Der Nerv der Ruhe-Zeit
Wer sich ständig Sorgen und Gedanken macht, dem fällt das Ein- und Durchschlafen schwer. Die Gedanken fahren Karussell und ans Schlafen ist nicht zu denken. Damit wir ausreichend und tief schlafen, muss unser Ruhe- und Entspannungsnerv aktiv sein dürfen.
Wenn andere schlafen, sind sie wach, und zwar ungewollt. Menschen, die unter Ein- und Durchschlafstörungen leiden, liegen nachts in ihren Betten und finden keine Ruhe. Die Gedanken kreisen, Sorgen und Gefühle halten wach, obwohl sie nur eines wollen, endlich ein- oder weiterschlafen.

Schlafmangel ist zu einem Massenphänomen geworden. Eine Studie aus dem Vorjahr unter Leitung des Schlafforschers Dr. Stefan Seidel von der Universitätsklinik für Neurologie der MedUni Wien und der Epidemiologin Dr. Eva Schernhammer zeigte, dass jeder Zwölfte im Land zwischen 18 und 67 Jahren bereits an krankhafter Schlaflosigkeit leidet. Das sind siebenhunderttausend Frauen und Männer, die häufig nachts wach liegen und vergeblich auf das (Wieder-)Einschlafen warten. Irgendwann einmal im Leben macht sogar jeder Zweite im Land diese Erfahrung.
Trotzdem wird das Problem von vielen unterschätzt. Schlafmangel und Schlafstörungen machen anfällig für Unfälle aufgrund von Tagesmüdigkeit, für Krankheiten, da zu wenig Schlaf das Immunsystem schwächt, und sie können zu Depressionen und Übergewicht führen.

Gefühlsballast als Schlafräuber
Selten steckt eine Erkrankung hinter dem nächtlichen Wachsein. „Die viel häufigeren Schlafräuber sind die emotionale und energetische Überladung unseres Körpers und der Psyche“, verrät Dr. Christian Neuburger, Arzt für Allgemeinmedizin, psychosoziale Medizin und psychosomatische Medizin aus Oberösterreich (dr.neuburger.at, Tel.: 07224/80574).

„Wollen wir innerlich entspannen, zur Ruhe kommen, die Herzfrequenz senken und auch schlafen, lässt sich das nicht mit unserem Willen steuern. Hierfür ist unser parasympathisches Nervensystem zuständig. Es ist Teil unseres unbewussten, nicht willentlich steuerbaren Nervensystems. Sein Gegenspieler ist das sympathische Nervensystem, das übernimmt, wenn wir Leistung erbringen und aktiv sind. Sind beide Nervensysteme im Gleichgewicht, wechseln sich aktive und ruhende Phasen ab. Doch bei vielen dominiert heute der aktivierende Sympathikus bis weit in die Abend- und Nachtstunden. Mitunter deshalb, weil wir heutzutage durch die digitale Kommunikation viel mehr aufnehmen und in der Freizeit immerzu aktiv sind. Die Phasen der Ruhe, in denen wir wirklich nichts tun, unseren Geist erholen, werden immer weniger. Das uns beruhigende parasympathische Nervensystem kommt nicht zum Zug.

Immer mehr Menschen liegen daher nachts ungewollt lange wach, oder sie wachen auf und können nicht mehr einschlafen“, erläutert Dr. Neuburger die Hintergründe für die massiv ansteigenden Schlafprobleme der Menschen.
Summieren sich über eine Zeit in uns Gefühle wie Sorgen, Druck, Ängste, Zweifel, Trauer oder Wut, wird das sympathische, das uns aktiv haltende Nervensystem, überladen. „Ohne einer Entladung der aufgestauten Erregungen ist keine Ruhe möglich. Das heißt, die negativen Gefühle müssen heraus, sonst werden sie gespeichert, im Körper und im Geist. Das raubt irgendwann den Schlaf, weil Körper und Geist ständig im Aktiv-Modus sind.“

Brabbeln Sie einmal wie ein Baby
Die Entladung, das Abwerfen des Ballastes, ist Voraussetzung dafür, am Ende der aktiven (Tages-)Zeit, in die Phase der Ruhe, der Entspannung und des Schlafes zu kommen. „Viele Menschen wissen nicht mehr, wie sie sich ,entladen‘ können. Unsere Stimme ist hier ein gutes Werkzeug. Denken wir nur daran, wie ein Baby reagiert, wenn ihm etwas nicht behagt. Es benützt seine Stimme, es schreit. Wenn es etwas beschäftigt, brabbelt es vor sich hin. Die Stimme hilft uns Menschen seit Urzeiten beim Abbau von emotionalen Überladungen. Heutzutage können wir das zum Beispiel durch Singen erreichen, gerne lauthals, ganz gleich, ob ,richtig‘ oder ,falsch‘ gesungen. Und, das mag komisch wirken, auch Erwachsene können durch ,Babysprache‘ ihre emotionale Überladung abbauen. Stellen Sie sich zu Hause vor den Spiegel und lassen Sie die Laute ganz ohne Sinn und Zusammenhang einfach aus dem Mund kommen, mit freier, lauter Stimme, nur geleitet von ihren Gefühlen.“

Wem das noch befremdlich erscheint, dem liegen vielleicht Atemübungen näher. „Um den Ruhe- und Entspannungsnerv, den Parasympathikus verstärkt zu stimulieren, haben ich das ,Frei-Atmen‘ entwickelt. Damit können Überladungen schon früh wahrgenommen und entladen werden, bevor krankhafte Störungen entstehen. Eine weitere, gute Möglichkeit sind Yoga und Tanzen. Beides hilft, das überladene Aktiv-Nervensystem zu entladen und dem Entspannungsmodus Platz zu machen. Wer unter Schlafstörungen leidet, dem empfehle ich täglich Übungen, zwischendurch auch gerne bei Bedarf. Der Erfolg, eine deutlich besser Schlafqualität, kann sich schon nach zwei Wochen einstellen.“

Frei-Atmen – Die Stimulation des Ruhe- und Entspannungsnervs

Die „Pah-Übung“ (auch anwendbar unmittelbar nach einem Ärgernis): Hüftbreiter Stand, leicht in die Knie gehen, einatmen und die Arme seitlich etwas heben, dann schnell ausatmen, Arme senken, Augen weit aufreißen und die Silbe „Pah“ hinausschreien. Ein paar Mal wiederholen, dann pausieren, Atem fließen lassen, und erneut 5 bis 10 Mal wiederholen. Danach breitet sich ein Wohlgefühl aus, möglicherweise auch ein zartes Kribbeln.

Frei-Atmen nach innen (bei Schlaflosigkeit, auch nachts mit geschlossenen Augen durchführbar): Augen schließen und für ein paar Momente in sich hineinhören, den Körper fühlen. Augen öffnen, dann die Augen schließen und den Atem frei fließen lassen. Bei jedem Ausatmen das Wort „Lebenskraft“ lautlos sagen. Je ruhiger der Körper wird, desto langsamer wird die Wiederholung, desto tiefer wird die Entspannung. Wird auf das Wort einmal vergessen, beim nächsten Ausatmen einfach wieder beginnen, bis der Schlaf eintritt.

Weitere Übungen gibt es auf dem YouTube-Kanal „Dr. Neuburger – Die Natur kann es“.