„Mein Körper ist kein Fehler“
Sie war als „Buhlschaft“ im Salzburger „Jedermann“ auf der Bühne. Sie spielt die Fernseh-Kommissarin „Rosa Herzog“ im Dortmunder „Tatort“. Stefanie Reinsperger, 34, hat viel erreicht. Aber sie wird auch angefeindet und als „zu dick“ beschimpft. Im Buch „Ganz schön wütend“ beschreibt die Nestroy-Preisträgerin, wie sie mit den Beleidigungen umgeht.
Schämen Sie sich, die Rolle der ,Buhlschaft‘ hätten Sie nie annehmen dürfen. Dafür sind Sie zu dick und zu wenig grazil“, wurde Stefanie Reinsperger in einem Lokal von einem Gast angeschrien. „Weil ich wagte, davon überzeugt zu sein, dass Menschen nicht ausschließlich dünne Körper begehren, wurde ich beleidigt und attackiert“, erzählt die Schauspielerin, die Briefe erhielt, in denen stand, dass es unerträglich sei, so einen hässlichen, dicken Körper zu sehen.

Dicke Mädchen bleiben allein
Reinsperger mimte bei den Salzburger Festspielen im Sommer 2017 die berühmte „Buhlschaft“ im Theaterklassiker „Jedermann“. „Fast niemand hat sich um mein Spiel gekümmert, es ging nur um meinen Körper. Jeden Abend, den ich auf der Bühne stand, verfluchte ich. Ich habe mich nicht mehr getraut, in der Öffentlichkeit zu essen“, erzählt die 34jährige in ihrem Buch „Ganz schön wütend“, wie über ihr Äußeres geurteilt wird.

„Ich habe das Buch für mich und alle Menschen geschrieben, die sich ausgegrenzt fühlen, Anfeindungen aushalten und sich immer wieder anhören müssen, zu laut, zu viel und zu schwer zu sein“, erklärt die Künstlerin.
Beleidigungen kennt die große, blonde Frau, die am 30. Jänner 1988 in Baden bei Wien geboren wurde, schon ihr Leben lang. Von klein auf, im Kindergarten, in der Schule von der Turnlehrerin hörte sie, dass sie nicht hineinpasse. „Die dicken Mädchen bleiben allein. Sie haben nur schöne Freundinnen, die sich hinter ihrem Rücken lustig machen. Dicke Frauen dürfen keinen Bikini oder kurze Röcke tragen, weil die Gesellschaft das nicht will. Die dicke Frau, die in einer Komödie spielt, schafft es, so viel abzunehmen, dass sie doch noch einen Mann findet. All das macht mich sauer“, sagt sie.

Längst hat sie aufgehört zu zählen, wie oft sie von unbekannten Menschen im Vorbeigehen als „fette Sau“ beschimpft wurde. „Es ist ein verdammt langer Weg dahin gewesen, mich so zu nehmen und zu lieben, wie ich bin. Ich empfinde mich nicht mehr als Makel, mein Körper ist kein Fehler. Und ich lasse meine Wut jedem gegenüber aus, der mich mit den Worten ,Du wirst aber auch nicht dünner‘ begrüßt“, sagt Reinsperger, die das Wort „dick“ rehabilitieren möchte, das, auf den Körper bezogen, ausschließlich negativ besetzt ist. „Aber es gibt viele Menschen, die dicke Bücher, eine dicke Wolldecke, ein dickes Konto oder einen dicken Kuss großartig finden. Wir sollten auch dicke Körper als schön bezeichnen“, entgegnet Reinsperger, die schon als Kind „aus der Norm“ war.

