Slackline-Weltrekordler Lukas Irmler, 35: Der Himmelsläufer
Auf einem nur zweieinhalb Zentimeter schmalen Band unter seinen Füßen balanciert er in luftigen Höhen zwischen Bergen, Kirchtürmen, Vulkanen oder tief drinnen in Höhlen. Für den deutschen Slackline-Weltrekordler Lukas Irmler, 35, sind seine Abenteuer auch ein Balanceakt für die Seele.
Der himmlische Pfad, der Lukas Irmler, 35, seit Jahren in immer extremere Welten lockt, verläuft schnurgerade entlang eines Kunststoffbandes aus Polyester.

Auf seiner zweieinhalb Zentimeter schmalen Slackline überquerte er in Peru einen Vulkan, in Simbabwe die Viktoriafälle und in Frankreich eine Höhle 500 Meter unter der Erde. „All diese Projekte sind für mich wahr gewordene Träume und realisierte Ziele“, beschreibt der Deutsche, wie er in seinem ungewöhnlichen Sportlerleben von einem Abenteuer zum nächsten tänzelt. Er zählt zu den sogenannten „Highlinern“, also jenen Athleten, die in besonders großer Höhe agieren, denn je ausgesetzter die Lage, je extremer die Temperaturen oder unmöglicher die Widrigkeiten sind, desto reizvoller ist das für ihn.

„Deswegen sehe ich meinen Sport nicht nur als körperliche Herausforderung, die jeweilige Hürde zu bezwingen“, verrät er. „Meine Projekte sind immer auch ein mentaler Balanceakt. Es geht darum, die eigene Angst zu besiegen.“

Weil ihm das in den vergangenen Jahren häufig gelang, verewigte sich Irmler gleich mehrmals im Guinness Buch der Rekorde, etwa für die Bewältigung der bis dahin längsten Slackline-Strecke der Welt (2,13 km, Schweden 2021), der längsten über Wasser (750 Meter, Italien 2017) und der längsten mit verbundenen Augen (1 km, Russland 2019).

Außerdem spannte er ein Band in fast 6.000 Metern Höhe, eines vom Rathaus zum Kirchturm in Pfaffenhofen (D) und schaffte auch im Bereich der Trick-Slackline eine Rekordzahl von „Korean Buttbounces“, einer Art Kniebeuge.

Täglich ein paar Stunden auf der Slackline

Durch seine erfolgreichen Projekte kann der studierte Chemiker und Wirtschaftswissenschaftler, der mit Freundin Antonia im bayerischen Miesbach (D) lebt, dank Sponsoren heute seinen Sport als Vollprofi ausüben. „Ich lebe dabei meinen Traum, auch wenn ich davon nicht reich werde“, sagt er.

Die unglaublichen, von sensationellen Bildern begleiteten Abenteuer des „Himmelsläufers“ machen ihn zum gern gesehenen Gast in Zeitungsredaktionen und Fernseh-Shows. Für seinen Sport muss er trotz allem täglich trainieren. „Um körperlich in Schuss zu bleiben, stehe ich täglich ein paar Stunden auf der Slackline. Dazu kommen noch weitere Trainingsformen wie Bergsteigen oder Klettern“, schildert er.

Die meisten Ängste existieren nur im Kopf

Warum es Irmler nicht reicht, zehn Zentimeter über dem Boden in einem Stadtpark zu balancieren, weiß er selbst nicht genau. Denn der Akrobat der Lüfte definiert sich nicht als angstbefreiten oder lebensmüden Hasardeur, sondern im Gegenteil als vorsichtigen Menschen. „Im Grunde kann mir auch in großer Höhe nicht viel passieren, denn ich bin stets mit einem Seil gesichert“, erklärt er.

„Doch wie bei allen irrationalen Ängsten, zum Beispiel jener vor Spritzen oder Spinnen, fühlst du dich da oben bei Wind und Wetter nicht sicher. Es geht also darum, die Furcht zu besiegen, die uns auf dem Weg zu etwas Schönem im Weg steht.“ Als er mit 17 Jahren die ersten Gehversuche auf der Slackline machte, bereiteten ihm schon geringe Höhen Kopfzerbrechen, später lernte er sogar Panik und Todesfurcht kennen.

Heute sei es hingegen nur noch der „gesunde“ Respekt, erklärt er schmunzelnd. „Nach meinen Erfahrungen ermuntere ich alle Menschen dazu, sich genau jenen Dingen im Leben zu stellen, die ihnen die größte Angst bereiten, weil dort auch das größte ungenützte Potenzial liegt.“ Auch als Redner vor Firmenangestellten erklärt er, wie diese innere Angst besiegt werden kann, in einem Buch, das im Sommer erscheinen wird, schreibt er darüber.

Das Geheimnis sei, stets einen Schritt nach dem anderen zu tun, einmal hier die Slackline ein paar Zentimeter höher zu spannen oder da ein paar Meter länger ohne Anhalthilfe zu balancieren, bis die Angst abgeschüttelt wird.
„Wir können daraus auch fürs Leben viel lernen“, glaubt er. „Ich finde, es gibt uns viel Sicherheit zu wissen, dass die meisten Ängste nur in unserem Kopf existieren.“
Kreuziger