Dämmerungs-Einbrüche auf Rekord-Niveau
Die kalte Jahreszeit und die damit früh hereinbrechende Dunkelheit ziehen Langfinger magisch an. Während der vergangenen zwei Jahre bremste Corona die vorwiegend aus Osteuropa und dem Balkan stammenden Täter aus. Jetzt steigt die Zahl der Einbrüche aber wieder drastisch an.
Eine Siedlung am Rande der Großstadt an einem späten Herbstnachmittag. In kaum einem Haus brennt Licht. Plötzlich huschen zwei Gestalten vorbei. Sie nützen die frühe Abenddämmerung, weil viele Menschen zu dieser Zeit noch nicht zu Hause sind. Im Schutz der Dunkelheit dringen die beiden Kriminellen in ein Haus ein, das sie zuvor unauffällig ausgekundschaftet haben. Weniger als zehn Sekunden brauchen professionelle Einbrecher, um ein Fenster oder eine Terrassentür auszuhebeln, zwischen vier und zehn Minuten, um eine Wohnung oder ein zweistöckiges Haus zu durchwühlen.

„Während der Zeitumstellung nimmt das Einbruchsgeschehen immer zu“, sagt Kontrollinspektor Markus Lamb von der Landespolizeidirektion (LPD) Steiermark. Dass der ländliche Raum nicht vor Einbruchskriminalität geschützt ist, beweist eine Diebstahlsserie in der Südoststeiermark.
Die Kriminellen hatten es dabei auf möglichst gewinnversprechende Wohnhäuser sowie Weinbaubetriebe und Buschenschanken abgesehen. „Wir waren den Tätern schon länger auf den Fersen. In einer groß angelegten Aktion konnten wir nun fünf slowenische Tatverdächtige auf frischer Tat ertappen.“ Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen, „aber wir rechnen mit einem Schaden von etwa 150.000 Euro“, sagt Lamb.

Diebe bevorzugen Siedlungsgebiete an Durchzugsstraßen
„Wir beobachten in den vergangenen Wochen wichtige Bereiche in Wien, in Graz und im Großraum Linz/Wels. Vereinzelte Vorfälle gibt es aber in allen Bundesländern, auch im ländlichen Raum“, bestätigt der Sprecher des Bundeskriminalamtes (BK), Paul Eidenberger. Gefährdet sind vor allem an Hauptverkehrsverbindungen liegende Häuser und Wohnungen, da die Einbrecher dabei rasch flüchten können. „Die Tätergruppen stammen, wenn wir uns die Festnahmen anschauen, fast ausschließlich aus Osteuropa und der Balkanregion“, so Eidenberger. Die meisten davon kommen aus Rumänien, Bulgarien und Georgien. „Sie reisen für die Tathandlung ein und verlassen entweder direkt danach oder nach einigen Tagen und Einbrüchen wieder das Land.“

Corona-Maßnahmen haben die Täter abgeschreckt
Nach einem deutlichen Rückgang der angezeigten Einbrüche in Wohnungen und Häuser in den vergangenen Jahren hat die Zahl der Einbruchsdiebstähle heuer wieder das Niveau von 2019 erreicht. „Die während der Corona-Pandemie aufrechten gesundheitspolizeilichen Grenzkontrollen haben die Tätergruppen natürlich abgeschreckt“, erklärt Paul Eidenberger dazu. Zurzeit verzeichne das BK aber eine Steigerung von 20 bis 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bei Einbrüchen in Wohnstätten, Garagen und Kellerabteilen. Laut Kriminalstatistik gab es im Jahr 2021 4.691 Anzeigen wegen Einbruchdiebstahl. 2019, vor Corona, waren es 8.835 Anzeigen. Konkrete Zahlen für 2022 könne das BK noch nicht nennen, da „sich diese laufend ändern, deshalb sprechen wir von Tendenzen, die wir aus den vorliegenden Anzeigen entnehmen“, weiß Eidenberger.

