„Zu zerbrechen war für mich keine Option“
In Radio und Fernsehen präsentiert die Behindertenaktivistin Marianne Hengl Menschen, die gelernt haben, mit Schicksalsschlägen umzugehen. 16 solcher „Stehaufmenschen“ porträtiert sie auch in ihrem Buch. Eine davon ist Lisa Zöhrer, die als junge Frau an Lymphdrüsenkrebs erkrankte und den Kampf gegen die heimtückische Krankheit aufnahm.
Zuerst war ich gar nicht so beunruhigt, weil ich ja keinerlei Beschwerden hatte“, erinnert sich Lisa Zöhrer an jenen Moment im Jahr 2018, als sie den Knoten unter der Haut zum ersten Mal gespürt hat. Die damals 19jährige konnte nicht wissen, dass dieses kleine Gewächs nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre Sicht aufs Leben verändern würde.
Denn nach der Gewebeentnahme, die bald darauf stattfand, eröffneten ihr die Ärzte, dass in ihr eine tödliche Krankheit schlummert: Lymphdrüsenkrebs. „Es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Es war ein Schock, dann sind auch Tränen geflossen“, erinnert sich Lisa Zöhrer. „Muss ich jetzt sterben?“, fragte sie die Ärzte, aber das konnte ihr zu diesem Zeitpunkt niemand sagen.
Doch schon bald hatte sich die Tirolerin gefangen. Nicht aufzugeben lernte sie schon in jungen Jahren.

Sie verlor die Angst vor dem Tod, aber auch ihre Leichtigkeit
Kämpfen und durchbeißen sind die Devisen, die sie schon früh im Leistungssport verinnerlicht hat. „Wenn du als Kind mit einem Riesenrucksack und zwei paar Schiern tagelang ohne Eltern am Gletscher beim Schitraining bist, dann bist du diszipliniert und hältst einiges aus.“
Die Einstellung half ihr auch, die vier Chemotherapien und 17 Bestrahlungszyklen, die sie zwischen Juli und Weihnachten 2018 erhielt, durchzustehen. „Ich wusste, ich muss das über mich ergehen lassen, um eine Chance auf Heilung zu haben“, erinnert sich Zöhrer. Eine Woche nach der ersten Chemotherapie fielen ihre langen, blonden Haare aus. Sie ging aktiv mit der Situation um. „Ich wusste, dann will ich sie abrasieren. Zu zerbrechen war für mich keine Option, ich bin zu jung, ich werde kämpfen und den Krebs besiegen“, beschloss Lisa Zöhrer.

Während der monatelangen Therapien gab es für die junge Frau viele schlimme Tage. Etwa den, als ihr ein fremder Mann in der Spitals-Cafeteria gute Besserung wünschte. Und in einem Nachsatz anmerkte: „Wenn das überhaupt noch möglich ist.“ Für Zöhrer war diese Aussage wie ein Keulenschlag, die sie mit der Möglichkeit des baldigen Todes konfrontierte. Zurück in ihrem Zimmer, kämpfte ihre Zimmernachbarin nach der Chemotherapie mit großer Übelkeit. „Bei 35 Grad im Zimmer war das nicht auszuhalten, ich bin in den Aufenthaltsraum geflüchtet.“ Dort wurde sie vertrieben, weil eine Mitpatientin gestorben war und die Familie in diesem Raum von der Seelsorgerin betreut werden sollte. „Alles in allem war dieser Tag furchtbar. Ich habe mich an keinem anderen Tag schlechter und kranker gefühlt. So offensichtlich als krank und scheinbar hoffnungslos erkannt zu werden und am selben Tag dem Tod noch so nahe sein zu müssen, war eine furchtbare Erfahrung.“

Immer wieder sprach Zöhrer mit der Psychoonkologin in der Klinik über ihre Sorgen, über die nagende Angst, den 21. Geburtstag nicht mehr erleben zu dürfen. „Allein schon die Tatsache, alles einmal aussprechen zu können, den schlimmsten Fall, dass der Tod eintreten könnte“, das hat für Zöhrer die Angst vor dem Tod beherrschbar gemacht. „Was sie mir geraten hat, weiß ich gar nicht mehr, es war einfach so befreiend, selber meine Gedanken offen zu formulieren“, erinnert sich Lisa Zöhrer, wie sich ihr Bezug zum Tod verändert hat. Sie verlor die Angst vor dem Sterben, aber auch die Leichtigkeit. Das unbeschwerte Leben einer 20jährigen war schlagartig vorbei, die Prioritäten im Leben verschoben sich.

Als sie den Krebs besiegt hatte, begann für Lisa Zöhrer die schwierigste Phase
„Wenn ich mir früher überlegt habe, soll ich die Haare heute Abend lockig tragen oder soll ich sie glätten, welchen Puder kaufe ich mir – das wird alles unwichtig, wenn ich keine Haare mehr habe“, sagt Lisa Zöhrer.
Doch die Behandlungen schlugen gut an, der Knoten wurde im Laufe der Monate spürbar kleiner und Zöhrer erhielt nach langem Bangen und Hoffen endlich die erlösende Nachricht: Sie hat den Krebs besiegt. Es begann die Phase, die sie heute als „schwieriger als die Erkrankung an sich“

bezeichnet. Für Familie und Freunde passt jetzt alles wieder, sie ist gesund. „Aber ich kann nicht ganz normal weiterleben, jetzt kommt die große Unsicherheit, was ist, wenn der Krebs zurückkehrt?“
Die Kontrolltermine zeigten beständig, dass der Krebs besiegt war. Die Angst vor einer schlechten Nachricht wurde mit jeder Nachuntersuchung kleiner. Und die Kräfte wuchsen in Zöhrer langsam wieder. Mittlerweile arbeitet sie als Logopädin. Die größte Erkenntnis der jungen Kämpferin ist: „Du musst nicht in jedem Moment stark sein. Schwäche sollst du immer zulassen, weil es eine Stärke ist, Schwäche zeigen zu können.“