Gefährlicher Pistenspaß
Eisige, kaum abgesicherte Kunstschneepisten sorgen für ein Fiasko in unseren Wintersport-Orten. Zudem treiben Tausende falsche Schilehrer ihr Unwesen.
Es war ein furchtbarer Anblick“, erinnert sich Thomas Maier (35, Name geändert) aus Innsbruck (T). Er wurde kürzlich zum Ersthelfer bei einem schrecklichen Unfall im Schigebiet der Steinplatte Waidring (T). Zwei 17jährige Burschen aus Deutschland waren mit zu hoher Geschwindigkeit in Richtung Tal gebrettert. Dabei schossen sie über die rote Piste mit dem Namen „Rennstrecke“ hinaus. Sie stürzten 50 Meter über eine schneearme, steinige Almwiese. Trotz Erste-Hilfe-Maßnahmen und dem schnellen Eintreffen der Rettungskräfte verstarben die beiden noch an der Unfallstelle.

Sichere Pisten als juristische Grauzone​

Genau wie eine 28jährige, niederländische Schifahrerin. Sie rutschte am Neujahrstag am Hintertuxer Gletscher (T) aus und starb an einem Baum. Seit 1. November gab es auf heimischen Pisten bereits 13 Tote und mehr als 500 Verletzte. Nur die Saison 2013/14 war mit 14 Toten bis Anfang Jänner noch schlimmer.

Schuld ist neben mangelnder Schi-Fitness auch der Kunstschnee, auf den neun von zehn heimische Schigebiete setzen. Er ist dichter und härter als normaler Schnee. Obendrein schmelzen derzeit die Pisten, was in der Folge teils für eisige Verhältnisse sorgt. Viele Strecken sind seitlich aber nicht eingezäunt.

Experten fordern daher immer wieder mehr Sicherheit, etwa durch Fangzäune. Juristisch ist das aber nicht einfach. Denn Liftbetreiber müssen in erster Linie entsprechende Maßnahmen dort ergreifen, wo schwer erkennbare Hindernisse drohen. Als Beispiele gelten etwa eine nicht erkennbare Wasserrinne oder eine Metallstange einer Hinweistafel.

Zudem vertritt der Oberste Gerichtshof (OGH) die Ansicht, dass besonders gefährliche Stellen neben der Piste ebenfalls abzusichern sind. Das gilt aber nur für knapp neben dem Pistenrand (etwa fünf Meter) liegende Gefahrenquellen. Für Raser, die über den Pistenrand hinausschießen, kann der Betreiber ebenfalls nicht belangt werden.

Mit 70 Stundenkilometern über die Piste​

Juristen vertreten aber die Meinung, dass bei steilen beziehungsweise harten und eisige Pisten die Sicherungspflicht höher ist als bei flachen und griffigen Pisten.

Für die Schigebiete sind Fangzäune freilich mit Kosten verbunden. Letztlich werden sie auf die Kunden abgewälzt, was den Wintersport noch teurer macht. Bereits jetzt kostet eine Tageskarte im Schigebiet Steinplatte (T), wo die beiden deutschen Burschen verunglückten, 53 Euro, im Schi-Mekka Kitzbühel sogar 65 Euro.

Das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) mahnt, dass Schifahren zu den risikoreichsten Sportarten zählt. „Wir rechnen in der aktuellen Wintersaison wieder mit 25.000 Schi-

unfällen. Das entspricht noch nicht ganz dem Vor-Corona-Niveau (2019: 40.000 Unfälle),

ist aber dennoch eine hohe Zahl“, erklärt die Leiterin des Bereiches Sport- und Freizeitsicherheit im KFV, Johanna Trauner-Karner. „Rund ein Drittel der Verunfallten muss stationär behandelt werden.“

Die Expertin warnt, „Unsere Erhebungen zeigen, dass Schifahrer mit bis zu 70 Stundenkilometern (km/h) oder mehr unterwegs sind. Prallt jemand ungeschützt und ungebremst mit 70 km/h gegen ein Hindernis, entspricht das einem Sturz aus dem fünften Stock eines Gebäudes. Da hilft auch der Schihelm nicht mehr.“

Gefeit vor Schi-Hoppalas sind auch Prominente nicht. So kam die deutsche Sängerin Sarah Connor, 42, kürzlich in Obertauern (S) zu Sturz. „Mein Kreuzband ist gerissen, mein Meniskus, mein Innenband angerissen“, sagt Connor. Bei ihrer Tour ab Mai will sie aber auf der Bühne stehen. Am 14. Dezember spielt sie in der Wiener Stadthalle.

Gefährlich für Wintersportler können auch falsche Schilehrer werden. So gibt es in Tirol neben 7.000 „echten“ rund noch einmal so viele ohne richtige Qualifikation. Sie kommen etwa aus Deutschland und den Niederlanden und bieten illegale Schikurse an.

In der Folge können gefährliche Situationen auftreten, weiß der Geschäftsführer des Tiroler Schilehrerverbandes, Christian Abenthung. „Es kann vorkommen, dass die falschen Schilehrer bei rasch auftauchendem Nebel oder Schneefall nicht mehr alleine ins Tal kommen und hinuntergeführt werden müssen. Das ist auch ein Sicherheitsproblem für deren Schüler.“ Abenthung erklärt:
„Schilehrer sind verpflichtet, einen Schilehrerausweis mitzuführen. Darin ist die Qualifikation vermerkt.“

Letztlich leidet auch die Umwelt aufgrund des Schneemangels. „Vor 30 Jahren gab es hierzulande rund 190 Beschneiungsanlagen, heute sollen es schon 33.000 sein“, erklärt Johannes Wahlmüller von Global 2000. „Ihr Energieverbrauch wird auf 290 Gigawattstunden pro Jahr geschätzt, so viel wie 83.000 Haushalte verbrauchen. Gerade im Winter kommen verstärkt fossile Energien zur Stromerzeugung zum Einsatz, was die Klimabilanz weiter verschlechtert.“

Eine Million Liter Wasser für einen Hektar Kunstschnee

Auch der Wasserverbrauch der Schneekanonen, der oft aus Speicherseen gespeist wird, ist enorm. Um einen Hektar Pistenfläche zu beschneien, wird eine Million Liter Wasser benötigt. Es braucht gut 30 Zentimeter Schnee, um Schi fahren zu können. Am steirischen Präbichl (1.226 Meter) soll Wasser bereits knapp sein. Immer öfter machen auch die warmen Temperaturen einen Strich durch die Rechnung. So wurde auf dem Sternstein (OÖ, 1.122 Meter) und im Schigebiet Hochficht (OÖ) der Schibetrieb vorübergehend eingestellt.

Im Schweizer Schiort Gstaad wurde Schnee sogar per Helikopter auf die Piste geflogen. Weil sich das aber als zu aufwändig und zu wenig effizient erwiesen hat, wurde die Aktion eingestellt. rb