„Krieg führende Schimpansen haben mich schockiert“
Die Engländerin Jane Goodall war 23 Jahre alt, als sie nach Afrika ging, um das Verhalten von Schimpansen zu erforschen – und wurde berühmt.

Am 3. April wird die zur „Dame“
geadelte Forscherin nun 90 Jahre alt und blickt auf ein Leben voller Abenteuer zurück. Die WOCHE-Reporterin Barbara Reiter hat mit der Jubilarin gesprochen.
Frau Goodall, als Sie ein Jahr alt waren, hat Ihnen Ihr Vater einen Stoff-Schimpansen geschenkt. Gibt es ihn noch?
Natürlich, „Jubilee“ sitzt in meinem Zimmer in Bournemouth (Anm.: Goodall ist an der Südküste Englands aufgewachsen). Aber da ihn schon so viele Menschen begutachtet und so viele Hände gestreichelt haben, hat er gar kein Fell mehr. Ich musste ihn auch einmal bei einem Puppendoktor reparieren lassen.

Ihre Eltern konnten Sie als Kind in keine höhere Schule schicken, dennoch haben Sie all Ihre Träume verwirklicht. Reicht der Glaube daran oder braucht es auch Glück?
Immer, wenn ich jungen Menschen begegne, gebe ich ihnen den Ratschlag, den mir meine Mutter als Kind gegeben hat. Sie hat gesagt: „Wenn du an deine Träume glaubst, hart dafür arbeitest und nicht aufgibst, wirst du deinen Weg gehen.“ Das war immer mein Leitsatz. Mir ist aber bewusst, dass ich in manchen Situationen Glück hatte oder einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort den richtigen Menschen begegnet bin.

Sie waren erstmals im Jahr 1957 auf Einladung eines ehemaligen Schulkollegen in Afrika. Sie hatten eine Ausbildung als Sekretärin in der Tasche und haben dann den Forscher Louis Leakey kennengelernt. Warum hat er Sie mit der Beobachtung von Schimpansen beauftragt?
Das Leben wilder Tiere zu erforschen und mit ihnen zu leben, war doch der Grund meiner Reise nach Afrika. Ich habe Louis in Nairobi (Kenia) kennengelernt und ihn einige Zeit als Sekretärin und bei seinen Ausgrabungen unterstützt. Zum Glück hat er mit der Zeit mein Potenzial, meine Ausdauer, meinen Wissensdurst und meinen Willen erkannt, meinen Traum tatsächlich umzusetzen. Deshalb ist seine Wahl auf mich gefallen.

Bei Ihren Forschungen konnten Sie herausfinden, dass Schimpansen ähnliche Gefühle wie Menschen haben. Wieviel Schimpanse steckt in jedem von uns?
Es gibt viele Verhaltensweisen, in denen sich Schimpansen und Menschen ähnlich sind. Genetische Untersuchungen haben schon vor Langem belegt, dass sich unser Genmaterial zu etwa 99 Prozent gleicht. Wir sprechen somit zurecht von den Schimpansen als unsere nächsten Verwandten.

Sie haben auch beobachtet, wie grausam Schimpansen sein können. Hat das Ihr Gefühl den Tieren gegenüber nicht verändert?
Die Erkenntnis, dass diese von mir geliebten Tiere uns Menschen nicht nur im Positiven, sondern auch im Negativen ähnlich sind, hat mich zutiefst getroffen. Als ich das erste Mal beobachtet habe, mit welcher Brutalität Schimpansen gegen ihre eigenen Artgenossen vorgehen und richtig Krieg führen, um ihr Revier zu verteidigen, war ich ehrlich gesagt schockiert.

Frauen mussten in den 1960ern ihren Mann noch um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollten. Wurden Sie besonders kritisch beäugt?
In meiner Zeit in Cambridge (Anm.: Goodall durfte sich an der englischen Universität 1962 zum Studium der Ethologie, der vergleichenden Verhaltensforschung, einschreiben, und schloss das Studium 1965 ab) wollten viele Professoren nicht anerkennen, was ich im Gombe Stream Nationalpark in Tansania entdeckt und erarbeitet hatte. Sie haben mir mein ungebildetes Wesen vorgeworfen und waren der Meinung, dass meine Arbeitsweise den Normen in der Wissenschaft nicht entsprochen habe. Einige Professoren waren mir aber wohlgesonnen und haben mich wie Leakey unterstützt. Da ich meine Beobachtungen belegen konnte und gelernt habe, sie wissenschaftlich zu Papier zu bringen, waren nach einiger Zeit auch die Skeptiker von meiner wissenschaftlichen Arbeit überzeugt – und ich erhalte bis heute Auszeichnungen vieler Universitäten.

Sie haben vor 30 Jahren im Kongo ein Zentrum zur Betreuung verwaister Schimpansen errichtet. Als Mutter eines Sohnes: War Ihre Liebe für Kinder nie größer als für Affen?
Für mich hat sich nie die Frage einer Wertigkeit gestellt und das habe ich auch meinem Sohn und meinen Enkelkindern gesagt. Ich empfinde eine große Liebe für alle Lebewesen. Meine Familie unterstützt mich und das Leben meiner Enkelkinder ist eng mit Afrika verbunden. In Tchimpounga, wo die Station steht, war ich zuletzt wenige Jahre vor der Pandemie, aber ich bin immer am neuesten Stand. Derzeit leben dort rund 145 Schimpansen. Die Wilderei geht zwar dank des Einsatzes unseres Teams zurück, es müssen aber immer noch viele Schimpansen auch vor illegaler Haltung gerettet werden. Es sind jährlich rund 2.000 Tiere, die durch den brutalen Handel mit Buschfleisch ihr Leben verlieren.

Sie feiern am 3. April Ihren 90. Geburtstag. Wie werden Sie Ihren Ehrentag begehen?
Meinen Geburtstag werde ich wie fast jedes Jahr in den USA verbringen. Es sind viele Vorträge und festliche Anlässe geplant.

Sie sind noch immer 300 Tage im Jahr unterwegs. Spüren Sie keine Ermüdungserscheinungen?
Kurz vor Weihnachten war ich in Nordamerika, dann bei meiner Schwester in unserem Zuhause in Bourne-
mouth. Im Jänner bin ich in die Schweiz gereist, danach nach Tansania. Als Nächstes steht eine längere Reise nach Südafrika bevor, wo ich auch unsere Schutzstation „Chimp Eden“ besuchen werde. Reisen gehört zu meinem Leben.

Was bedauern Sie?
Dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt, um all das zu tun, was ich noch gerne tun möchte.

Zur Person
Jane Goodall
wurde am 3. April 1934 in London (England) geboren. Sie träumte früh davon, Afrika und dessen Tierwelt zu erkunden. Als sie die Möglichkeit bekam, reiste sie nach Kenia und Tansania und erforschte dort das Leben der Schimpansen.

Goodall war zwei Mal verheiratet und hat aus erster Ehe einen Sohn namens Hugo, er kam 1967 zur Welt und lebt in Tansania. Im Jahr 1977 gründete Dr. Goodall, sie studierte Ethologie, die globale Organisation, das Jane-Goodall-Institute zum Schutz wilder Tiere. Es gibt auch einen Standort in Wien.