„Ich lächelte, doch steckte voller Zweifel“
Der englische Musiker James Bay wurde praktisch über Nacht mit seinem Lied „Hold Back The River“ berühmt. Auch sein Debütalbum trug dazu bei, dass der 31jährige seit dem Jahr 2015 weithin bekannt und beliebt ist.
Angebote, mit den „Rolling Stones“ und Taylor Swift zu musizieren, ließen nicht lange auf sich warten. Doch der Erfolg wollte nicht so recht in sein Herz hinein. Im Inneren fühlte sich Bay zeitweilig wie ein Versager. Auf seinem melodiestarken dritten Album „Leap“ (bereits im Handel) setzt er sich mit den inneren Dämonen auseinander, wie er dem WOCHE-Reporter Steffen Rüth im Video-Telefonat erzählt hat.

Herr Bay, Ihre Haare sind ja klatschnass. Hatten Sie keine Zeit mehr zum Trocknen?
Du meine Güte, ich bin noch nicht wieder in meiner Zeitzone. Bis vor wenigen Tagen war ich noch in den USA, zum ersten Mal seit fast drei Jahren, und seit ich wieder daheim bin, hält mich unsere Tochter Ada erfolgreich davon ab, den Schlaf nachzuholen. Bis heute in der Früh (lacht). Fast hätte ich unsere Verabredung verschlafen.

Ist in Amerika noch alles so wie beim vorigen Besuch?
In Portland und Los Angeles eigentlich schon, aber New York hat sich verändert. Früher war die Stadt immer geschäftig und, das Klischee kam ja nicht von ungefähr, niemals in Ruhe. Aber jetzt? Marihuana ist in New York neuerdings legal, und das ist überall zu merken. An jeder Straßenecke riecht es nach Gras, vor allem dort, wo ich gewohnt habe, in der Lower East Side. Und die Geschäfte sperren jetzt erst mittags auf. New York ist jetzt also wohl die Stadt, die immer bekifft ist (lacht).

Haben Sie mitgemacht?
Nein, sonst hätte ich mein Arbeitspensum rund um die Werbe-Auftritte für mein Album nicht geschafft. Und wäre wahrscheinlich noch nicht wach.

Wo ist denn Ihre Tochter Ada gerade? Im Wohnzimmer um Sie herum ist alles ruhig?
Oben mit meiner Freundin Lucy. Sie entdeckt gerade die Welt. Für so ein Baby ist ja alles aufregend, Ada sieht und erfährt gerade so unglaublich viel zum allerersten Mal. Kürzlich hatte sie plötzlich die Saiten meiner Gitarre in der Hand und zog daran herum. Dann habe ich ihr ein bisschen was vorgespielt, und sie schien zufrieden zu sein.

Zahlreiche Lieder auf „Leap“ haben indes nicht die Beziehung zu Ada, sondern die zu Ihrer Partnerin Lucy zum Thema. „One Life“ ist eines davon oder auch die neue Single „Everyone Needs Someone“ handelt davon. Gilt das auch für das Stück „Save Your Love“?
Nein, das ist anders gelagert. In diesem Lied spreche ich über die Liebe zu mir selbst und darüber, wie wichtig es ist, der eigenen Person gegenüber wohlwollend eingestellt zu sein.

War das Verhältnis zu Ihrem inneren Ich in einer Krise?
Ja, das kann ich sagen. Das ging schon vor Corona los, im Jahr 2019. Ich biss mich in jedes noch so kleine Detail hinein, wurde immer kritischer und unwirscher zu mir selbst und litt unter Angstzuständen. Nach außen war ich der Mann, der immer lächelte. In mir drin war ich dagegen voller Zweifel und Verunsicherung. Ich war dann sogar fast froh über diese zwei ruhigen Jahre, denn so konnte ich mich zurückziehen, an mir arbeiten und auch noch neue Lieder schreiben, die mir besser gefielen als die alten.