BLAU machen im Sommer
So weit der Blick reicht – alles blau. Im Sommer gibt es kaum etwas Schöneres, als am Strand zu liegen und sich am marineblauen Meer mit dem ebenso blauen Himmel zu erfreuen. Doch die Lieblingsfarbe der meisten Menschen birgt auch so einige Überraschungen.
Heute habe ich so gar keine Lust zur Arbeit zu gehen. Ich glaube, ich mache heute einfach blau“, denkt sich die faule Alexandra und dreht sich noch einmal im Bett um.
Die Redewendung „blau machen“ kommt ursprünglich vom „Blauen Montag“, ein freier Tag, ganz ohne Arbeit. Das ist allerdings schon lange her und war damals bei Färbern gebräuchlich. Sie legten die Stoffe, die sie färben wollten, am Sonntag in ein Färbebad.

Montags wurde die Wolle dann aus dem Bad genommen und aufgehängt. Doch während die Wolle an der Luft trocknete und langsam blau wurde, hatten die Färbergesellen nichts zu tun – schließlich mussten sie warten, bis die Wolle fertig war. Also konnten sie ganz in Ruhe „blau machen“ – und zwar die Wolle.

Blau ist schon seit der Antike eine wichtige Farbe in Kunst und Dekoration. Der Halbedelstein Lapislazuli wurde im alten Ägypten für Schmuck verwendet und später, in der Renaissance, um Ultramarin, die teuerste Farbe der Welt, herzustellen. Im achten Jahrhundert verwendeten chinesische Künstler Kobaltblau, um feines weißes Porzellan zu färben. Und im Mittelalter benutzten europäische Künstler es in den mächtigen Fenstern der Kathedralen.

Die Farbe der Könige
Die Exklusivität von Blau führte folglich dazu, dass die Menschen es über Tausende von Jahren als eine Farbe mit hohem Status betrachteten.
Leuchtend blau waren zum Beispiel seit dem 13. Jahrhundert auch die prächtigen Mäntel der französischen Könige. „Die beliebteste Farbe der Welt ist demzufolge auch das Königsblau“, weiß der deutsche Farbforscher Christoph Witzel. Zudem scheint sich der Mensch am Blau kaum sattsehen zu können. Vor allem bei Blumen sind blaue Varianten oft besonders begehrt – hauptsächlich, weil sie in der Natur vergleichsweise selten vorkommen.

„Natürlich gibt es Veilchen und Vergissmeinnicht. Doch die wenigsten Blumen blühen so blau wie der Enzian. Weil es für Pflanzen schwierig ist, blaue Farbstoffe, auch Anthocyane genannt, herzustellen. Und darum produzieren auch weniger als zehn Prozent der weltweit fast 300.000 blühenden Pflanzenarten blaue Blüten“, schreibt Kai Kupferschmidt in seinem Buch „Blau. Wie die Schönheit in die Welt kommt“ (Hoffmann und Campe, 27 Euro).

Dies spornte wiederum den japanischen Genforscher Yoshikazu Tanaka an, eine blaue Rose zu züchten. Nach knapp zwei Jahrzehnten Forschung gelang es ihm schließlich im Jahr 2009, eine bläuliche Lilafärbung der Rosenblüte zu erwirken. „Applause“ nennt sich seine Schöpfung aus dem Labor. Doch Tanaka ist unzufrieden. „Sie könnte noch viel blauer sein“, meint er – und darum forscht er weiter.

Der Trick mit den blauen Lichtwellen
Blau ist aber auch im Tierreich eine eher seltene Farbe. Trotzdem gibt es Lebewesen mit außerordentlichen Blautönen. Die Farben dieser Tiere stammen allerdings oft nicht von chemischen Pigmenten. Vielmehr verlassen sich diese Lebewesen auf die Physik, um ein blaues Erscheinungsbild zu erzeugen. So besitzt der blaue Morphofalter komplizierte, geschichtete Nanostrukturen auf seinen Flügelschuppen, die Lichtschichten so manipulieren, dass sich einige Farben gegenseitig aufheben und nur Blau reflektiert wird. Bei Säugetieren sind Blautöne sogar noch seltener als bei Vögeln, Fischen, Reptilien und Insekten.

Goldstumpfnasenaffen etwa besitzen ein schönes braun-orangefarbenes Fell. Solange sie ihr hellblaues Gesicht verbergen, sind die Primaten dadurch bestens getarnt und damit sicher vor Raubtieren.
„Die auffällige Gesichtsfarbe haben sie, um ihre Freunde und Verwandten in den dichten Bergwäldern wiederzufinden“, verrät der Autor Kai Kupferschmidt.

Blauer Edelstein
Der Lapislazuli ist vor allem in Afghanistan zu finden. Er verdankt seine Farbe Kristallgittern, in denen sich Elemente wie Eisen, Kupfer oder Kobalt auf eine bestimmte Weise anordnen. Im Mittelalter war er einst so wertvoll wie Gold.

Blaue Edelfeder
Die kobaltblauen Federn des bis zu einem Meter großen Hyazinth-Aras aus Lateinamerika wurden dem Papagei fast zum Verhängnis. Als Ziervogel geschätzt, machten die Menschen gnadenlos Jagd auf ihn. Der Bestand gilt heute als gefährdet.

Blauer Planet
„Blue Marble“ („Blaue Murmel“) ist ein bekanntes Foto der Erde, das die Besatzung von Apollo 17 im Jahr 1972 aus einer Entfernung von rund 29.000 Kilometer aufnahm. Es ist eines der wenigen Bilder, die einen voll erleuchteten Erdball zeigen.

Blaulicht im Regenwald
Mit einer Flügelspannweite von neun bis zwölf Zentimetern haben Morphofalter ein so strahlendes und leuchtendes Blau, dass Piloten, die über den Regenwald fliegen, sehen können, wie sich die Falter auf dem Blätterdach von Bäumen sonnen.

Blaue Augen
Babys haben meistens blaue Augen, wenn sie auf die Welt kommen. Die Farb­pigmente auf der Iris entwickeln sich erst innerhalb der ersten 18 Monate. Der Spruch „blauäugig sein“ bezieht sich demnach auf die Unbedarftheit des Kleinkindes.

Blauer Giftzwerg
Über seine Hautdrüsen sondert der im tropischen Regenwald lebende „Blaue Baumsteiger“ ein Sekret ab, das ihm Fressfeinde vom Leib hält. Falls der nur vier Zentimeter kleine Frosch diese nicht schon dank seiner blauen Haut in die Flucht geschlagen hat.

Blauer Primat
Die in den Bergen von China lebenden 50 bis 80 Zentimeter großen Goldstumpfnasenaffen gehören zu den wenigen Säugetieren mit bläulicher Haut. Aufgrund ihres dicken Felles ertragen sie eine Kälte, die kein anderer Affe auf der Erde überleben würde.

„Blaue“ Rose
„Applause“ – die erste blaue Rose. Was mit konventioneller Züchtung nicht erreicht wurde, ist mit Hilfe der Gentechnik gelungen. Ein einzelnes Exemplar soll in Japan etwa 15 bis zwanzig Euro kosten. Dafür blüht dem Beschenkten auf ewig die erfüllte Liebe.