Monika Martin:
„Der Tod kann Liebende nicht trennen“
Monika Martin ist die samtweiche Stimme aus Graz. Und ein Fixstern am deutschen Schlagerhimmel. Nun betrauert die 61jährige den Verlust ihrer geliebten Mutter, zu der sie stets ein inniges Verhältnis hatte.
Im Gespräch mit der WOCHE-Reporterin Martina Wieser erzählt sie vom Loslassen und von der Liebe, die den Tod überdauert
Frau Martin, Sie haben kürzlich Ihre geliebte Mutter verloren. Wie gehen Sie damit um?

Ich habe mich ein ganzes Leben lang vor jenem Tag gefürchtet, an dem meine Mutti vorausgehen wird. Doch was ich da jetzt erleben durfte und erleben darf, hätte ich mir in meinen kühnsten Vorstellungen nicht ausmalen können. Ich habe mich seit dem Ableben meiner Mutter noch keine Sekunde von ihr verlassen gefühlt, da ich sie so sehr bei mir spüre. Jeder, der schon einmal einen geliebten Menschen vorausgehen hat lassen müssen, weiß, wovon ich spreche. Mein Glaube sagt mir, dass der Körper vergeht, die Seele jedoch reine Energie ist und dadurch nicht vergänglich ist. Meine Mutti war 21 Monate lang in ihrem nicht mehr ganz funktionierenden Körper gefangen, und ihre Seele erfreut sich nun wieder ihrer Freiheit.

Glauben Sie an ein Wiedersehen?

Wenn ich Mutters Tod beklage, so muss ich feststellen, dass dieses Beklagen oftmals aus egoistischen Gründen entsteht. Wichtiger ist, der Seele meiner Mutti zu vergönnen, nun mit ihren geliebten Eltern wieder auf einer Ebene sein zu können, so lange, bis diese Seelen wieder neu geboren werden. Menschen, die sich lieben, treffen einander immer wieder. Ich freue mich darüber, das nicht nur zu glauben, sondern es genau so zu spüren, und ich bedaure jene, die nicht glauben können.

Ihre Mutter-Tochter-Beziehung war innig. Sind Sie in einem behüteten Zuhause aufgewachsen?

Mama und Papa haben mir ein Nest bereitet, das mir Geborgenheit, Sicherheit und Liebe gab. Erst viel später erkannte ich, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, das erleben zu dürfen. Ich habe mit meinen Eltern jeden Tag gemeinsam gefrühstückt, zu Mittag und zu Abend gegessen. Mama und Papa waren immer für mich da. Papa verstarb schon früh, da war ich 19 Jahre alt. Dieser Schicksalsschlag schweißte meine Mutter und mich noch enger zusammen, denn wir hatten nicht viel Geld, aber wir hatten unser Band der Liebe und uns. Mutti und ich waren nicht immer einer Meinung, doch haben wir immer alles besprochen und ausgeredet, und spätestens vor dem Schlafengehen wurden Unstimmigkeiten wieder bereinigt. Als ich mit 33 Jahren die Idee hatte, eine Solokarriere als Schlagersängerin zu beginnen, bestärkte mich meine Mutter darin, indem sie an mich glaubte und meinte, dass ich schon das Richtige entscheiden würde. Sie stand mit vollem Vertrauen hinter mir. Das gibt – so denke ich – jeder Tochter und jedem Sohn Rückenwind.

Was ist schließlich mit Ihrer Mutter passiert?

Sie erlitt im April 2022 einen schweren Schlaganfall und war vier Monate im Spital. Sie lag zwei Mal im Sterben, und ich legte mich zwei Mal zu ihr und hielt sie in meinen Armen. Zwei Mal entschied sich Mutti für das Weiterleben, und ich holte sie nach Hause. Ich baute um sie ein großes Team von Menschen auf, die ihr mit viel Herzblut, Liebe und Können jene Dinge vermitteln konnten, die zum Gesundwerden nötig sind, und zwar gute medizinische Betreuung, Liebe und Zeit. Ich war jeden Tag bei meiner Mutter, denn ein Mensch, der sich in solch einer Situation befindet, muss einen Grund haben, warum er weiterleben will.

Wie lässt sich die Beziehung zwischen Ihnen beiden beschreiben?

Meine Mutter und ich sind das ganze Leben lang eng miteinander verbunden gewesen. Wenn ich irgendwo in Deutschland bei einem Konzert war, habe ich es gespürt, wenn sie etwas brauchte oder sich nicht wohlfühlte. Liebe ist nach wie vor die direkteste Verbindung zwischen zwei Menschen, schneller als jedes Mobiltelefon und jedes Glasfaser-Internet.

Hatte Ihre Mutter noch eine gute Zeit daheim?

Gut 21 Monate lang entwickelte sie sich in ein schönes Leben zurück. Wenn Mutti es wollte, hatten wir jeden Tag ein Programm. Wir fuhren in die Stadt zu unserem Keramikgeschäft, wir setzten uns in ein Kaffeehaus, spazierten mit dem Rollstuhl durch die Herrengasse in Graz, besuchten Konzerte und fuhren auf Urlaub in die Berge. Meine Mutter hatte zwar einen schweren Schlaganfall, doch konnte sie völlig normal denken und lesen, nur nicht sprechen. Mit der Zeit und durch die Hilfe der Logopädie kamen die ersten Worte, sie lernte auch wieder zu schlucken und konnte somit wieder essen. Auf der gelähmten Seite begann sie sich zu bewegen. Jeder Fortschritt in der Genesung war für uns ein Grund zu feiern, und meine Mutter war auch in dieser schweren Phase ihres Lebens auf ihre Weise glücklich.

Wodurch nahm diese gute Entwicklung dann doch eine Wende?

Vor zwölf Wochen bekam Mutti die Grippe, die Influenza. Diese echte Grippe ging mit hohem Fieber einher und diese zusätzliche Belastung wollte sie nicht mehr tragen. Meine geliebte Mutter entschied sich, Anfang des neuen Jahres vorauszugehen.

Die Katholiken feiern dieser Tage Ostern und die Auferstehung von den Toten. Was können Sie aus Ihrer Erfahrung weitergeben?

Ich möchte allen Leserinnen und Lesern Folgendes in ihr Herz legen: Das Fest der Auferstehung nimmt vielleicht für viele in diesem Jahr eine besondere Stelle ein. Wir sprechen vom Leben nach dem Tode anders, wenn wir gerade selbst den liebsten Menschen haben gehen lassen müssen. Ich hadere nicht mit dem Herrgott, sondern danke ihm für das tatsächliche Erleben einer Auferstehung. Es ist eine gnadenreiche Erfahrung, dass der Tod die Liebenden nicht trennen kann. Am Beispiel von Mutti und mir ist es der größte Segen, den ich gerade erfahren darf. Dieses hoffnungsvolle Gefühl wünsche ich jedem von Ihnen.