„Mama wusste, was wir heuer inszenieren“
Eine der namhaftesten Adressen für Sommerfestspiele ist jene im burgenländischen Mörbisch.

Dort ist seit Anfang 2022 Alfons Haider, 66, als Intendant tätig.

Heuer bringt der zum „Professor“ ernannte Darsteller und Moderator das bekannte Musical „My Fair Lady“ zur Aufführung. Eine Produktion, die seine geliebte Mutter nicht mehr sehen kann.
Herr Haider, oder möchten Sie lieber mit „Herr Professor“ angesprochen werden? Dieser Titel wurde Ihnen kürzlich vom burgenländischen Landeshauptmann verliehen …

Die Menschen, die mich mögen, sagen weiterhin Alfons zu mir, wer mich pflanzen will, sagt „Herr Professor“ (lacht). Aber ja, ich nehme den Titel als Auszeichnung durchaus erfreut an, zumal die Urkunde vom Bundespräsidenten und vom Vizekanzler unterschrieben wurde. Jedenfalls wurde ich völlig überrumpelt und überrascht. Ich wurde ja nicht als einziger geehrt und als Moderator für die Verleihung engagiert. Am Ende wurde ich aufgerufen.

Es war nicht zu übersehen, wie gerührt Sie waren …

Das hängt mit meiner Mutter zusammen, die sich wahnsinnig über den Professoren-Titel gefreut hätte. Weil ich an sie dachte, musste ich weinen, obwohl ich weiß, dass Tränen in der Öffentlichkeit verboten sind. Aber nun kann ich endlich zu meiner Mutter „Frau Professor Haider“ sagen. Die Urkunde liegt neben dem Bild meiner toten Mutter.

Ihre Mutter ist im vergangenen November gestorben. Im vorigen Sommer war „Mamma Mia“ in Mörbisch (B) zu sehen. Konnte Sie den Erfolg noch miterleben?

Nein, da ging es bereits nicht mehr. Sie war in den Jahren zuvor bei „Westside Story“ und „Der König und Ich“ dabei, aber im Vorjahr ging es ihr nicht mehr gut. „Mamma Mia“ war die erste Premiere in meinem Leben, die meine Mutter nicht miterlebte. Wir haben es zwar versucht, drei Mal ist sie bereits im Auto gesessen, aber auch beim dritten Versuch meinte sie, lass mich bitte wieder aussteigen, ich will dir keine Schande machen. Ich wusste, wenn sie einmal nein sagt, dann kann es wirklich kritisch werden.

Sie hätte wohl auch gern die diesjährige Produktion der Festspiele in Mörbisch, „My Fair Lady“ gesehen, die diese Woche Premiere feiert. Wusste Ihre Mutter, dass Sie das Stück für diesen Sommer ausgewählt haben?

Ja, natürlich hätte sie „My Fair Lady“ gern gesehen und selbstverständlich wusste sie davon. Ich habe mit meiner Mutter über alles gesprochen, mit ihr 50 Jahre meines Lebens verbracht und bin dankbar, dass ich sie bis zu ihrem 85er haben durfte. Das Ende war nicht schön, aber das ist es nie. Ich habe sie bis zum Schluss gepflegt, bei ihr gewohnt und bin dem lieben Gott oder Buddha – wem auch immer – dankbar, dass ich dabei sein konnte, wie sie die Augen geschlossen hat.

Sie tragen in Erinnerung an Ihren früh verstorbenen Vater seinen Ehering …

… nun trage ich zwei Eheringe, an der rechten Hand den Papa, an der linken Hand trage ich die Mama. Für mich ist eine riesige Lücke entstanden, aber ich habe gelernt, in dieses Loch hineinzuschauen und dann ist Mama da und ich spüre sie. Wenn mir andere das erzählten, konnte ich das nie glauben. Aber es ist tatsächlich so. Bei meinem Vater habe ich 20 Jahre lang gebraucht, bis ich seinen Tod realisierte. Mit 37 Jahren bin ich zusammengebrochen, weil ich es erst dann verstanden habe.

