Mehr Mut zum „Bibbern“
In der kalten Jahreszeit mögen wir es am liebsten warm. Doch ab und zu sollten wir bewusst mehr Kälte in unser Leben lassen, sagt die Vorsorgemedizinerin Dr. Doris Eller-Berndl (Bild) und verrät, weshalb Kälte vor Erkältungen und anderen Wehwehchen schützt.
Es klingt paradox, ist aber wahr. Werden die Tage kalt und kälter, ist kaltes Wasser das Richtige, um der Kälte ihren Schrecken zu nehmen und gesünder durch die Jahreszeiten zu kommen.

„Nicht nur das. Wer unter Erkrankungen wie chronisch-entzündliche Gelenkserkrankung, Schuppenflechte und Neurodermitis leidet, lindert damit die Beschwerden“, verspricht Dr. Doris Eller-Berndl, Vorsorgemedizinerin aus Wien (Tel.: 0664 8465859, medicalcoaching.at, Buch: „Der Energie-Code“, Verlag Kneipp).

Im Herbst und Winter die Kälte zu meiden, bedeutet, auf ihre gesundheitsfördernde Wirkung zu verzichten, macht Dr. Eller-Berndl aufmerksam. „Wir sollten die Chance nutzen, die Kälte lieben zu lernen. Wer mit den Jahreszeiten lebt, fühlt sich gesünder und fit“, lautet ihr Ratschlag.

Es darf uns öfter frisch sein
Dabei geht es weniger ums Frieren, vielmehr um das bewusste Zurückdrehen von Wärmequellen und gezielte Anwenden von Kältereizen. „Unser Wohnbereich muss nicht auf 23 Grad geheizt sein. Drehen Sie den Thermostat niedriger. Verzichten Sie auf beheizte Autositze und packen Sie sich nicht so warm in Kleidung ein, dass Sie nicht mitbekommen, wie die Temperatur wirklich ist. Sie müssen nicht frieren, aber lassen Sie zu, dass Ihnen frisch ist, wenn Sie außer Haus gehen. Bewegen Sie sich. Durch Muskelkraft produzierte Wärme ist der natürliche Weg. Es gibt auch keine Ver-,Kühlung‘. Es gibt nur Viren und Bakterien, die auf ein mehr oder weniger schlagfertiges Immunsystem treffen.“

Der Reiz des kalten Wassers wirkt wie ein Jungbrunnen, denn er verstärkt die Durchblutung, die alle Organe bestens mit Nährstoffen versorgt. Es werden weiters vermehrt weiße Blutkörperchen ausgeschüttet, die Jagd auf Erreger machen und so aufkeimende Infekte abschwächen oder Krankheiten vorbeugen können. Experten nennen die Wärmeproduktion durch Kälte Thermogenese. Ist der Körper einem Kältereiz ausgesetzt, beschleunigt er Stoffwechselprozesse wie die Energiebereitstellung, Fettverbrennung, Verdauung und Muskelaktivität. Als Nebenprodukt entsteht wohlige Wärme. „Es ist unsere Standheizung.“

Kälte verlangsamt Schmerzsignale
Anwendungen mit kaltem Wasser, auch das ist erwiesen, können Schmerzen verringern. Unter Einfluss niedriger Temperaturen wird die Durchblutung gesteigert. Schwellungen oder Entzündungen klingen schneller ab. Hinzu kommt, Kälte verringert die Geschwindigkeit, mit der Nervensignale ans Gehirn weitergeleitet werden. Schließlich helfen regelmäßige Kälteanwendungen in der „Königsdisziplin – Kaltbaden“, ungesundes gelbes Speicherfett in gesundes und wärmendes beiges Fett umzuwandeln. „Gesichtsbäder und Duschen mit kaltem Guss sind die Vorbereitungen, die Einstiege. Der Körper gewöhnt sich, die Kälte verliert ihren Schrecken. Damit gelbes Fett in beiges Fett umgewandelt wird, benötigt es eine wiederkehrende Abkühlung der Hautoberfläche des Rumpfes auf zehn Grad. Das ist mit einem kalten Wannenbad oder einem Kalt-Bad in einem Natursee möglich. Hände und Füße werden dabei mit Neopren-Schuhen und Handschuhen geschützt“, erklärt Dr. Eller-Berndl, die ihre Eisbäder zu schätzen gelernt hat.