„Eine endgültige, valide vergleichbare Zahl werden wir erst im Frühling des kommenden Jahres haben, nach der Einbruchs-Saison und wenn die mathematisch korrekte Kriminalstatistik ausgewertet sein wird.“ Es stehe aber außer Zweifel, dass die Gesamtkriminalität derzeit massiv steigt, dies werde sich auch in der Statistik niederschlagen.
Zentrale Bedeutung in der Kriminalitätsbekämpfung hat die Information der Bevölkerung. „Wir wollen die Menschen auf die Einbruchskriminalität aufmerksam machen. Das Einbruchsrisiko komplett ausschließen geht kaum, aber Sie sollten es den Tätern so unbequem wie möglich machen“, meint LPD-Steiermark-Sprecher Markus Lamb. Gelingt es den Tätern dennoch, ins Haus oder in die Wohnung einzudringen, dann ist Diebesgut „grundsätzich alles, was schnell mitnehmbar, schnell verwertbar und auch was wert ist. Am meisten gestohlen werden Bargeld und Schmuck, aber auch Fahrräder und Elektrowerkzeug sowie Laptops und Mobiltelefone“, sagt Eidenberger.

Opferhilfe-Einrichtungen als Anlaufstelle
Ein Einbruch bedeutet aber nicht nur den Verlust von Wertgegenständen, sondern auch, dass Wildfremde in den persönlichen Sachen gewühlt haben. „Betroffene sagen oft, schlimmer als der Diebstahl an sich und der materielle Schaden ist der massive Eingriff in die Privatsphäre“, sagt Mag. Brigitta Pongratz, Pressesprecherin der Opferhilfeeinrichtung WEISSER RING. „Dass jemand seiner Sicherheit in den eigenen vier Wänden beraubt wird, bedeutet für die meisten eine Ausnahmesituation. Und jeder reagiert darauf anders“, erklärt Pongratz. Sie habe erlebt, dass Betroffene Möbel austauschen oder umdekorieren, um die eigene Wohnung „wieder in Besitz zu nehmen. Bei manchen führt die Verunsicherung sogar so weit, dass sie die Wohnung wechseln.“

Seit 2020 haben Opfer eines Einbruchsdiebstahles bei Einbruch in die regelmäßig bewohnte eigene Wohnung überdies Anspruch auf Kostenersatz für Psychotherapien,
weiß Pongratz.

Gelegenheit macht Diebe – Tipps, um Dämmerungs-Einbrüche zu verhindern
  • Einbrecher durchkämmen das Internet nach Informationen über mögliche Einbruchsobjekte. Geben Sie keine Hinweise in sozialen Medien auf Ihre Abwesenheit.
  • Leeren Sie Briefkästen und entfernen Sie Werbematerial. Bitten Sie Nachbarn, auch untertags nach dem Rechten zu sehen. Zusammenhalt ist wichtig.
  • Viel Licht schreckt potenzielle Einbrecher ab. Verwenden Sie bei Abwesenheit in den Nachmittags- und Abendstunden Zeitschaltuhren für die Beleuchtung. Bringen Sie eine Außenbeleuchtung bzw. Bewegungsmelder an.
  • Schließen Sie auch bei kurzer Abwesenheit Fenster, Terrassen- und Balkontüren zur Gänze.
  • Räumen Sie Werkzeuge und Leitern weg, die für einen Einbruch genutzt werden könnten.
  • Lassen Sie an der Wohnungstür Zusatzschlösser einbauen. Diese auch bei kurzer Abwesenheit abschließen.
  • Verstecken Sie Ihren Schlüssel nicht unter der Fußmatte oder im Blumentopf.
  • Bewahren Sie nur wenig Bargeld zu Hause auf. Wertvollen Schmuck in einem Banksafe deponieren.
  • Der Keller ist besonders gefährdet – lagern Sie hier nichts Wertvolles.
  • Wenn Sie etwas Verdächtiges bemerken, verständigen Sie die Polizei unter 133. Etwa, wenn Ihnen Personen auffallen, die in der Nachbarschaft umherstreifen, Autos mustern oder Sie Autos (auch Lieferwagen, kleine Lkw) sehen, die scheinbar ziellos umherfahren.

Opfernotruf:
Telefonnr.: 0800 112 112
Online: www.weisser-ring.at