Sinnsuche bei Franziskus
Der Franziskusweg führt durch jene Orte, in denen Franz von Assisi gelebt und gewirkt hat. Der Pfad schlängelt sich durch Mittelitalien bis in die italienische Hauptstadt Rom.
Wie im Mittelalter fühlen sich Besucher in der italienischen Stadt Gubbio. Jedes Gebäude und jeder Palast ist aus Stein gebaut. Sie schmiegen sich an den Berg Ingino, auf dessen 827 Meter hohen Gipfel die Basilika zum Heiligen Ubaldo thront.

Wanderer machen sich zu Fuß zum Gotteshaus auf, das sie in etwa 40 Minuten erreichen. Reisende, die es gemütlicher wollen, nehmen die Seilbahn.

Wobei Seilbahn nicht ganz der richtige Ausdruck ist, auch wenn die Italiener diese Gondel so bezeichnen. In Wahrheit ist es eine Art Stehlift, in dessen silbernen Käfig zwei Personen hineinpassen. Bei der Auffahrt bietet sich ein prächtiges Panorama. Die Stadt ist von Olivenhainen und Weinbergen umgeben.

Oben angelangt, zieht es die Besucher in die Kirche, wo die Überreste des Heiligen Ubald liegen. Er ist der Schutzpatron der Stadt und lebte fast zeitgleich mit Franz von Assisi, jenem Mann, der mit den Tieren sprechen konnte. Er ist der Gründer des Franziskanerordens, der Schutzpatron Italiens und galt schon zu Lebzeiten als Heiliger.

Franz von Assisi wurde in eine reiche Familie geboren, wollte aber in Armut leben. Er legte seine feinen Kleider ab und lebte fortan als Bettelmönch.

Den Weg, den er einschlug, können auch Pilger nehmen. Auf dem Franziskusweg folgen sie seinen Spuren. „Für die 436 Kilometer lange Strecke durch die Toskana, durch Umbrien und Latium sind mindestens 22 Tagesetappen einzuplanen. So viel Zeit haben heutzutage die wenigsten, deshalb gehen viele Pilger nur ein Teilstück“, erzählt Gianluigi Bettin. Der Italiener hat sich intensiv mit dem Pilgerpfad beschäftigt und einen Reiseführer geschrieben.

Als ideales Teilstück empfiehlt er die 52 Kilometer lange Strecke von Gubbio nach Assisi, dem Geburts- und Sterbeort des Heiligen. In Gubbio zähmte Franziskus der Legende nach einen wilden Wolf, der die Einwohner terrorisierte. „Franziskus suchte das Tier im Wald auf und machte ihm einen Vorschlag. Der Wolf solle mit dem Töten aufhören und als Gegenleistung würden die Einwohner ihn sein Leben lang versorgen. Der Wolf willigte ein und spazierte fortan durch die Gassen wie ein Lamm“, sagt Bettin. Eine Statue von Franziskus mit dem Wolf erinnert an diese
Begebenheit.

Diese Geschichte mag heutzutage etwas verrückt klingen, doch damit kennen sich die Einwohner Gubbios aus. In der Stadt steht der „Brunnen der Narren“. Er befindet sich vor dem Bargello-Palast. Wer drei Mal um den Brunnen geht und sich anschließend mit dem Wasser tauft, darf sich ein Patent zum Verrücktsein ausstellen lassen. „Der Schein ist nur gültig, wenn ein Einheimischer als Zeuge dabei ist und beim Verein ,Maggio Eugubino‘ die Narrenlizenz beantragt. Dieser stellt das im mittelalterlichen Stil geschriebene Pergament aus.“

Mit dem Narrenschein in der Tasche ziehen die Wanderer los. Die Strecke ist mit gelb-blauen Wegweisern ausgeschildert. Zudem ist der Weg mit einem gelben „T“, das für das Tau-Kreuz steht, dem franziskanischen Segenszeichen, markiert.

Der Weg führt die Wanderer durch das Flusstal des Chiascio und vorbei an auf Anhöhen thronenden Burgen. Ein Koniferenwald säumt den Pfad hinauf zur Einsiedelei „San Pietro“ in Vigneto. „Franziskus verbrachte mehr als die Hälfte des Jahres in Einsamkeit, vor allem im Wald. Er zog sich auch gerne in Felsklüfte zurück. Im Mittelalter glaubten die Menschen, dass sich zum Zeitpunkt von Jesu Tod die Felsen gespalten hätten. An diesen Orten fühlte sich Franziskus Gott nahe“, erzählt Bettin.

Die Kirche von Caprignone, die Burg von Biscina und das sehenswerte Franziskanerkirchlein von Coccorano sind die nächsten Stationen am Weg, ehe es bergab in die Gemeinde Valfabbrica geht. Von dort sind es nur noch 13 Kilometer nach Assisi.

Zunächst führt der Weg durch die Stille der Hügel und Wälder, ab Pieve San Niccolò weitet sich dann die Landschaft und Täler mit Weingärten und Olivenhainen sind zu sehen. Ganz unvermittelt tut sich plötzlich ein imposanter Blick auf die Stadt Assisi mit der Franziskusbasilika und dem benachbarten Kloster „Sacro Convento“, dem Mutterhaus aller Franziskanerklöster, auf. „Das ist einer der beeindruckendsten Momente der Wanderung.“

Die Pilger betreten die Stadt durch das Jakobstor. Mit der Ruhe, die eine Wanderung auf dem Franziskusweg mit sich bringt, ist es nun vorbei. Assisi ist das Ziel vieler Buspilger, die von Kirche zu Kirche promenieren. Die Basilika gehört zum Pflichtprogramm eines jeden Pilgers. Sie ist in eine Ober- und Unterkirche unterteilt.

Die hohe, helle Oberkirche beeindruckt mit ihren berühmten Fresken, die das Leben von Franz von Assisi darstellen. In der Unterkirche liegt der Heilige in einem freistehenden Sockel begraben. Es wirkt verwunderlich, dass ein Mann, der als Bettelmönch sein Dasein fristete, in einer derart prunkvollen Kirche begraben liegt. „Im Mittelalter war es üblich, große Grabeskirchen für verehrte Glaubensbrüder zu errichten“, erklärt Bettin.
widlak