Heilige Nacht, volle Bänke
Leere Kirchen sind längst Alltag. Nicht einmal ein Zehntel der hiesigen Katholiken besucht noch die Sonntags-Messen. Zu Weihnachten ist das anders. In der Christmette sind die Kirchenbänke voll.
So idyllisch, wie Peter Rosegger einst den Gang in die Christmette schilderte, ist es heute selten. „Der Schnee knirschte unter unseren Füßen, und wo ihn der Wind weggetragen hatte, da war der schwarze Fleck des nackten Bodens so hart, dass unsere Schuhe an ihm klangen“, schrieb der Steirer in seinem 1902 erstmals erschienenen Buch „Als ich noch der Waldbauernbub war“.

Mit Fackeln in den Händen machten sich die Dorfbewohner auf den Weg in die Christmette. Die Kirche beeindruckte den Bauernbub Rosegger damals enorm. „Als an der Sakristei-Tür das Glöcklein klang und der Pfarrer in funkelndem Messkleid, begleitet von Ministranten und rotbemäntelten Windlichtträgern, über den purpurroten Fußteppich zum Altare ging, da rauschte die Orgel in ihrem ganzen Vollklang, da wirbelten die Pauken und schmetterten die Trompeten.“

Die Christmette, die in der Heiligen Nacht von 24. auf 25. Dezember gefeiert wird, gehört heute noch zu den meistbesuchten katholischen Gottesdiensten des Kirchenjahres.

An den beiden sogenannten „Zählsonntagen“ in der Fastenzeit und Ende November nehmen im Schnitt 370.000 Gläubige an der Sonntagsmesse teil. Das ist nicht einmal ein Zehntel der rund 4,5 Millionen Katholiken hierzulande.

Zu Weihnachten hingegen sind die Kirchenbänke voll, egal, ob zur „Kindermette“ am Nachmittag oder zur nächtlichen Christmette, die auch in der evangelischen Kirche gefeiert wird. Allein den Stephansdom füllen Jahr für Jahr an die 5.000 Kirchgänger. Der Besuch gehört für viele Christen zum alljährlichen Weihnachts-Ritual. Auch wenn sie sonst den Gotteshäusern fernbleiben. Die katholische Kirche in Deutschland hat wegen des Andranges von Ungeübten sogar schon einen „Spickzettel für die Christmette“ zum Mitnehmen veröffentlicht. Darin wird etwa die Frage beantwortet: „Wann kniet man sich hin?“

Dass in der Christnacht die Kirchenbänke in der Regel bis auf den letzten Platz besetzt sind, wundert Thomas Stanzer von der Diözese Graz-Seckau nicht. „Obwohl der Glauben aus dem Alltag verschwindet, ist er bei vielen doch wichtig und so tief verankert, dass man zu den speziellen Terminen in die Kirche kommt und mitfeiert“, ist er überzeugt. „Wir bobachten das an besonderen Eckpunkten im Jahr, zu Weihnachten und zu Ostern.“

Der Name der Christmette leitet sich vom nächtlichen Stundengebet in den Klostern ab, dem „Matutin“, das zwischen Mitternacht und dem frühen Morgen gebetet wird. Die Messe beginnt traditionell um Mitternacht, in vielen Pfarrgemeinden aber auch schon um 22 oder 23 Uhr. „Man könnte annehmen, dass die jährliche Christmette eine Art Routine ist“, sagt der steirische Bischof Wilhelm Krautwaschl. „Das ist aber nicht so. Ich werde heuer die elfte Christmette als Bischof im Grazer Dom feiern. Und sie wird wieder besonders und anders sein. Die Menschen sind andere, die Situation rundum ist anders, die Freuden ebenso wie die Sorgen.“

Was gleich bleibe, sei, „dass wir all das Jesus anvertrauen können“, sagt der 62jährige. „Ein besseres Hoffnungsereignis als die Geburt von Gottes Sohn kann man sich nicht vorstellen. Er steht dafür, dass Gott mit uns ist in guten und schlechten Zeiten. Er ist für uns da.“

Weihnachten, und damit die Geburt Christi, wurde schon im vierten Jahrhundert gefeiert. Das Fest wurde vermutlich unter dem damaligen Kaiser Konstantin in Rom eingeführt. Er hatte den Christen Religionsfreiheit garantiert. Gleichzeitig zeigte ein römischer Kalender den 25. Dezember auch als heidnischen Festtag an, als Tag der Wintersonnenwende und Geburtstag des „unbesiegten Sonnengottes“.

Das Christentum setzte sich durch. Ab dem fünften Jahrhundert wurde an diesem Tag eine festliche Messe gefeiert. Der nächtliche Gottesdienst verbreitete sich erst später in Europa.

Jahrhundertelang war die Christmette der Höhepunkt des Weihnachtsfestes. In Zeiten, als weder ein Christbaum noch die heutige Geschenkeflut üblich waren. Die Stunden bis Mitternacht vertrieben sich beispielsweise in Wien die Bürger mit diversen Vergnügungen. In den Straßen lockten Stände mit Krippenfiguren, Spielzeug und Essen wurden zum Kauf angeboten. Die Wirtshäuser waren voll. In wohlhabenderen Haushalten unterhielten sich die Familien mit Spielen.

Aber das teils ausgelassene nächtliche Treiben war den sittenstrengen Aufklärern dieser Zeit ein Dorn im Auge. Um das zu unterbinden, wurden im Jahr 1805 die Metten in Wien in die frühen Morgenstunden verlegt, ab fünf Uhr früh. Eine Neuerung, die sich nicht einmal zwei Jahrzehnte hielt. Ab dem Jahr 1823 begannen sie wieder um Mitternacht.

Auf dem Land wurden die Kirchenvorschriften deutlich strikter gehandhabt. Der 24. Dezember war ein strenger Fasttag, der eine Fleischmahlzeit erst nach der Mette vorsah. Heute gilt laut Kirchenrecht nur noch am Aschermittwoch und Karfreitag ein „Fasten- und Abstinenzgebot“.

Peter Rosegger schilderte in seinem „Waldbauernbub“-Klassiker das bescheidene „Mittagmahl am Heiligen Abend“. Es „wurde nicht in der Stube eingenommen, sondern in der Küche“, wo das Nudelbrett als Tisch diente und die Bewohner das „einfache Fastengericht still, aber mit gehobener Stimmung“ verzehrten.