Kaltanwendungen nur bei warmem Körper
Um in den Genuss der gesundheitsfördernden Auswirkungen von Kälte zu kommen, rät die Ärztin, die einzelnen Schritte ein bis zwei Mal in der Woche auszuführen. „Jede Kälteanwendung nur mit warmem Körper ausführen. Beim Kältebad kommt es in der Gewöhnungszeit bald zum Zittern, das auch nach dem Bad anhalten kann. Tritt das Zittern ein, wird das Kältebad beendet. Mit der Zahl der Anwendungen bleibt das Zittern irgendwann aus, etwa nach drei bis sechs Wochen. Das ist das Zeichen, dass der Körper braunes, wärmeproduzierendes Fett gebildet hat. In diesem Fall das Wasser verlassen, wenn die Haut kirschrot ist. Wichtig ist, jede Kälteanwendung nur mit warmen Händen und Füßen durchführen. Der Rest ist ein bisschen Mut zum Bibbern.“

Gewöhnen Sie Ihren Körper Schritt für Schritt an die gesunde Kälte

Schritt 1 – Den Anfang machen Gesichtsbäder
Gesicht mehrmals in ein Becken mit 10 Grad kaltem Wasser tauchen (oder Wasser mit den Händen zum Gesicht führen), bis der Atemreflex einsetzt. Wiederholen, bis die Gesichtshaut rosig ist. Die Haut wird straffer, Tränensäcke schrumpfen. Ideal zum Stressabbau. Tipp: Mit der Zeit kann das Wasser kälter werden, indem Eiswürfel ins Wasser kommen.

Schritt 2 – Dusche mit kaltem Wasser-Abgang
Am Ende der warmen Dusche Wasser auf kalt drehen, den Duschkopf (wenn möglich) auf einen Wasserstrahl einstellen. Diesen an der rechten kleinen Zehe ansetzen, langsam Duschkopf an der Rückseite des Unterschenkels zur Kniekehle führen, drei Mal den Wasserstrahl über die Kniekehle führen, eine Handbreit über dem Knie erneut drei Mal hin- und herführen, dann an der Innenseite des Unterschenkels hinab. Gleiches am linken Bein, Vorgang wiederholen. Am Schluss die Sohlen kalt begießen.

Schritt 3 – Das 10-Grad-Bad in der Wanne
In die Wanne mit kaltem Wasser setzen, tief durchatmen, Körper ausstrecken. Hände und Füße heraushängen lassen, mit Socken und Handschuhen schützen. Ruhig atmen, versuchen zu entspannen. Im Wasser bleiben, bis der Körper zittert. Noch einmal bewusst entspannen. Beim erneuten Zittern aus dem Wasser steigen. Trockentupfen (nicht rubbeln), warm anziehen.

Schritt 4 – Rein in den kalten See
Neoprenschuhe für die Füße, Handschuhe für die Hände. Kurz aufwärmen, ins Wasser gehen. Nicht schwimmen. Bei Zittern aus dem Wasser gehen oder (bei Nicht-Zittern) wenn die Haut kirschrot ist. Trockentupfen, lockere, warme Kleidung anziehen, entspannen.

Bitte keine Kältetherapie bei …
Gefäßkrankeiten, Herzproblemen, frischen Operationen/Infekten, unbehandeltem Bluthochdruck, Diabetes, Morbus Raynaud, Schwangerschaft, Epilepsie, Schlaganfall, Lungenembolie, Gefühlsstörungen.