So ein Theater – Teil 6
Zarter Schmetterling auf riesiger Seebühne. Die Bregenzer Festspiele sind der kulturelle Höhepunkt des Sommers. Auf der weltgrößten Seebühne wird heuer „Madame Butterfly“ aufgeführt. ORF-Kulturchef Martin Traxl über eine der populärsten Opern, den Reiz der „Spiele auf dem See“ und warum er die Kultur ebenso mag wie die Natur – solange er nicht von einem lästigen Insekt gestochen wird.
Allein das Bühnenbild ist es wert, die Bregenzer Festspiele zu besuchen. Gewohnt überdimensioniert, ist ein auf dem Wasser schwimmendes Blatt Papier zu sehen. Stolze 1.300 Quadratmeter groß ist die aus 117 Kulissenteilen mosaikartig zusammengesetzte Konstruktion. Sie versinnbildlicht ein zartes Blatt Papier als Spiegelbild der Seele von „Madame Butterfly“, der japanischen Geisha aus Giacomo Puccinis († 1924) gleichnamiger Oper.
118 Jahre nach ihrer Uraufführung ist die japanische Tragödie erstmals am Bodensee, auf der weltgrößten Freiluftbühne, zu sehen.

Vor der Naturkulisse des Bregenzer Hausbergs, des Pfänders, liebt und leidet „Madame Butterfly“, der zarte Schmetterling, zwei Sommer lang.
Zunächst schwebt die Geisha Cio-Cio-San, „Madame Butterfly“, im siebenten Himmel. Der eroberungsfreudige amerikanische Marineleutnant Pinkerton nimmt die Japanerin zur Frau. Während die 15jährige eine „echte“ Ehe führen will, ist der Amerikaner nur auf ein exotisches Abenteuer aus. Die Zweisamkeit ist ohnehin von kurzer Dauer. Pinkerton wird in seine Heimat beordert. Während die schwangere Cio-Cio-San auf seine Rückkehr wartet, heiratet der Treulose in seiner Heimat. Nach drei Jahren kommt er zu ihr, mit seiner amerikanischen Frau, um ihr den dreijährigen Sohn zu entreißen. Cio-Cio-San sieht keinen anderen Ausweg, als sich das Leben zu nehmen.

Drama der Gegensätze
„Ja, in der ,Madame Butterfly‘ geht sich das Verbindende letztlich nicht aus. Kultur kann im Sinne der Traditionen und Herkunft durchaus ein unüberbrückbares Hindernis sein. In Pucchinis Oper scheitern die beiden an ihrem unterschiedlichen Verständnis von Beziehung. Und natürlich ist es auch eine Frage des mangelnden Respekts des amerikanischen Kerls, der sich lediglich vergnügen möchte, während es für Butterfly die Liebe ihres Lebens ist“, fasst Martin Traxl, ORF-TV-Kultur-Chef und Moderator, die Quintessenz der tragischen Geschichte zusammen.

Dass die Kultur das Verbindende über das Trennende stellen kann, beweisen die Bregenzer Festspiele an sich, meint der 58jährige, dessen Redaktion die bereits erfolgte Fernseh-Liveübertragung realisiert hat. Eine Aufzeichnung der Produktion ist am 13. August ab 20.15 Uhr auf 3sat zu sehen. „Allein die Publikumsstruktur finde ich faszinierend. Anders als in Salzburg und Wien, ist hier im Ländle das Bodenständige im Vordergrund. Die exponierte Lage im Dreiländereck zieht Menschen aus der Schweiz, Deutschland und Liechtenstein an. Das ergibt einen schönen Gäste-Mix, der völkerverbindend wirkt.“

Interessant findet Traxl, dass der Regisseur Andreas Homoki das Stück in die 1950er Jahre verlegt hat. „Zu dieser Zeit erlebte der amerikanische Imperialismus seinen Durchbruch. Amerika galt als Symbol der Freiheit und des Aufbruchs. Was aber auch zu Anpassung und Gleichmacherei führte und wodurch leider viel Authentisches verloren ging, gerade in Asien. Das wird in der Inszenierung gut angedeutet“, erklärt er.

