Matchball trotz schwerer Krankheit
Sie schlagen ihren Gegnern trotz Zuckerkrankheit oder Depressionen die Bälle um die Ohren und gewinnen trotz chronischer Gefäßschwächen oder Autoimmunerkrankungen große Turniere. Dieser Tage wird wieder bei den US Open in New York (USA) aufgeschlagen.
Kein Profisport mit einer chronischen Erkrankung – „Das stimmt nicht“, entgegnet Alexander Zverev, 25. „Auch mir erklärten die Ärzte, dass ich als Zuckerkranker nie Profi werden könnte, heute bin ich Nummer zwei der Welt. Ich kann nur allen raten, sich gegen ihr Schicksal zu stemmen,“ sagt der Deutsche, der zuletzt an die Öffentlichkeit brachte, seit seinem dritten Lebensjahr an Diabetes Typ 1 zu leiden.

Damit ist er einer von zahlreichen Tennis-Assen, die mit dem Schläger den Kampf gegen ein schweres Leiden gewannen, auch wenn er heuer verletzungsbedingt bei den US Open fehlt. „Ich habe harte Zeiten hinter mir“, gesteht er. „Als Kind durfte ich bei Feiern niemals den Geburtstagskuchen essen, die Schulkollegen zerstörten mir mutwillig mein Insulinbesteck und sogar später als Tennisprofi habe ich mich aus Scham versteckt, um mir mein Insulin zu spritzen.“ Heute hat Zverev sein Blutzuckermessgerät immer in der Tennistasche und gründete sogar zuletzt eine Stiftung für Zuckerkranke.

Die Williams-Schwestern leiden seit vielen Jahren

Die US-Schwestern Venus, 42, und Serena Williams, 40, gehören mittlerweile zu den größten Tennis-Legenden, waren jedoch gesundheitlich nie auf Rosen gebettet. Venus leidet seit vielen Jahren am Sjögren-Syndrom, einer Autoimmunerkrankung, die sich durch chronische Müdigkeit und Gelenksschmerzen äußert. „Manchmal war ich so schwach, dass ich den Schläger nicht mehr halten konnte“, erzählt sie, die 2002 für elf Wochen an der Spitze der Tennis-Weltrangliste stand und trotz ihrer 42 Jahre nicht an Rücktritt denkt.

„Wenn mir die Ärzte früher Medikamente gegeben hätten, wäre ich noch viel erfolgreicher gewesen“, glaubt sie, „denn ich spielte oft nur mit halbem Tank und geschwollenen Händen.“ Ihre Schwester Serena gibt heuer bei den US Open ihre Abschiedsvorstellung vom Profitennis. Die mit 23 Grand-Slam-Titeln erfolgreichste Spielerin der Profiära seit 1968 gewann viele ihrer Titel trotz hoher gesundheitlicher Hürden. Lange schon leidet sie an Durchblutungsstörungen und einer Gefäßschwäche, die vor vier Jahren in einem gefährlichen Blutgerinnsel mündete. „Ich erlitt damals eine Thrombose und befand mich in Lebensgefahr“, erinnert sie sich. „Seither bin ich in ständiger Behandlung und muss Tennis in der Regel mit Kompressionsstrümpfen spielen.“

Mit 22 Grand-Slam-Titeln kaum minder erfolgreich ist Rafael Nadal, 36, der die ersten beiden Major-Turniere dieses Jahres in Australien und Frankreich unter enormen Opfern gewann. „Ich bekam mitunter täglich schmerzstillende Injektionen“, verrät er. Der Spanier leidet am angeborenen Müller-Weiß-Syndrom, bei dem das Knochengewebe des Kahnbeines abstirbt, das ist ein Fußwurzelknochen in Sprunggelenksnähe. Als Folge dieser chronischen Erkrankung muss Nadal häufig Turniere absagen und Pausen machen. „Ich setze auf neue Therapien und auch eine Operation könnte meine Fußstellung verbessern. Doch sie würde mich lange außer Gefecht setzen“, weiß der Spanier, dass in seinem Alter eine Fortsetzung der Karriere dann fraglich wäre.

Vor einem Jahr sackte die Amerikanerin Danielle Collins, 28, während eines Spiels plötzlich zusammen und krümmte sich vor Unterleibsschmerzen. „Es waren die schlimmsten Schmerzen, die ich je hatte. Damals war ich an einem Punkt angelangt, an dem ich es geistig und körperlich kaum noch aushielt“, erzählt sie von ihrer Krankheit Endometriose, bei der immer wieder Wucherungen in der Gebärmutter auftreten. Als ihr eine Zyste in der Größe eines Tennisballes aus dem Unterleib operiert wurde, besserte sich ihr Befinden und Collins erreichte im Jänner 2022 sogar das Finale der Australian Open. Doch sie rechnet mit der Rückkehr der Beschwerden. „Ich muss künftig damit leben“, weiß sie ebenso wie die Britin Francesca Jones, 21, der – mit einer Entwicklungsstörung namens EEC-Syndrom geboren – auf beiden Händen und Füßen mehrere Finger und Zehen fehlen. Dennoch schaffte sie es 2021 ins Hauptfeld der Australian Open.

Wegen chronischer Depressionen nicht zu Pressekonferenzen erschienen

Dass es nicht immer körperliche Gebrechen sind, die Sportler bremsen, zeigt Naomi Osaka, 24. „Ich bin seit Jahren wegen chronischer Depressionen in Behandlung und komme nicht gut damit zurecht“, berichtet die für Japan startende Spielerin, die sich aus Panik oft weigerte, zu Pressekonferenzen zu erscheinen. „Am liebsten sperre ich mich mit Kopfhörern auf den Ohren in meiner eigenen Welt ein und rede mit niemandem“, gesteht die vierfache Grand-Slam-Turniersiegerin, die zuletzt mental wieder einen Aufwärtstrend verzeichnete. Wolfgang Kreuziger