Die echten und die falschen Pocken
Die Familie der Pockenviren umfasst eine große Gruppe verwandter Viren, von denen uns nur wenige gefährlich werden. Die Blattern-Pockenviren gelten gar als ausgerottet. Dennoch gibt es Kontakt zu Viren aus der Pockenfamilie, die „Windpocken“ gehören aber nicht dazu.
Seit Anfang Mai sind in vielen europäischen Ländern und in den USA Hunderte Menschen an Affenpocken erkrankt. Allein in Europa wurden bisher knapp dreihundert Patienten gemeldet (einer davon in unserem Land) und Experten vermuten, die Zahl werde steigen.

Angst vor einem neuen Länder- und Kontinente-übergreifenden Infektionsgeschehen wie bei Corona müsse aber niemand haben, so der Tenor der Virologen. „Angesichts der Affenpocken würde ich mir im Moment keine zu großen Sorgen machen, denn Affenpocken sind nicht so leicht von Mensch zu Mensch übertragbar und dementsprechend werden wir nicht so eine Pandemie oder Epidemie sehen, wie wir sie von anderen Viruserkrankungen kennen“, sagt Priv.-Doz. Ing. Dr. Monika Redlberger-Fritz vom National Influenza Center Austria Zentrum für Virologie an der Medizinischen Universität Wien.

Pocken-Geimpfte haben guten Schutz
Der Virologin zufolge sind Affenpocken vor allem durch engen Körperkontakt übertragbar und „eine leichte, selbst limitierende Erkrankung“. „Eine Übertragung über die Luft wie beim Corona-Virus wäre nur möglich, wenn sich Pockenpusteln im Mund bilden und Viren im Speichel sind“, bestätigt Prof. Stephan Ludwig, Leiter für Virologie am Uniklinikum Münster (D) und Koordinator einer Forschungsplattform für Zoonosen, also Erregern, die eigentlich im Tier entstanden sind.

Selten gibt es schwere Fälle, die auch zum Tod führen können – bei Patienten, „die ein äußerst schlechtes Immunsystem hatten“. Warum die Affenpocken, die normalerweise vor allem in Westafrika vorkommen, verstärkt in Europa auftreten, wird von den Forschern untersucht. Die Virologin bestätigt aber, dass Pocken-Geimpfte (das sind meist Menschen über 50 Jahre) gegen Affenpocken einen guten Schutz haben, der bei 85 Prozent liegt. Wer dennoch an Affenpocken erkrankt, dessen Symptome werden behandelt. Das Medikament Tecovirimat ist seit Jänner 2022 für die Behandlung von Pocken, Affenpocken und Kuhpocken in der EU zugelassen, aufgrund der Seltenheit der Krankheiten als Zulassung unter „außergewöhnlichen Umständen“.

Dellwarzen häufigste Pockenviren-Krankheit
Während (die seltenen) Infektionen mit Affenpocken zu einer Erkrankung des ganzen Körpers führen mit grippeähnlichen Symptomen und später in manchen Fällen mit Pusteln auf der Haut, gibt es Mitglieder der Pockenviren-Familie, die weitaus häufiger vorkommen und nur lokale Hauterkrankungen verursachen. „Dellwarzen sind fleischfarbige Knötchen an der Haut mit zwei bis fünf Millimeter Durchmesser und einer Delle in der Mitte. Im Gegensatz zu anderen durch Pockenviren verursachte Hautveränderungen treten bei Dellwarzen kaum Entzündungen auf. Mit Ausnahme der Handflächen und Fußsohlen können die einzelnen oder in Gruppen stehenden Knötchen an allen Körperstellen gefunden werden. Dellwarzen sind bei Kindern häufig, und sie sind die häufigste durch Pockenviren verursachte Erkrankung des Menschen. Ein gängiger Übertragungsort sind Schwimmbäder“, sagt Dr. Holger Müller-Redetzky, Infektiologe an der Berliner Charité (D).

Grundsätzlich verursachen Dellwarzen keine Schmerzen, gelegentlich leiden Betroffene unter Juckreiz. Da sich in Dellwarzen eine breiige Masse befindet, die aus hochansteckenden Viruspartikeln besteht, sollten sie nie ausgedrückt werden. Dellwarzen sind nicht weiter gefährlich, ohne Behandlung heilen sie innerhalb weniger Monate ab. Ist der Patient jünger als vier Jahre oder jucken die Dellwarzen, ist ein Gang zum Arzt sinnvoll. Er kann sie durch Vereisung oder mit Laser entfernen.

Die „falschen“ Pocken sind ansteckender
Trotz eines gleichen Namens(teiles) haben Affenpocken und Windpocken medizinisch nichts gemeinsam. Der Erreger der Windpocken, die Varizellen, gehört zu den Herpesviren. Sie sind nicht mit Pocken, Affenpocken oder Kuhpocken verwandt. Windpocken sind eine hoch ansteckende Infektionskrankheit, an der meist Kinder erkranken. Daher werden Kinder häufig vorbeugend geimpft. Die Hautbläschen von Windpocken und den Pockeninfektionen können aber nicht immer sicher voneinander unterschieden werden. Mit labordiagnostischen Methoden ist eine Abgrenzung aber möglich.

Windpocken treten viel häufiger auf als Affenpocken, doch die Symptome sind ähnlich. Einziges Unterscheidungsmerkmal sind die geschwollenen Lymphknoten, die Affenpocken-Patienten haben. Daher, wer einmal an Windpocken erkrankte, hat keinen Immunschutz vor „echten“ Pockenviren. Die hoch gefährlichen Blattern-Pockenviren hingegen gelten aufgrund der flächendeckenden Impfungen seit 40 Jahren als ausgerottet.