„Ich wollte dem Leben nicht ins Auge sehen“
Ortswechsel sind der deutschen Sängerin Alice Merton, 28, nicht fremd. Die meiste Zeit ihrer Kindheit verbrachte sie in Kanada, wuchs aber insgesamt in drei Ländern auf. Beruflich ließ sie sich in der deutschen Hauptstadt Berlin nieder, doch auch von dort nahm sie wieder Abschied, wie Merton dem WOCHE-Reporter Steffen Rüth im Gespräch erzählt hat. Anlass war die Veröffentlichung ihres neuen Albums „S.I.D.E.S.“ (bereits im Handel).
Frau Merton, vor fünf Jahren sind Sie mit dem Lied „No Roots“ schlagartig in ganz Europa bekannt und erfolgreich geworden. Haben Sie denn mittlerweile Wurzeln geschlagen?
Ich habe ein paar Wurzeln in Berlin (D), auch meine Plattenfirma „Paper Plane Records“ habe ich dort gegründet, und jetzt gerade bin ich auch wieder in der Stadt. Aber ich bin noch immer nicht gewillt, für lange Zeit irgendwo eine feste Basis aufzuschlagen. Im vergangenen Jahr bin ich deshalb von Berlin nach London (England) gezogen.

Was hat die Stadt, das Berlin nicht hat?
Der Vergleich ist wie Tag und Nacht. London hat so viele schöne Ecken und Parks. Die Stadt ist einfach magisch. Ich genieße es, dort mit anderen Menschen zu arbeiten, und meine Eltern wohnen keine zwei Stunden außerhalb. An den Wochenenden fahre ich gerne heim, um sie zu besuchen.

Wie sehen Sie heute Ihren Erfolgstitel „No Roots“?
Ich liebe den Song noch immer. Er erzählt einfach meine Geschichte.

Geboren in Frankfurt am Main als Tochter einer Deutschen und eines Iren, aufgewachsen in New York und der kanadischen Provinz Ontario, mit 13 nach München, nach der Matura ein BWL-Studium in Augsburg und dann die Popakademie in Mannheim, Berlin, jetzt London?
… und das ist die Kurzform (lacht).

Ist Ihnen der Ortswechsel immer leicht gefallen?
Nein, vor allem der Umzug mit 13 Jahren von Kanada nach München (D) war schwer. Ich hatte anfangs nicht viele Freunde und konnte die deutsche Sprache weder schreiben noch sprechen. Auch die Matura zu schaffen, war viel schwerer, als ich mir vorgestellt hatte. Mein ganzes Schulleben lang brauchte ich länger für die Hausaufgaben als die anderen, ich musste zwei Stunden am Tag mehr lernen und hatte dennoch immer Angst, ich würde durchfallen. Psychisch war die Schule wirklich hart für mich: Deutsch lernen, Goethe verstehen, parallel Klavier üben, später den Traum von der Musikerinnenkarriere vorantreiben. Ich war nie das Kind, das nach der Schule viel Freizeit hatte.

Und wenn Sie einmal scheitern?
Zu scheitern, gehört zum Leben. Ursprünglich wollte ich klassischen Gesang studieren, bin aber an mehreren Universitäten abgelehnt worden, weil sie meine Stimme zu unrein fanden. Stattdessen nahm mich die Popakademie, und mein Studium der Betriebswirtschaftslehre war nützlich, als ich meine eigene Plattenfirma gründete. Irgendwann macht eben alles Sinn.

Der Text Ihres neuen Liedes „Blurry“ legt allerdings nahe, dass Sie ein Mensch sind, der sich trotz allem viele Sorgen macht?
Gott, ja. Ich mache mir sogar schrecklich viele Sorgen. Bestimmt mehr als der Durchschnittsmensch und viel mehr, als gesund für mich ist. Die vergangenen beiden Jahre waren schlimm. Ich habe zwei Trennungen erlebt, eine berufliche und eine private, und die Pandemie hat das Leben verwirrend und kompliziert gemacht.

Stimmt es, dass Sie einen Monat lang praktisch nur im Bett gelegen sind?
Ja, das war wirklich so. Mir ging es nicht gut. Ich wollte dem Leben einfach nicht ins Auge sehen. Ich wollte lieber im Selbstmitleid versinken. Ich bin darauf nicht stolz, aber ich muss anerkennen, dass das auch einmal okay ist. Alles in meinem Beruf wurde abgesagt, die Zukunft sah überhaupt nicht schön aus. Eine Zeitlang ist es mir nicht gelungen, „Ach, es wird alles gut“ zu sagen.

Von außen betrachtet läuft alles seit Jahren gut bei Ihnen: Der Welthit mit „No Roots“, ein erfolgreiches Album, Konzerte auf der ganzen Welt.
Die Menschen sehen mich immer anders, als ich mich selbst sehe. Ich wünsche mir manchmal, dass sie mich nicht nur auf der Bühne oder als Trainerin bei „The Voice of Germany“ erleben, sondern auch weinend, verzweifelt und depressiv im Bett liegend. Schließlich bin ich auch nur ein Mensch, bei dem es einmal auf und einmal ab geht, der niederschmetternde Erfahrungen macht, der aber auch Augenblicke des Glücks erleben durfte. Das Leben kann anstrengend sein. Aber es ist schön.