Der „Turn-Opa“ ist immer noch topfit
Ein Kopfstand am Boden, ein Winkelstütz an den Ringen oder ein Handstand am Reck, das sind Übungen, die Franz Kastner selbst mit 82 Jahren noch beherrscht wie früher. Der älteste Bewerbsturner unseres Landes ist immer noch fit und kann sogar Hochrad fahren.
Als er vor zwei Wochen bei den „Turn-10-Meisterschaften“ in Schwaz (T) elegant vom Reck abschwang, erntete Franz Kastner, 82, von den Rängen tosenden Applaus. „Es gab sogar stehende Ovationen für mich“, war der Amstettner (NÖ) von der Begeisterung des Publikums gerührt.
„Ich bin mittlerweile der älteste Turner Österreichs“, weiß er und schmunzelt. „Ich habe auch deshalb in Schwaz gewonnen, weil in meiner Altersklasse über 80 sonst kein anderer am Start war.“ Doch auch im Falle von Konkurrenz wäre ihm der Titel wohl kaum zu nehmen gewesen, an den Ringen schafft der flotte Seniorenturner mit enormer Körperspannung immer noch einen Winkelstütz, wobei die Beine im rechten Winkel nach vorne gestreckt sind, auf dem Boden einen Kopfstand und auf dem Barren einen Quersitz oder Felgeaufschwung. „Kastners Leistung war großartig und hätte einem 15 Jahre jüngeren Turner alle Ehre gemacht“, freut sich auch der Präsident des heimischen Turnverbandes, Robert Labner, über seinen Vorzeigeturner.

Lorbeeren, die sich der Niederösterreicher freilich hart erarbeitete, denn immer noch trainiert er zwei bis drei Mal pro Woche in der Jahn-Turnhalle in Amstetten alle Sparten, die er beherrscht. „Ich will kein einziges Gerät auslassen, denn wenn ich mit den Ausnahmen erst einmal anfange, bin ich weg, so schnell kann ich gar nicht schauen“, befürchtet Kastner. Abseits dessen hilft er im Verein als Aushilfstrainer mit, eine Gruppe talentierter Mädchen zu betreuen, darunter Pia Schlanhof, die heute amtierende Staatsmeisterin ist. Kastner selbst ist mit 82 Jahren organisch und orthopädisch immer noch nahezu beschwerdefrei, fährt Auto und setzt seine Brille nur zum Lesen auf. „Mir fehlt nichts, der Arzt wundert sich bei der Gesundenuntersuchung immer“, verrät er. „Der Turnsport hat mir geholfen, gesund zu bleiben.“

Mit dem Hochrad Balancegefühl trainieren
Mit jungen zwölf Jahren hatte ihn einst sein Schulturnlehrer zum Turnen überredet, nach einer längeren Pause, bedingt durch Familiengründung und Hausbau, startete Kastner mit 35 Jahren voll durch. „Damals erbrachte ich an meinem Lieblingsgerät Reck und auch am Barren hohe Leistungen, lehnte aber alle Meisterschaften ab“, berichtet er. „Der Grund war, dass ich als junger Mann miterlebt hatte, wie bei einem Turnfest ein Starter, der kaum etwas konnte, vor mir gereiht wurde. Nach dieser Enttäuschung wollte ich nie mehr an Bewerben teilnehmen.“ Bis ihn vor fünf Jahren seine „Mädels“ vom Turnverein überredeten, im Alter von 77 noch in den Bewerbssport einzusteigen. „Sie sagten, du bist so gut, du musst bei Meisterschaften mitmachen.“

Nicht genug damit, fährt Kastner seit vielen Jahren auch Einrad, genauer gesagt besitzt er ein Hochrad. „Ein Arzt hat behauptet, dass die Menschen ab 50 patschert werden“, erinnert er sich. „Das wollte ich verhindern und kaufte mir, ein bissl größenwahnsinnig, gleich ein 160 Zentimeter hohes Hochrad.“ Darauf kann Kastner bis heute sein Balancegefühl trainieren. „Der Kopf befindet sich in drei Metern Höhe, aber ich habe keine Angst.“
Privat arbeitete er bis zur Pensionierung als Verkaufsberater für Fenster und spulte zwei Millionen Kilometer im Auto ab.

Heute lebt er in seinem Einfamilienhaus in Winklarn (NÖ) gleich bei Amstetten auf einem 6.000 Quadratmeter großen Grund. „Da gibt es endlos viel Gartenarbeit, die mich ebenfalls fit hält“, betont er. „Wir besitzen eine Christbaumkultur, aber auch einen Kräutergarten und viele Obstbäume, die ich selbst betreue. Manchmal ernte ich Mispeln, die zu Schnaps verarbeitet werden.“ Seine Frau Hannelore ist auch eine Hobbyturnerin. „Wir sind seit 60 Jahren verheiratet und haben gerade die Diamantene Hochzeit gefeiert“, berichtet Kastner stolz, der ab und zu auch als Hobbyjäger auf die Pirsch geht und Jagdwaffen besitzt. „Ein paar Wochen lang, wenn Bockzeit ist, sitze ich auf dem Hochstand und schieße mindestens einen Rehbock im Jahr für meinen Sohn Christoph.“ Er führt im Ort ein Nobelrestaurant, die „Weinbar Kastner“, wo das Wild auf den Tisch kommt, der zweite Sohn Arno arbeitet als Gartengestalter. „Ich habe inzwischen auch drei Enkerl und versuche, allen das Einradfahren beizubringen“, erzählt der „Turn-Opa“ lachend.