Die echten Meerjungfrauen
Seekühe – auch Dugongs oder Manatis genannt – sind freilich keine echten Kühe. Sie heißen so, weil sie Seegraswiesen abweiden. Tatsächlich sind Elefanten ihre nächsten Verwandten.
Unvermittelt taucht ein kompakter, grauer Schatten im Wasser auf. Luftbläschen erreichen blubbernd die Oberfläche und plötzlich erscheint ein freundliches Gesicht mit einer knautschigen Nase. „Meerjungfrauen gibt es wirklich. Aber sie sind nicht so schön, wie es ihnen nachgesagt wird“, schrieb der Seefahrer Christoph Kolumbus 1493 in sein Schiffstagebuch.

Doch was sich da in einiger Entfernung im Wasser räkelte, waren natürlich Seekühe. Heute sind die Tiere so stark bedroht, dass sie vielerorts bald selbst dem „Reich der Legenden“ angehören könnten. „Ihr größter Feind ist dabei der Mensch, denn für Haie und Alligatoren sind sie als Beutetier schlicht zu groß“, berichtet Dr. Antonio Mignucci, der auf Puerto Rico in der Karibik eine Seekuhklinik leitet.

Tatsächlich wurden die rund vier Meter großen und bis zu eineinhalb Tonnen schweren Pflanzenfresser – die in der Nähe von Flussmündungen, Sümpfen und küstennahen tropischen Meeresgewässern zu finden sind – lange von Menschen gejagt und gegessen.

Mittlerweile sind die geselligen und friedfertigen Tiere in weiten Teilen der Welt geschützt und stehen nicht mehr auf der Speisekarte. Bedroht sind sie trotzdem. Nicht selten durch viel zu schnelle Motorboote, die mit den im seichten Wasser nach Nahrung suchenden Tieren zusammenstoßen. „Immer wieder müssen wir uns daher auch um schwer verletzte Seekühe mit tiefen Schrammen von Propellerschrauben kümmern“, beklagt der Seekuhklinik-Leiter.

Seltener Nachwuchs

Dass die Weibchen erst mit neun Jahren geschlechtsreif werden, kommt als weiteres Problem hinzu. „Die Schwangerschaft beträgt zwölf Monate, und das Kalb bleibt dann zwei Jahre bei seiner Mutter. Oft vergehen viele Jahre, bis Weibchen überhaupt wieder trächtig werden“, erzählt der Experte. Zudem leiden Seekühe wie viele andere Tiere unter der Verschmutzung der Meere. Und so sterben jedes Jahr mehr, als neu geboren werden.

Ihr engster lebender Verwandter ist aber nicht die Kuh – sondern der Elefant. „Seekühe stammen von Landsäugern ab, die vor rund 60 Millionen Jahren in flachen Sumpfgebieten lebten und sich erst allmählich an das Leben im Wasser anpassten. Ihre Vorderbeine wurden schließlich zu Flossen an deren Enden noch Fingernägel zu erkennen sind“, erklärt Antonio Mignucci (kl. Bild o.). Ebensolche Verhornungen befinden sich auch an Elefantenfüßen – ein Hinweis auf ihre Verwandtschaft. Der Schwanz der Seekühe endet in einer waagrechten Flosse, an deren Form die zwei noch existierenden Familien erkennbar sind. So besitzen Gabelschwanzseekühe – auch Dugongs genannt – eine halbmondförmige Flosse. Bei den Rundschwanzseekühen, den Manatis, ist sie hingegen kreis- oder spatenförmig. Durch Auf- und Abbewegungen der Flosse können sich die Tiere fortbewegen. Sie sind allerdings keine Schnellschwimmer und treiben meist mit nur drei bis sieben Stundenkilometern durchs Wasser. Droht Gefahr, können sie aber eine Geschwindigkeit von 25 km/h erreichen.

Die meiste Zeit verbringen Seekühe mit der Nahrungsaufnahme und futtern dabei täglich bis zu 40 Kilo Grünzeug, das sie mit ihren Flossen und Lippen ins Maul befördern und mit den Backenzähnen zermalmen. „Wie Haie haben sie dabei nie Probleme mit ihren Zähnen. Sind sie abgenutzt, fallen sie einfach aus – denn darunter wächst schon ein neuer Zahn“, weiß der Seekuhexperte. Je nach Art liegt die Lebenserwartung der Tiere zwischen 30 und 70 Jahren. Hwie