Der Maestro, der die Stille sucht
Franz Welser-Möst, 61, dirigiert ab 29. Juli die Oper „Il trittico“ bei den Salzburger Festspielen. Nur die wenigsten wissen, dass der gebürtige Linzer (OÖ) ursprünglich Geiger werden wollte, diesen Wunsch nach einem schweren Autounfall aber begraben musste. Dafür fand er bei dem Unfall die Stille, die ihn bis heute nicht mehr loslässt.
Mir war mit 18 Jahren der Tod begegnet. Das veränderte mein Leben wie keine Erfahrung davor oder danach“, erzählt der berühmte Dirigent Franz Welser-Möst in seiner Biografie „Als ich die Stille fand“.

Der Oberösterreicher wurde als Jugendlicher unverschuldet in einen Autounfall verwickelt. Seitdem kann er zwei Finger seiner linken Hand nicht mehr richtig bewegen. Die Geiger-Karriere, von der er geträumt hatte, war vorbei, ehe sie begonnen hatte. Jedoch legte der Unfall auch den Grundstein für seine Karriere als Dirigent. Der 61jährige hat alle wichtigen Orchester dieser Welt geführt. Von 29. Juli bis 21. August dirigiert er an sechs Terminen Giacomo Puccinis (1858–1924) Oper „Il trittico“ bei den Salzburger Festspielen. Dabei kommt er ins Schwärmen. „Ich habe eine intensive und innige Beziehung zu den Festspielen. Die ‚Arbeitsbedingungen‘ für einen Dirigenten sind hier so nah am Idealzustand, wie ich es mir nur wünschen kann“, erzählt Welser-Möst, der bis 2027 als Chefdirigent des Cleveland Orchestra im US-Bundesstaat Ohio unter Vertrag steht. Den Posten hat er seit dem Jahr 2002 inne.

Die Liebe zum Beruf, so scheint es, wurde ihm bereits in die Wiege gelegt. Das Licht der Welt erblickte er am 16. August 1960 als Franz Leopold Maria Möst in Linz (OÖ). Gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester war er das Nesthäkchen der siebenköpfigen Familie. Sie lebte in einer Zweizimmerwohnung, bevor sie nach Wels (OÖ) in das Haus der Großeltern zog. Musik stand in der Familie an der Tagesordnung.

In der Schule ein „Sonderling“
„Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter am Flügel saß und Impromptu Nr. 3 von Franz Schubert (1797–1828) spielte. Da muss ich drei Jahre alt gewesen sein. Einen Fernseher bekamen wir erst, als ich zehn Jahre alt war, also wurden abendliche Unterhaltungen musikalisch geführt.“ Mit dem Geigenunterricht, den ihm seine katholisch-konservativen Eltern aufbrummten, war der Bursche aber weniger glücklich. „Ich begann damit im Alter von sechs Jahren. Die ersten vier Jahre habe ich es gehasst.“ Erst in der Musikschule versöhnte er sich mit seinem Instrument. Auch weil ihm dort das Musizieren mit den anderen Kindern mehr Spaß machte. „Anders als daheim mit meinen Geschwistern, mit denen es nie lange gedauert hat, bis wir gestritten haben“, erzählt er lachend.

Im Linzer Musikgymnasium galt er jedoch als „Sonderling“. „Allerdings traf ich dort auf andere Sonderlinge und einen Musiklehrer, der höchst unorthodox vorgegangen ist.“ Es war der 2019 verstorbene Komponist Balduin Sulzer, der sein Talent entdeckte und ihn von einer Karriere als Violinist bei den Wiener Philharmonikern träumen ließ.
Doch es kam alles anders. Mit 18 Jahren war er mit Musikerkollegen in einem fremden Auto zu einer Aufführung unterwegs. Auf einer Brücke verlor der Fahrer die Kontrolle. „Wir sind hilflos über eine Böschung geschlittert. Erst einige Sekunden später kamen wir nach einigen Überschlägen auf einem gefrorenen Acker zum Stillstand.“ Die Sekunden des Unfalls nahm er als Ewigkeit wahr. „Die Zeit schien aufgelöst, ebenso wie die Schwerkraft. Es war eine unglaubliche Stille, die mich umhüllte und die mich bis heute nicht mehr loslässt.“

Nach der Erstversorgung kam er in ein Krankenhaus. „Ich hatte wahnsinnige Schmerzen im Rücken und fragte einen Pfleger, was ich denn habe. Die Antwort kam prompt und mit wenig Feingefühl. ‚Drei Wirbeln san hin.‘“
Zwölf Wochen war sein Oberkörper eingegipst. Nur schwer konnte Welser-Möst anfangs seine Beine bewegen. „Ich sah mich schon im Rollstuhl, doch mein Körper erholte sich ziemlich rasch.“ Dennoch sollte der Unfall sein Leben verändern.

„Die Beweglichkeit von zwei Fingern blieb irreversibel eingeschränkt, weil Nerven beschädigt waren. Eigentlich wollte ich ja Geiger werden, aber dieser Traum war geplatzt.“ Hinzu kamen Schmerzen über viele Jahre. „Oft kam ich in der Früh nicht aus dem Bett, weil mein Rücken so krampfartig verspannt war.“ Geholfen hat ihm Yoga, das er bis heute betreibt.

Eigene Bibliothek als Rückzugsort
Der Unfall lässt ihn dennoch nicht los, zumal er auch seine Liebe zum heimischen Komponisten Franz Schubert auf ihn zurückführt. „Der Wagen kam genau 150 Jahre nach Schuberts Tod von der Straße ab, um Punkt 15 Uhr, zur Todesstunde des Komponisten.“ Aber damit nicht genug. „Als der Unfall passierte, hatten wir vorher Schuberts G-Dur Messe gespielt, die er mit 18 Jahren geschrieben hat, auch ich war damals so alt. Unterwegs waren wir zu einer Aufführung, wo ich in seinem Forellen-Quintett mitwirken sollte.“ Ob all das Zufall ist, fragt er sich. Überzeugt ist er aber, „dass der Tag des Unfalls, der 19. November 1978, ein Schicksalstag für mich war, dem ich viel zu verdanken habe.“

Nachdem er bereits als 16jähriger das Schulorchester leiten durfte, widmete er sich ganz dem Dirigieren und studierte in München (D). Zudem nahm er Mitte der 80er Jahre auf Vorschlag seines Mentors Andreas von Bennigsen († 2000) den Künstlernamen Welser-Möst an. Dies als Hommage an die Stadt Wels, wo er aufgewachsen war. Mit seinem Mentor Bennigsen brach er 1992, heiratete aber dessen ehemalige Frau Angelika.

Seine Freizeit verbringt Welser-Möst gerne in seiner Bibliothek hinter seinem Haus am Attersee (OÖ). „Ich habe sie selbst geplant und gebaut.“
Zudem liebt er das Wandern in der freien Natur. „Am liebsten ziehe ich frühmorgens los, wenn es noch dunkel ist. Wenn die Vögel erwachen, das ist Musik für mich“, schwärmt der 61jährige.

Oper „Il trittico“ bei den Salzburger Festspielen
Termine: 29. Juli ab 18 Uhr. 5. August ab 18.30 Uhr. 9. August ab 18.30 Uhr. 13. August ab 18.30. 18. August ab 18.30 Uhr. 21. August ab 19 Uhr.
Vorstellungen jeweils im Großen Festspielhaus.
Karten im Internet auf www.salzburgerfestspiele.at
und telefonisch unter 0662/8045 500.