Der tapfere Winnetou weint
Derzeit sorgt immer wieder ein Thema für Aufregung, das sich „Kulturelle Aneignung“ nennt. Das Phänomen macht weder vor Filmen und Namen noch Musik oder Mode Halt. „Winnetou“ soll nicht mehr im Fernsehen gezeigt werden, seine Bücher wurden verbannt.Scheinheilige Aktionen, die von wahren Problemen ablenken.
Niemals hätte sich der in Wien lebende Musiker Mario Parizek vorstellen können, dass er aufgrund seiner Frisur in einem Lokal nicht auftreten darf. Aber so kam es. Im August wurde er, weil er weiß ist und sogenannte Dreadlocks (Filzlocken) trägt, nicht auf die Bühne gelassen. Mitarbeiter des Züricher Lokals „Gleis“ in der Schweiz gaben an, sich mit seiner Frisur nicht wohlzufühlen.

Einen ähnlichen Fall gab es in der Brasserie „Lorraine“ in Bern, ebenfalls Schweiz, wo sich Zuseher darüber aufregten, dass die Mundart-Band „Lauwarm“ ebenfalls Dreadlocks-Träger mit dabei hatte. Von „Unwohlsein“ war die Rede, weil weiße Menschen Reggae spielen und dazu noch Rasta-Locken tragen. Denn Reggae und Rastas müssten bitte schön schwarzen Jamaikanern vorbehalten bleiben. Dies entstamme deren Kultur, meint eine kleine Gruppe von vermeintlichen Weltverbesserern, die leider Gehör fanden. Völkerverständigung und friedlicher kultureller Austausch sind offenbar nicht gewünscht.

Das Phänomen, das sich hinter diesen Beispielen verbirgt, nennt sich kulturelle Aneignung und ist eines der Spezialgebiete der Soziologin Brita Krucsay von der Universität Wien. „Wie bei vielen Konzepten ergeben sich auch bei der kulturellen Aneignung dann Schwierigkeiten, wenn es zu einer Alltagskritik kommt und ich beginne, Identitäten festzuschreiben. Der eine darf eine bestimmte Frisur tragen, weil er schwarz ist und damit über die Bedeutung der Kultur der Schwarzen Bescheid weiß, die andere darf es nicht, weil sie weiß ist. Damit begeben wir uns in Teufels Küche, weil wir Zugehörigkeiten und kulturelle Identitäten zum Teil an äußere Merkmale knüpfen.“

Geldmacherei soll Leiden verdecken
Nach Ansicht der Wissenschaftlerin geht es bei der kulturellen Aneignung nicht um ein Verbot des kulturellen Austausches. Vielmehr wird die Kommerzialisierung von Kulturgütern und Symbolen von Völkern und kulturellen Gruppen kritisiert, die auf eine lange Geschichte der Unterdrückung, Ausbeutung und soziale Ausgrenzung zurückblicken. Das Leiden, so der Vorwurf, wird dabei in der kommerziellen Verwendung unsichtbar gemacht. Als Beispiel nennt Krucsay den Disney-Film „Pocahontas“, der die grausame Unterwerfung und Ermordung der amerikanischen Ureinwohner durch englische Kolonialisten ausblendet. Stattdessen wird eine massentaugliche Liebesgeschichte daraus.

„Indianer zu sein, erscheint als nette Folklore mit Federschmuck und Naturverbundenheit, ohne die Geschichte des Völkermordes sichtbar zu machen und die Konfliktgeschichte, die bis heute fortwirkt, zu thematisieren. Dass ein Konzern viel Geld mit dieser Geschichtsverschleierung macht, lässt sich als Bereicherung einer Mehrheitskultur auf Kosten der unterworfenen Kultur sehen.“

Das würde auch für „Winnetou“ gelten, der zuletzt für Schlagzeilen sorgte. Der Verlag Ravensburger nahm das Buch zum aktuellen Kino-Film „Der kleine Häuptling Winnetou“ aus seinem Programm. „Nach Abwägung verschiedener Argumente sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass angesichts der geschichtlichen Wirklichkeit, der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, hier ein romantisierendes Bild mit vielen Klischees gezeichnet wird“, heißt es.

