Profi Franz-Josef Lässer, 23, radelt trotz Handicap an der Spitze mit: Vier Finger weniger, ein Ansporn mehr
Seit seiner Geburt fehlen Franz-Josef Lässer, 23, vier Finger seiner linken Hand. Mit einer Spezialbremse und artistischer Körperspannung radelte er nicht nur im Parasport der körperlich Beeinträchtigten zum Vizeweltmeistertitel, sondern schließt auch zur Profi-Elite auf.
Will Franz-Josef Lässer, 23, ein Einmachglas mit Marmelade öffnen, kann selbst eine so kleine Sache zur großen Herausforderung werden. „Ich muss im Alltag
oft um die Ecke denken, zum Beispiel das Glas unter der
Achsel einklemmen. So löse ich fast jedes Problem“, erzählt der in Graz lebende Steirer schmunzelnd. Mit links kann er nicht greifen, kein Bierglas halten oder Texte ins Mobiltelefon tippen, seit seiner Geburt fehlen ihm auf dieser Hand bis auf den Daumen alle Finger. Das gab ihm früh zusätzlichen Ansporn.

„Schon als ich klein war, habe ich mich angestrengt, all das, was mir an Fingern fehlt, durch andere Fähigkeiten wettzumachen“, verrät er. Der kleine Franz wurde zum Artisten, fuhr Einrad und konnte rasch im Handstand durch die Gegend gehen, doch den Radsport musste er sich erst unter großen Mühen erobern. „In seiner Kindheit sagte ein Trainer zu mir: Vergessen Sie das für Ihren Sohn, aus dem wird nichts“, erinnert sich seine Mutter Edith. „Heute bin ich stolz auf Franz, denn er kämpft um alles, was er will, mit 200 oder 300 Prozent.“

Ausgelacht worden ist er als Kind nie, weiß er noch. „Vielen Freunden ist es sogar lange gar nicht aufgefallen, dass ich anders war. Bei Radausfahrten ist nie wegen mir einer langsamer gefahren.“

Auf diese Idee käme heute sowieso niemand mehr, denn mittlerweile ist Lässer Europameister und Vizeweltmeister im Para-Bahnradfahren der körperlich Beeinträchtigten. Überdies ist er heimischer Staatsmeister in der U23-Klasse der Querfeldeinradler und besitzt einen Profivertrag bei WSA Graz, beides allerdings in der Klasse der nicht gehandicapten Radler, wo er nun ebenfalls zur Spitze aufschließen möchte. Vor seinen Erfolgen freilich musste sich der junge Mann, der von Berg bis Bahn und Straße nahezu alle Disziplinen absolviert, erst technisch mit dem Schicksal arrangieren. „Auf dem Mountainbike radle ich mittlerweile mit einem Speziallenker samt Titanstift, der mir mehr Halt gibt“, schildert Lässer. Weil er mit links nicht bremsen kann, ist er bei allen Rädern auf eine spezielle Konstruktion angewiesen, mit der er mit der rechten Hand beide Räder gleichzeitig bremst. „Das kann auch ein Nachteil sein“, hat er schon erlebt. „Bei nassen Straßen blockieren die Räder früher, wenn beide gebremst werden. Außerdem kann ein Radsportler durch das Ziehen am Lenker Kraft auf die Pedale übertragen, was mir links nicht möglich ist, vor allem beim Bergauffahren. Das muss ich durch vermehrte Körperspannung ausgleichen.“

„Meine Leidenschaft ist es zu leiden“

In seiner spärlichen Freizeit glänzt der Kafffeeliebhaber Lässer, der nebenbei Sportwissenschaften studiert, als begabter Breakdancer und zaubert zu Hip-Hop-Musik teils wilde, akrobatische Figuren aufs Parkett. „Dazu gehe ich gern in ein Tanzstudio in Graz und kenne dort sogar einige Vertreter der hiesigen Breakdance-Szene“, berichtet der alleinstehende Grazer, der seine kleine Wohnung nur selten sieht. Sechs Monate im Jahr ist er auf Tour und spult dabei auf dem Drahtesel beachtliche 40.000 Kilometer ab.

„Das ist so viel wie einmal rund um die ganze Welt“, sagt er lachend. Im noch jungen Jahr 2024 trat er bereits in Australien, Deutschland und Kroatien in die Pedale und startet in einer Woche bei der Para-Rad-Bahn-WM in Rio de Janeiro (Brasilien). Viele Reisen und hartes Training sind Opfer, die Lässer gerne bringt. „Meine Leidenschaft
ist es zu leiden“, bringt er sein Motto auf den Punkt, insbesondere, wenn wie heuer das in Griffweite scheinende Ziel der Qualifikation für die Paralympics in Paris (Frankreich) lockt. „Manchmal empfinde ich das Training als hart, ja fast schrecklich, und ich frage mich, wofür ich das eigentlich tue. Aber kaum radle ich über die Ziellinie, kann ich das nächste Rennen nicht mehr erwarten.“
WK