Alle Jahre wieder Weihnachtshits
Pünktlich um Mitternacht an jedem 1. November, wenn in den USA quasi offiziell die Weihnachtszeit beginnt, meldet sich Mariah Carey, 56, im Internet. Meist mit einem lustigen Filmchen.
Sobald das Auftauprogramm der Diva und selbsternannten „Königin der Weihnachtszeit“ komplett ist, gibt es in den folgenden zwei Monaten in der westlichen Welt vermutlich keinen sicheren Aufenthaltsort mehr, um sich vor ihrem Meisterwerk „All I Want For Christmas Is You“ aus dem Jahr 1994 wirkungsvoll schützen zu können. Bereits ab der zweiten Dezemberwoche führte dieses Lied auch in diesem Jahr die Hitlisten in Deutschland, unserem Land, der Schweiz und den USA an.

In Deutschland hat das Stück, das Careys stimmliche Qualitäten geschickt mit einem lockeren, an die Motown-Ära erinnernden Soul-Sound verbindet, gerade den Allzeitrekord für die meisten Wochen auf Platz eins geknackt: 22 Wochen sind es (Stand 10. Dezember).

Das Lied von Mariah Careys „Merry Christmas“-Album war zwar schon nach der Veröffentlichung im Jahr 1994 ein Hit, aber dass es einmal derart beliebt wird, ließ sich nicht erahnen. Heute beschert „All I Want For Christmas“ der Sängerin und (zusammen mit Walter Afanasieff) Autorin Carey pro Weihnachtssaison geschätzte zehn Millionen Euro an Einnahmen.

Auch bei Brenda Lee daheim in Nashville (US-Staat Tennessee) klingelt alljährlich nicht nur das Bescherungsglöckchen, sondern vor allem die Kassa. Lee war 13 Jahre alt, ihre Stimme aber schon kräftig, als sie 1958 das Lied „Rockin‘ Around The Christmas Tree“ aufnahm. Lee, die gerade 81 Jahre alt geworden ist und sich bester Gesundheit erfreut, war ein „Kinderstar“ jener Zeit und ist seit Dezember 2023 die älteste Person, die je an der Spitze der amerikanischen Hitparade stand.

Auch dieses Jahr ist das Lied, das schon in „Kevin – Allein zu Haus“ zu Ruhm und Ehren kam, wieder ganz vorne dabei, derzeit auf Platz drei in den USA und hierzulande, auf Platz vier in Deutschland und der Schweiz. „Für mich ist dieser Erfolg vollkommen surreal und ein echtes Rätsel“, sagt Brenda Lee, die seit 62 Jahren mit ihrem Mann Ronnie Shacklett verheiratet ist. „Aber ich liebe Rätsel.“

Ein Rätsel ist die erdrückende Dominanz von Weihnachtshits ab Mitte November bis Ende Dezember nicht nur für Brenda Lee.

Was für eine Monokultur. „Last Christmas“ von „Wham!“ zählt natürlich auch dazu, „Merry Christmas Everyone“ von Shakin‘ Stevens, „Jingle Bell Rock“ von Bobby Helms, Andy Williams mit „It‘s The Most Wonderful Time Of The Year“ oder auch John Lennon und Yoko Ono mit „Happy Xmas“ und der unvergessene Klassiker „White Christmas“ von Bing Crosby (1903 bis 1977). Dieses Lied aus dem Jahr 1941, das für den Musical-Film „Holiday Inn“ geschrieben wurde, ist mit 50 Millionen Stück sogar die meistverkaufte Single der Welt. Musikkritiker begründeten den Erfolg des Liedes darin, dass „,White Christmas‘ die Weihnachtsmusik für immer veränderte. Weil es auch die Themen Heimat und Nostalgie bedient. Sie waren in der Folge immer öfter in der Weihnachtsmusik zu finden.“ Cosby selbst fand zunächst wenig Besonderes an dem Lied, das er 1944 während des Zweiten Weltkrieges dann unter Tränen vor 100.000 Soldaten an der französischen Front sang.

Aufnahme in den elitären Kreis der Weihnachts-Hits zu finden, ist nicht unmöglich, aber auch nicht einfach. Michael Bublé gelang es 2011 mit dem Album „Christmas“. Auch Kelly Clarkson mit „Wrapped In Red“ und der Single „Underneath The Tree“ (2013) hat ihre Füße in der Tür der Weihnachts-Klassiker.

In Europa war es Sarah Connor, die im Jahr 2022 mit „Not So Silent Night“ ein originelles und lustiges Weihnachtsalbum veröffentlichte, auch „Weihnachten“ von Helene Fischer (2015) zählt für viele zum Kanon.

Dieses Jahr sticht eine Nummer aus der etwas fahlen Masse der Neuanwärterlieder heraus, und das ist die neue Single „XMAS“ von Kylie Minogue, 57, aus dem aufgepeppten 2015er-Album „Kylie Christmas (Fully Wrapped)“.

Wer drei Minuten Lebenszeit füllen möchte, möge sich Minogues Auftritt beim „Capital‘s Jingle Bell Ball“ aus der Londoner O2-Arena anschauen. steffen rüth