Sie waren 17 Jahre alt, als Ihr Vater starb. Das war gleichzeitig das Jahr, in dem Sie erstmals in einer Mini-Rolle auf der Seebühne Mörbisch standen. Hätten Sie sich zu diesem Zeitpunkt gedacht, einmal der „Chef“ dieser Bühne zu sein?

Das war bestimmt, es gibt keine Zufälle. Ich habe mindestens 30 Produktionen in Mörbisch gesehen, weil mich diese Bühne fasziniert hat. Ich habe mir immer gedacht, dass ich dort einmal hinkomme, als Darsteller, nicht als Intendant. Und nun muss ich sagen, dass das Burgenland wie eine neue Heimat für mich geworden ist. Ich habe ein riesengroßes Glück, zumal ich kein rühmliches Ende beim ORF hatte. Es gibt keine Garantie dafür, dass ein Moderator bis 70 moderiert, aber es gibt auch keine Grundlage dafür, dass ein Moderator mit 65 verschwinden muss. Der ORF hat mir mit diesem Ende geholfen. Es heißt, „Wenn eine Tür zugeht, gehen zwei andere auf.“ Bei mir sind zwei Türen zugefallen und eine wunderbare Tür ins Burgenland ist aufgegangen. Die Burgenländer haben mich extrem freundlich aufgenommen. Im vorigen Jahr nach dem Premieren-Abend stellte sich eine 80jährige Dame aus Podersdorf bei mir vor und sagte: „Ich darf doch du zu dir sagen. Denn du bist gar nicht der Intendant, du bist einer von uns.“ Das ist doch das schönste Kompliment, das ich bekommen kann.

„My Fair Lady“ wurde im Jahr 1956 uraufgeführt. Was haben Sie für die diesjährige Musical-Produktion verändert?

„My Fair Lady“ ist zwar eine der besten Unterhaltungskomödien, beinhaltet jedoch viel Tiefsinniges und eine traurige Botschaft, die deutlich macht, dass Menschen, die nicht der Sprache mächtig sind, gesellschaftlich unten durch und Hungerleider sind. Die Zahl der Analphabeten steigt, wie wir wissen, auf unfassbare Weise. Das ist ein Problem, das heute noch genau so schlimm ist wie im London (England) der 1920er Jahre. Meines Erachtens dürfte das Stück in der Form gar nicht mehr gespielt werden, weil es äußerst frauenfeindlich ist. Ich war der Meinung, ich müsse dieses Frauenbild zurechtrücken. Dafür wünschte ich mir jemanden, der beliebt ist, etwas zu sagen hat, und dem niemand widerspricht. Blitzartig ist mir Dolores Schmidinger eingefallen, die zudem eine gewisse Ähnlichkeit mit Königin Elisabeth II. hat. Unsere „My Fair Lady“ spielt im England des Jahres 2018. Das Land hat eine Königin, die seit 75 Jahren fantastisch und besonnen regiert. Dolly verkörpert die Rolle der Königin so überzeugend, dass wir bei der Probe Gänsehaut bekommen haben.

Zur Person

Alfons Haider wurde am 24.11.1957 in Wien geboren. Er absolvierte die Schauspiel- und Musicalausbildung in Wien und am Lee Strasberg Institut in Los Angeles (USA). Ab 1989 war er als Moderator für den ORF tätig („Opernball“, „Starnacht“, „Dancing Stars“). Im Fernsehen war er in „Ringstraßenpalais“ und „Kaisermühlen Blues“ zu sehen.

Seit Anfang 2022 ist der in Wien lebende Künstler Generalmusikintendant des Burgenlandes für die Seefestspiele Mörbisch und den Festivalsommer auf Schloss Tabor im Bezirk Jennersdorf.

Seefestspiele Mörbisch: 11.7. bis 17.8., „My Fair Lady“ Karten: 02682/66210; www.seefestspiele-moerbisch.at