „MeToo“-Bewegung, die seit dem Jahr 2017 auf sexuellen Missbrauch von Frauen aufmerksam macht. Für viele Frauen gibt es die Initiative zu Recht, parallel dazu kam es aufgrund der Sensibilität des Themas aber auch immer wieder zu vorschnellen Verurteilungen.

Herkulesaufgabe für Ingrid Thurnher

Das kritisierte auch die ehemalige ORF-Journalistin und ZiB-Moderatorin Ursula Stenzel, 80, auf ServusTV.

„Man kommt nicht um den Eindruck herum, dass hier eine mordspolitische Intrige in Gang gesetzt wurde und die Frage des Missbrauchs der Frau, des Anmachens – wie auch immer – eine vorgeschobene Sache ist. Ich halte es nicht für notwendig, dass man ein Frauenthema so in den Vordergrund schiebt, ohne genau sagen zu können, was vorgefallen ist. Für mich ist das ein Riesenablenkungsmanöver von einer wirklich üblen politischen Absicht.“

Licht ins Dunkel bringen soll jetzt Stenzels ehemalige Kollegin Ingrid Thurnher, 63, die interimistisch die ORF-Geschäftsführung übernommen hat.

Das ORF-Urgestein kennt das Haus nach 40 Jahren wie ihre Westentasche. Sie begann ihre Karriere Mitte der 1980er Jahre im Landesstudio Niederösterreich, dessen Landesdirektor Robert Ziegler, 59, im Jahr 2022 seinen Hut nehmen musste.

Doch seine Freunde ließen ihn nicht fallen und fanden eine andere Beschäftigung im ORF. Er wechselte nach seinem Rücktritt wegen politischer Einflussnahme zugunsten der ÖVP und der Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner im März 2023 ausgerechnet in die von Pius Strobl geleitete Hauptabteilung „Facility Management und Corporate Social Responsibility“ ins ORF-Zentrum nach Wien.

Thurnher spricht von einer Herkulesaufgabe, was Peter Westenthaler noch präzisiert.

„Ich weiß nicht, ob ihr im Moment der Zusage bewusst war, worauf sie sich da eingelassen hat.“ b.reiter