Kindliche Wutanfälle
„Beweis-Videos zeigen, dass ich mich ohne nachvollziehbaren Grund auf den Boden warf und so lange brüllte, bis ich grün und blau anlief. Mit einer Engelsgeduld ließen meine Eltern meiner Wut freien Lauf“, erzählt sie aus der Zeit von März 1988 bis Sommer 1991. Da lebte die Familie in einer kleinen Wohnung, ohne Kinderzimmer, in Belgrad (Serbien). Eines Tages stellte sie ihr Vater mit der Babyschaukel hinaus in den Hof. Eingepackt in zwei Schianzügen, mit drei Wollmützen und sieben Paar Handschuhen konnte sie unter blauem Himmel ihr Organ voll entfalten. „Drinnen kümmerte sich mein Vater um die Fleischwunde, die ich ihm zugefügt hatte, als ich ihn durch die Jeanshose blutig gebissen habe“, beschreibt sie einen ihrer kindlichen Wutanfälle.

„Auf Anraten von Freunden gingen meine Eltern mit mir zu einem Kinderarzt. Der sollte sich anschauen, woher das Urbedürfnis kam, so viel Wut schamlos rauszulassen“, sagt sie. „Ich erinnere mich deshalb so gut an den Arzt, weil er jedes Mal meine Ohren untersuchte und immer den gleichen Satz sagte, ,Stefanie, lass uns schauen, ob du Erdäpfel in deinen Ohren hast.‘ Jedes Mal bestätigte er, dass in meinen Ohren keine Erdäpfel waren und ich die Anweisungen, die auf mich einprasselten, durchaus hören konnte“, erzählt sie.

Körperlich sei mit ihr alles in Ordnung gewesen. „Ich war weder hyperaktiv, noch vom vielen Fernsehen abgestumpft.“ Bis sie zwölf war, durfte sie nur am Wochenende fernsehen. „Meistens entschieden sich meine Eltern für Erich Schleyer († 2021), der aus einem goldenen Buch Märchen vorlas.“ Ihr Lieblingsmärchen „Schneeweißchen und Rosenrot“ habe sie im Park mit den Eltern oft nachgespielt. In einer Kinder-Theatergruppe lernte sie, ihre Wut zu kanalisieren. Offenbar war es die „Spielwut“, die sie an das Reinhardt-Seminar und dann an das Burgtheater in Wien führte. Seit fünf Jahren gehört sie dem Berliner (D) Ensemble an. Trotz ihrer Erfolge blieb die Künstlerin, die 2015 den „Nestroy-Preis“ als beste Nachwuchsschauspielerin erhielt, verletzlich.

Nach den Kränkungen, die sie als „Buhlschaft“ erlebte, beschreibt sie im Buch auch ihre Panik vor der Ausstrahlung der ersten „Tatort Dortmund“-Folge. Seit 2020 spielt sie in der Fernseh-Krimireihe die Hauptkommissarin Rosa Herzog. Reinsperger befürchtete, wieder nur wegen ihres Körpers – „Die ist doch viel dick“ – kritisiert zu werden. „Du siehst so normal aus“ oder „Danke, jetzt fühle ich mich endlich auch einmal als Frau repräsentiert“ oder „Du bist schön“ lauten die Nachrichten, die sie mittlerweile bekommt, wenn ihre „Tatort“-Rolle angekündigt wird.

„Viel geändert hat sich jedoch nicht. Denn nach wie vor stößt es vielen Menschen auf, wenn Frauen so aussehen wie ich“, sagt die 34jährige, die es derzeit nicht als ihr größtes Unglück sieht, keine eigene Familie zu haben. „Trotzdem kann ich mir das irgendwann wünschen“, sagt sie und erinnert sich gleichzeitig daran, wie sie mit ihrer besten Freundin aus Kindertagen Familienplanung betrieb.

Panik vor den Kommentaren
„Mein Papa ist Fußballtrainer und meine Freundin und ich hatten eine große Faszination für diesen Sport, vor allem für die Spieler. Die ersten Schmetterlinge im Bauch flogen in dieser Zeit dem Torwart aus Papas Mannschaft zu. Und der erste zaghafte, holprige Kuss fand im Geräteschuppen der Fußballmannschaft statt. Meine Freundin und ich hatten uns zum Ziel gesetzt, eine Fußballmannschaft zur Welt zu bringen. Interessanterweise kann ich mich nicht daran erinnern, wen wir uns dazu als Partner vorgestellt haben.“