Eindruck bei den Damen machen
Hirsche, Rehe, Elche oder Steinböcke haben ihre Frühlingsgefühle im Herbst. Doch zur Brunftzeit gehört nicht nur eine röhrende Stimme, auch ein prächtiges Geweih oder Gehörn zieht die Weibchen an. Es zählt also weniger, was im, sondern vielmehr, was auf dem Kopf ist.
Wieder und wieder krachen die verzweigten Auswüchse der Stirnknochen aneinander und es wird bis zur Erschöpfung geschoben und gedrückt.
Erst wenn der Sieger feststeht, kehrt Ruhe ein. Jedoch nur, bis sich neue Widersacher gefunden haben.
Ob mächtige Stangen wie beim Rothirsch, kunstvolle Schnecken wie beim Mufflon oder prächtige Schaufeln wie beim Damhirsch – im Werben um den Fortpflanzungserfolg übernehmen die „Waffen der Männchen“ eine besondere Rolle. Gerade jetzt in der Brunftzeit.

„Ein Hirsch mit einem kräftigen Geweih sendet damit das Zeichen an Weibchen aus, dass er gutes Genmaterial besitzt und viele Nachkommen zeugen kann“, erklärt der Zoologe Dr. Axel Gebauer, der in seinem Dokumentarfilm „Das geheime Leben der Rothirsche“ (ARD-Mediathek) einen eindrucksvollen Blick hinter die Kulissen der Brunftarena wirft.

Rekordverdächtiges Wunder der Natur
Das rasante Wachstum des Geweihs, das über das männliche Geschlechtshormon Testosteron gesteuert wird, ist dabei ein echtes Wunder der Natur.
„Mit mehr als zwei Zentimetern pro Tag ist es das schnellste Organwachstum im gesamten Tierreich. In nur 120 Tagen können Hirsche zehn Kilo neue Geweihsubstanz bilden“, erklärt der Zoologe. Der Bedarf an Kalzium und Phosphor ist dementsprechend hoch und wird teilweise sogar aus dem eigenen Skelett der Tiere gedeckt.

„Einen prächtigen Kopfschmuck können sich also nur die fittesten Männchen leisten. Kranke und ältere Tiere ab 13 Jahren können das nicht mehr“, berichtet der Fachmann.
Gegen Ende des Winters verlieren aber selbst die jüngsten und stärksten Platzhirsche plötzlich einen Teil ihrer Männlichkeit. Aus den stolzen Geweihträgern werden dann für kurze Zeit Kahlköpfe. Forscher kennen heute zwar den Vorgang des Geweihabwurfes, doch warum die Natur dem Tier einen derartigen körperlichen Kraftakt zumutet, ist bislang ungeklärt.

„Es könnte damit zu tun haben, dass die Geweihe mit zunehmender Reife eines Hirsches jedes Jahr größer und verzweigter werden. Um einen imposanteren Kopfschmuck hervorzubringen, muss das vorhergehende Geweih deshalb weichen“, vermuten die Wissenschaftler.

In der Natur macht bekanntlich alles einen Sinn – auch die abgeworfenen Geweihe. Sie sind aufgrund ihres hohen Kalk- und Phosphorgehaltes bei Nagetieren wie Mäusen beliebt. Werden sie nicht von uns Menschen eingesammelt, liefern sie somit über Jahre wertvolle Nährstoffe für die Waldbewohner.

Nicht zu verwechseln ist das Geweih allerdings mit dem Horn. „Es besteht wie ein Fingernagel aus Keratin und wird im Gegensatz zum Geweih nicht abgeworfen. Hörner wachsen also ein ganzes Leben weiter und bilden sogar Jahresringe, anhand derer sich das Alter eines Tieres bestimmen lässt“, sagt Gebauer.

Auch die Hornträger sind nicht zimperlich
Wie Geweihe werden auch Hörner zum Teil als Kopfschmuck und zum Teil als Waffe gebraucht. Große Exemplare dienen meist aber nur zum Präsentieren und werden selten im Kampf eingesetzt. So ist zum Beispiel bei den Steinböcken, deren Hörner bis zu einem Meter langwerden können, meist schon ohne Kampf klar, wer in der Rangordnung höhersteht. Generell ist es so, dass Hörner sowohl von Weibchen als auch von Männchen getragen werden, Geweihe jedoch nur bei den Männchen einer Art vorkommen.

Bei den Rentieren tragen allerdings auch die Weibchen ein Geweih. „Die Männchen werfen es schon im Herbst ab, die Weibchen erst im Frühjahr“, weiß der Experte. Die Rentiere des Weihnachtsmannes, die immer ein Geweih tragen, müssten daher Weibchen sein. „Rudolf“ das Rentier, im Zeichentrickfilm mit seiner roten Nase, ist daher in Wirklichkeit eine „Rudolphine“.