Ein Genie zwischen Tag und Traum
Er war schwer zu fassen, als Künstler und als Mensch. Der Schauspieler Oskar Werner, ein ewig Suchender auf der Flucht vor sich selbst. Überdauern werden seine Filme und die unvergleichliche Stimme, die bis heute die Menschen berührt. Sein Sohn Felix Florian Werner und der deutsch-armenische Biograf Marc Hairapetian erinnern sich an den als schwierig Geltenden.
Kurz und bündig“, sagte er einmal auf die Frage, wie er sterben will. Als ob das Schicksal ihn erhört hätte, erlag Oskar Werner mit nur 61 Jahren während einer Vortragstournee durch die deutsche Provinz einem Herzinfarkt. Ein plötzlicher Tod, dem aber ein langes Sterben vorausging.

Das sensible Genie hatte in den letzten Lebensjahren mit Depressionen und Alkoholsucht zu kämpfen. „Er war eine überlebensgroße Figur für seine Familie, aber auch für alle, die ihm begegneten. Am Ende war er so selbstzerstörerisch und es war offensichtlich, dass er nicht mehr lange durchhalten würde“, erinnert sich Felix Florian Werner, 55, Oskar Werners Sohn aus seiner Beziehung mit der Amerikanerin Diana Anderson.

Oskar Josef Bschließmayer wurde am 13. November 1922 in Wien geboren. Seine Eltern, eine Fabrikarbeiterin und ein Versicherungsvertreter, ließen sich scheiden, als der zarte Bub mit der schönen Stimme gerade einmal sechs Jahre alt war. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf, verbrachte die Volksschulzeit größtenteils bei seiner Großmutter. Schon damals faszinierte ihn das Theater.

„Ich hatte in einer Schüler-Aufführung den dritten Feuerwehrmann mit drei Sätzen zu spielen. Und ich dachte mir schon damals, den ersten Satz, den du je vor dem Publikum sprichst, musst du dir merken für die Zeit, wo du ein berühmter Schauspieler bist. Und der Satz damals lautete: ,Wo brennt‘s?‘“, erzählte der Schauspieler in einem seiner letzten Interviews.

Wie sehr er Feuer gefangen hatte für das Theater, wurde ersichtlich, als er die Schule vor der Matura abbrach. Mit 18 Jahren kam er ans Wiener Burgtheater, wobei er vorher nur sieben Stunden privaten Schauspielunterricht hatte. Zu dieser Zeit änderte er seinen Namen in Oskar Werner um, weil „Werner“ – wienerisch „Weaner“ ausgesprochen – wie „Wiener“ klingt.

Den ersten Engagements am Burgtheater folgte 1942 seine Einberufung zur Wehrmacht. Noch während des Zweiten Weltkrieges heiratete Oskar Werner 1944 seine um zwölf Jahre ältere Schauspielkollegin Elisabeth Kallina. Im selben Jahr wurde die gemeinsame Tochter Eleonore geboren. Kurz vor Kriegsende desertierte der Schauspieler und versteckte sich mit Frau und Kind im Wienerwald. Zeit seines Lebens sollte sich Oskar Werner der NS-Zeit widmen und als Mahner gegen den Krieg auftreten.

Seine größten Kinoerfolge feierte Oskar Werner in den 1960er Jahren
Schon bald nach der Rückkehr auf Wiens Theaterbühnen wurde der Film auf den ausdrucksstarken Darsteller aufmerksam. Seine Rolle in „Der Engel mit der Posaune“ (1947) öffnete ihm die Türen nach Hollywood (USA). Oskar Werner verließ 1950 seine Heimat Wien und unterzeichnete einen Sieben-Jahresvertrag mit der Produktionsfirma 20th Century Fox. Die angebotenen Rollen entsprachen aber nicht seinem Anspruch. Werner brach den Vertrag und kehrte nach Europa zurück.

Im Jahr 1953 spielte er das erste Mal die Rolle des dänischen Prinzen in Shakespeares „Hamlet“. Der exzentrische Ausnahmekünstler wurde bald als „Jahrhundert-Hamlet“ gefeiert. Seine Lebensrolle spielte er nicht, er war Hamlet. „Ich merke, dass Hamlet für mich geschrieben ist. In jeder Rolle findet man etwas von sich selbst. Aber in Hamlet habe ich einen Zwillingsbruder gefunden“, sagte Werner.

Inzwischen geschieden, heiratete er 1954 Anne Power, die Adoptivtochter des US-Schauspielers Tyrone Power. In den 50er Jahren verfestigte sich auch Oskar Werners Ruf als exzentrischer und kompromissloser Ausnahmekünstler. Seine Bühnenpräsenz ließ abermals die internationale Filmwelt bei ihm anklopfen. Meisterwerke wie „Jules und Jim“ (1962), „Das Narrenschiff“ (1964) oder „Fahrenheit 451“ (1966) trugen seine Handschrift.

Zusehends vom Alkohol gezeichnet, zog sich der Mime immer mehr zurück
Wie kaum ein anderer vermochte er es, sich in den jeweiligen Charakter zu verwandeln. „Man vergisst, dass es Oskar Werner ist, der spielt, und ich vergesse, dass es mein Vater auf der Leinwand ist“, erinnert sich Felix Florian Werner in einem Gespräch mit dem deutschen Autor und Herausgeber Marc Hairapetian, 54. Der Wahl-Berliner arbeitet gerade an einer Biografie mit dem Titel „Oskar Werner – Genie zwischen Tag und Traum“, die Ende 2023 erscheinen soll. Als Freund der Familie Oskar Werners „habe ich alle Informationen aus erster Hand, aus Begegnungen mit Menschen, die den ,Teixl‘, wie er sich selbst nannte, persönlich erlebt haben. So vertraute mir seine Tochter Noni eine Zeitlang ihr eigenes Foto-Archiv an“, erzählt Hairapetian, der Oskar Werner schon seit seinem 15. Lebensjahr verehrt.

Seine letzten Jahre verbrachte er wieder in Wien. Ein für Ende 1983 geplantes Engagement am Burgtheater kam nicht mehr zustande. Zusehends vom Alkohol gezeichnet, zog er sich immer mehr zurück. Oskar Werner starb schließlich am 23. Oktober 1984 einsam in einem Hotelzimmer. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen.