Ukrainische Flüchtlinge sollen in Kindergärten arbeiten
Weil in unserem Land schon jahrelang händeringend nach Kindergärtnerinnen gesucht wird, sollen in Wien nun ukrainische Flüchtlinge Abhilfe schaffen. Das grundlegende Problem, den Beruf attraktiver zu machen, bleibt ungelöst. Und zwar im ganzen Land. Für den Herbst fehlen daher hunderte Plätze.
Karin Samer ist am Verzweifeln. Auch Unmut schwingt mit, wenn die Betriebsrätin der Wiener Kinderfreunde über die Zustände in heimischen Kindergärten berichtet.
„Ich bin seit 35 Jahren Elementarpädagogin und seit 35 Jahren hat sich nichts geändert. Wir haben schon damals mit einem Personalmangel zu kämpfen gehabt und mittlerweile ist die Situation mehr als dramatisch. Alleine an unseren 150 Standorten in Wien fehlen 100 Vollzeit-Kindergärtnerinnen.“
Die Bezahlung sei zu schlecht, dafür die Verantwortung zu groß, daher möchte ihrer Ansicht nach kaum noch jemand in den Beruf einsteigen, ist sich Samer sicher. „Die Situation schaut derzeit so aus, dass auf 25 Kinder in der Gruppe der drei- bis sechsjährigen eine Pädagogin kommt und eine Assistentin, die allerdings nur für 20 Stunden in der Woche tätig ist.

Das ist viel zu wenig, denn die Assistentinnen machen auch Hauswirtschaftstätigkeiten wie Essenszubereitung, Geschirrwaschen, sie säubern den Boden und reinigen die Toiletten. Doch auch dafür bekommen wir mittlerweile kaum noch Personal. Bei den Kindergartenpädagoginnen ist es so, dass viele auch schon während der Ausbildung abspringen, wenn sie in Praktika vorort sehen, welche Zustände in den Kindergärten herrschen. Wir haben in den Schulen zwar am Anfang gut gefüllte Klassen, aber in der dreijährigen Ausbildung ist es dann so, dass sich von 30 jungen Menschen nur fünf für den Beruf der Kindergärtnerin entscheiden. Das Einstiegsgehalt für Fachkräfte nach Abschluss der Ausbildung liegt zwischen 2.473 Euro und 2.700 Euro brutto.“

Zuhilfenahme der Flüchtlinge Griff nach dem Strohhalm
Der Mangel an Personal soll nun in Wien durch ukrainische Flüchtlinge behoben werden. Gemeinsam mit dem Arbeitsmarktservice Wien, dem Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerförderungsfonds (waff) sowie den Kinderfreunden wird ukrainischen Flüchtlingen eine Arbeitsaufnahme in Kindergärten angeboten. Dazu werden eigene Sprachkurse abgehalten. Das neue Angebot richtet sich laut dem zuständigen Stadtrat Christoph Wiederkehr (NEOS) an Frauen und Männer, die aus der Ukraine flüchten mussten und bereits in ihrer Heimat in diesem Beruf tätig waren sowie grundlegende Kenntnisse der deutschen Sprache besitzen.

Die Kurse sollen jetzt im Juli beginnen und bis Anfang Dezember dauern. Durch zwei wöchentliche Praxistage in einem Kindergarten würden die Ukrainer auch gleich im Berufsumfeld tätig sein, heißt es. Einige Anwärter wurden bereits kontaktiert, wie aus der zuständigen Magistratsabteilung zu hören ist.
Die Zuhilfenahme von Flüchtlingen scheint wie ein Griff nach dem rettenden Strohhalm, mehr nicht. Unser Kindergartensystem geht dennoch unter, weil das Übel nicht an der Wurzel gepackt wird. Der Beruf braucht Attraktivität, wobei selbst den Mitarbeiterinnen nicht nur die Höhe des Einkommens wichtig ist. Vor allem an den Arbeitsbedingungen hapert es, denn wenn Kindergärtnerinnen Gefahr laufen, von Eltern aufgrund mangelnder Aufsichtspflicht geklagt zu werden, weil die Gruppen der Kinder einfach zu groß sind, hört sich der Spaß auf.