Der große Trumpf sei jedoch das Bühnenbild. „Ich war zunächst skeptisch, ob es funktioniert, eine intime Oper auf derart großer Bühne zu inszenieren. Umso überraschter bin ich, wie gut das passt. Das Bühnenbild in Form eines hingeworfenen Blatt Papiers symbolisiert eine Leichtigkeit, die tatsächlich 300 Tonnen schwer ist. Zum einen drückt das handgeschöpfte Papier, das in der japanischen Kultur einen hohen Stellenwert hat, das Fragile, das Empfindliche aus. Zum anderen wirkt das zusammengeknüllte Papier wie eine Muschel, die dem Geschehen einen Schutz verleiht und zudem für eine akustische Verbesserung sorgt.“

„Es ist die Kunst, die uns das Herz öffnet“
Dass die pandemiebedingten Ereignisse an der Kultur nicht spurlos vorübergingen, steht für Martin Traxl außer Zweifel. Aber er bleibt optimistisch. „Selbst wenn es pathetisch klingt, bin ich mir sicher, dass sich die Kultur stärker vom Nischenprodukt zum Breitenphänomen entwickeln wird. Schließlich ist es die Kunst, die uns die Augen und das Herz öffnet. Natürlich stellt die Kunst auch unangenehme Fragen, aber das hilft uns, den Blick zu schärfen. Kultur ist wie eine Kur, die heilsam und beflügelnd sein kann“, ist Traxl überzeugt.

Er selbst braucht ebenso wie die Kultur die Natur. „Das sind für mich zwei Pole, die im Zusammenspiel die Welt erst perfekt machen. Zumal die Natur die Kunst immer schon in­spiriert hat. So gerne ich in der Oper oder im Konzertsaal bin, liebe ich es, durch den Wald und über die Wiesen zu streifen, solange mich nicht ein lästiges Insekt sticht – wie es mir heuer bereits zwei Mal widerfahren ist. Die Biester werden offensichtlich immer giftiger, da halfen mir nur noch Antibiotika“, meint er schmunzelnd.

Vorarlberg kennt er einigermaßen gut, weil er einen Film über die Architektur im Ländle gemacht hat, und in erster Ehe mit einer Vorarlbergerin verheiratet war. „Ich liebe den Gebhartsberg mit dem unglaublichen Ausblick auf den Bodensee und das Rheintal“, schwärmt Traxl, der für die Filmreihe „Weites Land“ (ab 28. August, ORF2) erneut in Vorarlberg unterwegs war. „Wir gehen in der zehnteiligen Reihe den unterschiedlichen Mentalitäten in den Bundesländern auf den Grund. Wir beginnen mit der Spurensuche in Vorarlberg. Ob der originelle Fleischhauer oder die witzige Feuerwehrrunde, der Vorarlberger entspricht scheinbar doch ein wenig dem Klischee. Die Menschen im Ländle sind unglaublich fleißig, effizient und geradlinig.“

Vorstellungen bis 21. August Information und Karten:
www.bregenzerfestspiele.com
Tel.: 05574 4076.

Das Spiel auf dem See
  • Im Jahr 1946 fand das erste „Spiel auf dem See“ statt.
  • Pro Vorstellung haben bis zu 6.980 Zuschauer Platz.
  • Abseits der Pandemie kamen eine Viertelmillion Besucher pro Festspiel-Saison.
  • 2008, als die Oper „Tosca“ aufgeführt wurde, befand sich Bregenz im „007-Fieber“. In spektakulärer Kulisse wurden entscheidende Film-Szenen für das James-Bond-Abenteuer „Ein Quantum Trost“ mit Daniel Craig gedreht.
  • 2023 steht ebenfalls „Madame Butterfly“ auf dem Programm.
  • 2024 und 2025 dürfen wir uns auf „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber freuen.