Konkret kam die Kritik von der „Native American Association of Germany“, einer Aktivistengruppe von Indianern, die als Angehörige der US-Armee nach Deutschland gekommen sind. Sie stoßen sich an den Stereotypen, die ihrer Meinung nach durch Winnetou vermittelt werden. Eine Kritik, die angesichts dessen, dass Winnetou ein positives Bild der Indianer zeichnet, kaum nachvollziehbar ist. Auch deshalb, weil Indianer in Deutschland oder in unserem Land im Gegensatz zu Nordamerika kein Leid erfahren haben.
Der große Häuptling der Apachen, der einst von Pierre Brice (1929 bis 2015) verkörpert wurde, hat Millionen von Menschen begeistert. Die öffentlich rechtlichen Sender ARD in Deutschland und der ORF hierzulande wollen keine Filme mehr mit ihm zeigen. Offiziell heißt es, die Lizenzen seien abgelaufen.

Was befremdlich wirkt, ist, dass eine kleine Gruppe für alle indigenen Menschen spricht, wobei viele von ihnen das Thema anders sehen. Der Schauspieler Robert Alan Packard, der auch im Publikumshit „Der Schuh des Manitu“ zu sehen war, wurde im Yankton Sioux Indianer Reservat in South Dakota in den USA geboren. Nach Deutschland kam er ebenfalls mit der Armee, wo er in Augsburg stationiert war. „Ich fühle mich überhaupt nicht diskriminiert und sehe auch nichts Rassistisches bei Winnetou. Ich unterstütze seine Geschichten und bin verärgert, dass versucht wird, ihn auszuradieren.“

Dabei gäbe es gerade in Amerika Wichtigeres aufzuarbeiten, schließlich wurde an den Indianern ein regelrechter Völkermord verübt. Als Christoph Kolumbus 1492 nach Amerika kam, lebten schätzungsweise fünf bis zehn Millionen von ihnen in Nordamerika. Mit der Besiedelung der Weißen verschwanden sie. Um 1900 gab es nur noch knapp 240.000 von ihnen.
Der Diskurs um kulturelle Aneignung betrifft aber nicht nur den Häuptling der Apachen, sondern zieht weitere Kreise, wie die Soziologin Brita Krucsay weiß. „Noch komplexer wird es, weil ,Kultur‘ ja nicht nur in unterschiedlichen geografischen Regionen, sondern auch in unterschiedlichen Milieus und Klassen entsteht. Ein Beispiel sind etwa die Blue Jeans, die vor ihrem Siegeszug in die oberen gesellschaftlichen Etagen eine Arbeitskleidung, eine Arbeiterkleidung war.“ Daraus könnten wir folgern, dass ein Angestellter keine Jeans tragen – und ein Sänger sich nicht an der Kleidung anderer Völker bedienen dürfte.

Der amerikanische Rapper Kendrick Lamar etwa wurde kritisiert, weil seine Tänzer als Kung-Fu-Schüler verkleidet mit ihm auf der Bühne standen, die Sängerin Beyoncé geriet ins Kreuzfeuer, weil sie in einem Musikvideo als Bollywood-Schönheit mit Sari am Körper und Henna-Zeichnungen auf den Händen auftrat.

Sogar die Mohrenbrauerei in Dornbirn (Vlbg.) kam 2020 wegen Rassismusvorwürfen in die Schlagzeilen. Der Name konnte dem Unternehmen nicht verboten werden, da er auf den Gründer Josef Mohr zurückgeht, aber das Logo, ein Mohrenkopf, wurde adaptiert. Es zeigt den Heiligen Mauritius, der schwarz gewesen sein soll und in der Spätantike als Heiliger verehrt wurde. Nun wurden ihm Stupsnase und schmale Lippen verpasst …