Massiver Personalmangel in unseren Kindergärten
Außerdem hinkt unser Land, was die Kinderbetreuung betrifft, im internationalen Vergleich hinterher.
Sowohl bei den staatlichen Ausgaben als auch bei konkreten Zielen. Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der 38 Staaten angehören, werden in unserem Land derzeit rund 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in elementare Bildung investiert. Das ist weniger als der EU-Schnitt, der bei 0,8 Prozent liegt. Spitzenreiter sind die skandinavischen Länder. Dass sich Investitionen in die Elementarbildung bezahlt machen, zeigt sich bei den PISA-Spitzenreitern wie Estland oder Finnland. Dort werden rund 1,2 Prozent des BIP für vorschulische Bildung ausgegeben. „Die derzeitigen Probleme in unseren Kindergärten sind hausgemacht“, meint der FPÖ-Bildungssprecher Hermann Brückl.

„Die verantwortlichen Politiker von SPÖ und ÖVP haben in den vergangenen Jahren in dieser Frage völlig versagt. Von der irrigen Vorstellung getrieben, dass nur eine universitäre Ausbildung eine gute Ausbildung ist, wurde versucht, alle möglichen Berufe zu akademisieren. So auch die der Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen. Dadurch wurde die Ausbildungsdauer unnötig verlängert. Gleichzeitig wurden jedoch weder die Arbeitsbedingungen, noch die Verdienstmöglichkeiten entsprechend angepasst. Dieses Unvermögen hat zu dem massiven Personalmangel in unseren Kindergärten geführt.

Die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leiden sowohl psychisch als auch physisch massiv unter dem Personalmangel. Der nunmehrige Wunsch der linken rosaroten Stadtregierung in Wien, ukrainische Flüchtlinge als Kindergartenbetreuer anzustellen, ist ein unsinniges und auch gefährliches Ansinnen. Diese Menschen wollen ja zum großen Teil wieder so rasch wie möglich in ihre Heimat zurückkehren. Wie sollen unsere Kinder dann davon profitieren? Im Kindergarten sind sie zum ersten Mal in ihrem Leben weg aus der Geborgenheit der Eltern. Daher benötigen sie gerade in dieser Situation Sicherheit, Stabilität und Vertrauen. Eine sich abzeichnende hohe Personalfluktuation, verbunden mit mangelnden Sprachkenntnissen ist dem jedoch nicht zuträglich und behindert unsere Kinder in ihrer Entwicklung.

Im Übrigen muss erwähnt werden, dass durch den Einsatz von Flüchtlingen in unseren Kindergärten einer fortschreitenden Zuwanderung in unser Land neue Türen geöffnet werden, anstatt bestehende zu schließen.“ Die Personalnot spitzt sich mittlerweile derart zu, dass die Bundesländer Tirol und Salzburg einen Forderungs-Katalog an den Bund geschickt haben. Allein in den städtischen Kindergärten in Salzburg fehlen mindestens 26 Pädagoginnen und Pädagogen. Kräfte für Leitungsfunktionen sind besonders schwer zu finden, wie die Kindergarten-Referatsleiterin Monika Baumann berichtet. In den Ballungsräumen ist es auch schwierig, Tagesrandzeiten, drei Kindergärten haben in Salzburg bis 20 Uhr geöffnet, abzudecken. Immer mehr Mitarbeiterinnen wollen weniger als 40 Stunden leisten.

In Innsbruck erhalten 400 Kinder keinen Platz
Ähnliche Sorgen plagt die Stadt Innsbruck. So fordert Stadträtin Elisabeth Mayr (SPÖ) eine bundesweite einheitliche Regelung für Bezahlung, Weiterbildungen, Personalschlüssel und Gruppengröße. Eltern, die auf einen Betreuungsplatz in der Stadt hoffen, müssen jetzt vermehrt mit Absagen rechnen. Von 1.240 angemeldeten Kindern können im Herbst rund 400 nicht aufgenommen werden. Gesichert sind lediglich Plätze für alle jene Kinder, deren Mutter und Vater berufstätig sind.

Gemeinsam übermitteln die beiden Bundesländer in einer Petition dem Bund jetzt Lösungsvorschläge. Zentraler Punkt ist die Forderung nach mehr Ausbildungsplätzen.
„Die Hürde, dass ein späterer Einstieg in ein Kolleg für Kindergartenpädagogik derzeit nur mit Matura möglich ist, soll fallen.
Auch zusätzliche Fördermöglichkeiten für Berufsumsteiger sollen angedacht werden.
Bei den Schulen für Kindergartenpädagogik braucht es zudem dringend einen bundesweiten Ausbau“, heißt es in dem Schreiben.