„Frauen bleiben nur liegen, wenn‘s weh tut“
Rosi Wimmer, 61, sieht sich jedes Spiel der Frauen-Fußball-Europameisterschaft in England an. Sie gilt als Pionierin des Frauenfußballs in unserem Land und war schon als Kind besser als die Nachbarsbuben. Dass Frauen mit Fußball heute ihr Geld verdienen, ist auch ihr zu verdanken. In den 1980er Jahren sah das noch anders aus, wie sie der WOCHE-Reporterin Barbara Reiter erzählt hat.
Frau Wimmer, Sie waren Kapitänin des ersten Frauen-Nationalteams in unserem Land. In den 80er Jahren war Frauenfußball etwas Exotisches. Wie sind Sie zu diesem Sport gekommen?
Bei mir wurde der Grundstein im fast täglichen Fußballspielen mit den Nachbarsbuben gelegt. Mich hat der Sport schon von klein auf fasziniert. Noch bevor ich in die Schule gekommen bin, habe ich mit dem Fußballspielen begonnen. Meine zwei älteren Schwestern haben gern mit Puppen gespielt, bei mir war es der Ball.

Sie sind auf dem Land aufgewachsen. Hat damals niemand gesagt, Fußball sei nichts für Mädchen?
Ich war schon als Kind besser als die Buben, das trau‘ ich mich unverblümt zu sagen. In meiner Heimatgemeinde Saxen (OÖ) wurde eine Hobby-Damenmannschaft gegründet. Am Anfang waren das Juxspiele. Ich durfte mitmachen, als ich 16 Jahre alt war. Da kam wohl zum ersten Mal zum Vorschein, dass ich Talent hatte. Danach ist es weitergegangen.

Wie sind Sie für den Meisterschaftsbetrieb entdeckt worden?
Nach und nach hat sich eine Mannschaft aus gleichaltrigen Mädchen zusammengefunden. Bei einem Spiel hat mich jemand von Union Kleinmünchen aus Linz gesehen, dem Verein, bei dem ich dann 16 Jahre gespielt habe. Ich wurde gefragt, ob ich in den Meisterschaftsbetrieb einsteigen möchte, das habe im Jahr 1980 getan.

War es mühsam, zum Training zu kommen?
Na ja, Saxen liegt rund 50 Kilometer von Linz entfernt. Da war es schon eine Aufgabe, regelmäßig zum Training zu fahren. Wir hatten zwei Mal pro Woche Training, was ich aber nicht geschafft habe. Immerhin bin ich auf einem Bauernhof aufgewachsen und wir hatten daheim genug zu tun. Bei der Heuernte hat uns Gerti Stallinger, meine damalige Kollegin bei Union Kleinmünchen, oft geholfen, damit ich unbekümmert zum nächsten Spiel fahren konnte.

Wurde Ihr Aufwand irgendwie entlohnt?
Im Gegenteil, der Fußball hat mich Geld gekostet. Die Fahrten zum Training nach Linz oder zu den Auswärtsspielen nach Wien, in die Steiermark oder nach Tirol mussten wir uns selbst bezahlen. Aber ich war der Meinung, jedes Hobby kostet Geld …

Sie waren dann ja auch die erste Team-Kapitänin unserer Frauen-Nationalmannschaft …
Aus dem Kreis der Meisterschaftsspielerinnen wurde das National-Team zusammengestellt. Im Jahr 1990 hatten wir unser erstes Spiel und bekamen dafür Fahrtgeld. Das war wie Ostern und Weihnachten zugleich. Das Spiel gegen die Schweizerinnen haben wir zwar mit 1:5 verloren. Doch die Niederlage hat uns angespornt, härter zu trainieren. Es waren außer mir noch drei Spielerinnen aus Kleinmünchen im Nationalteam. Wir haben eine Fahrgemeinschaft gegründet, damit uns der eine oder andere Schilling übrigbleibt. Mir ist es aber um keinen Schilling leid, den ich dafür ausgegeben habe. Die Verantwortlichen vom Verein Kleinmünchen haben sich bemüht, uns zu Weihnachten ein Leiberl oder einen Trainingsanzug zu schenken.

Das heißt, Sie waren berufstätig?
Ich habe im Büro einer Baustofffirma gearbeitet und hatte unglaublich nette Kollegen, die sich beim Urlaub immer nach mir und meinem Spielplan gerichtet haben. Auch von meinem Chef bekam ich die volle Unterstützung, obwohl ich mit der Vereinsmannschaft einmal drei Wochen in Amerika war. Ich glaube, sie haben mitbekommen, dass ich nicht untalentiert war.

Mittlerweile werden Sie als Pionierin des Frauen-Fußballs bei uns gefeiert. Freut Sie das?
Ehrlich gesagt war mir das lange nicht bewusst. Es gab kürzlich ein Treffen mit den Spielerinnen der aktuellen Nationalmannschaft, bei dem einige sagten: „Ohne euch wären wir heute nicht so weit. Ihr habt den Grundstein gelegt.“ Das hat mich natürlich gefreut. Aber nach meinem Karriereende ist das Thema in den Hintergrund gerückt. Da ist, wie wenn jemand in Pension geht. Zuerst vermisst er die Arbeitskollegen, aber mit der Zeit entfernt er sich immer mehr davon.

Es heißt, Sie hätten zu den Nationalspielen Ihre eigenen Leiberl mitbringen müssen …
Ganz so war es nicht, aber wir haben mit Trikots gespielt, die irgendeiner Nachwuchsmannschaft gehört haben. Sie mussten ja auch von der Körpergröße passen. Ich bin 160 Zentimeter groß und manche Leiberl wären bei mir fast als Nachthemd durchgegangen. Die ausrangierten Dressen waren für uns aber etwas Besonderes. Wir waren stolz darauf, den Adler auf der Brust tragen zu dürfen. Das Leiberl habe ich immer noch im Kleiderkasten.

Schauen Sie sich bei der derzeit in England stattfindenden Europameisterschaft die Spiele der Damen an?
Fußball interessiert mich nach wie vor. Ich schaue mir nicht nur die EM an, sondern auch alle Länderspiele der Frauen. Bei den Männern schau‘ ich natürlich auch zu, damit ich wieder was zum Ärgern habe.

Warum denn das?
Was ich schon zur damaligen Zeit in Diskussionen nie verstanden habe, war der Vergleich zwischen Frauen- und Männerfußball. Das wird doch beim Schifahren oder Tennis auch nicht gemacht. Dass es einen Unterschied in der Anatomie gibt, liegt auf der Hand, aber es gibt viele Bereiche, in denen die Damen besser sind als die Herren. Wir Frauen bleiben nur liegen, wenn es wirklich weh tut. Bei einem normalen Foul steht eine Frau auf und spielt weiter. Das ist bei den Herren anders. Da glaubt man nach einem Foul aufgrund des Verhaltens, seine Karriere ist nach der Verletzung gerade zu Ende gegangen. Aber irgendwann stehen sie auf, schütteln sich ab und spielen weiter, als wäre nichts gewesen. Das Schauspiel könnte „Mann“ sich sparen.