Armes Schwein
Neun von zehn Schweinen in unserem Land werden nicht artgerecht gehalten. Tierschützer fordern Gesetzesänderungen und ein Bio-Bauer zeigt, wie es besser geht.
Seine Schweine sind das ganze Jahr im Freien, haben viel Platz, können in der Erde wühlen und sich suhlen. „Das ist kein Luxus, sondern das, was Schweine brauchen. Alles andere ist ein Kompromiss auf Kosten der Tiere, damit die Fleisch-Produktion billiger wird“, erklärt Norbert Hackl vom Labonca-Biohof. Labonca ist der altslawische Name für den Fluss Lafnitz. Und dort, im Lafnitztal, liegt der Hof – im steirischen Burgau.

Die AMA-Tierwohl-Linie wurde eingeführt, damit schöne Fotos verbreitet werden können
Hackls Hof gehört zu den wenigen heimischen Betrieben mit Freiland-Schweinehaltung. „Der Anteil liegt weit unter einem Prozent“, so Hackl. Auch die Bio-Haltung bewegt sich bei nicht einmal drei Prozent. „Wobei Bio nicht gleich Freiland bedeutet“, bemerkt der Landwirt, der in seinem Buch „Dürfen Schweine glücklich sein?“ die verschiedenen Haltungsformen von Mastschweinen verglichen hat. Demnach haben auch Bio-Schweine nur 1,3 Quadratmeter Stallfläche zur Verfügung (siehe Tabelle). Besonders ärgert ihn die AgrarMarktAustria (AMA)-Tierwohl-Linie. „Dabei wird zwar in der Mast auf mehr ,Tierwohl‘ geachtet, aber in der Ferkelproduktion stehen die Tiere trotzdem im Kastenstand, das sind körperenge Metallkäfige. Die Tierwohllinie wurde extra eingeführt, damit schöne Fotos verbreitet werden können.“ Bei dieser Art Zucht von Tierwohl zu sprechen, sei eine Frechheit, meint Hackl.

Aus dem ÖVP-Landwirtschaftsministerium heißt es dazu, dass laufend an Verbesserungen der Tierwohlstandards gearbeitet werde, unter anderem durch den „Pakt für mehr Tierwohl“. Tierwohlfreundliche Stallungen etwa werden mit 120 Millionen Euro pro Jahr gefördert.

Förderungen erhält der 49jährige Hackl nicht, im Gegenteil. „Aus der Förderung von tierwohlfreundlichen Stallungen sind Freilandbetriebe explizit ausgenommen. Wahrscheinlich, damit gewisse Teile der Politik diese Tierwohllinie forcieren können“, ärgert sich der Biobauer. Bis 2023 soll sich das aber ändern und auch Freilandhaltung gefördert werden.

9 von 10 Schweinen müssen ein qualvolles Leben führen
Nicht so schnell wird sich hingegen etwas an den schlechten Haltungsbedingungen der übrigen heimischen Mastschweine ändern. Mehr als fünf Millionen Tiere werden jährlich in unserem Land geschlachtet. Neun von zehn dieser Schweine führen zuvor ein tristes und qualvolles Leben auf sogenannten Vollspaltenböden. Geht es nach der Politik, ist diese Haltungsform noch bis 2032 erlaubt. Nur bei Stall-Neu- und Umbauten werden Vollspaltenböden verboten.

Laut Tierschutzminister Johannes Rauch (Grüne) geht der Ausstieg nicht so schnell, denn „das System wurde über Jahrzehnte aktiv forciert, um viel Schweinefleisch billig für uns und den Export produzieren zu können. Der Tierschutz wurde vernachlässigt. Dieses Versäumnis lässt sich nicht von heute auf morgen reparieren, da eine Investition in einen Stall über etwa 15 Jahre abgeschrieben wird.“

Das alles bleibt den Schweinderln vom Biohof Labonca erspart. „Schweine lieben es, nach Nahrung zu suchen und den Kopf in die Erde zu stecken, aber wenn ich sehe, wie Schweine auf Vollspaltenböden leben, tut mir das Herz weh. Diese Böden haben nichts mit dem zu tun, was Schweine brauchen und haben in der Tierhaltung nichts zu suchen. Da geht es nur um Kostenminimierung und Preis“, kritisiert der Bio-Bauer Hackl.

Das bestätigt Sebastian Theissing-Matei, Landwirtschaftssprecher der Umweltschutzorganisation Greenpeace. „Bei Vollspaltenböden handelt es sich um harte Betonböden mit Spalten, durch die Harn und Kot durchfallen sollen. Schweine sind geruchsempfindlich, werden hier aber gezwungen, über ihren eigenen Fäkalien zu liegen. Die ätzenden Dämpfe führen zu Lungenproblemen und entzündeten Augen.“ Diese Böden und das geringe Platzangebot sind eine Qual für die Tiere und führen dazu, dass sich Schweine gegenseitig verletzen und die Schwänze abbeißen. „Laut einer aktuellen Umfrage sprechen sich neun von zehn Menschen in unserem Land für ein Verbot von Vollspaltenböden aus, dennoch hält die ÖVP an diesem Tierleid-System fest“, erklärt Theissing-Matei.

Trend zu gutem, aber teurerem Produkt
Auch der Obmann des Vereines gegen Tierfabriken (VGT), Martin Balluch, kritisiert diesen Umstand. „Schweine verdienen einen Schutz vor grausamen Haltungsformen wie dem strohlosen Vollspaltenboden. Die Mastschweinehaltung in unserem Land ist mieser als der mieseste deutsche Tierwohlstandard und deswegen für die dortigen Supermärkte gar nicht zugelassen. Es ist höchste Zeit, den Vollspaltenboden zu verbieten.“

Eine entsprechende VGT-Petition wurde dem Tierschutzminister übergeben. Am 8. Juni wird es einen „Runden Tisch“ zum Thema Tierwohl geben. Rauch will für mehr Transparenz am Teller der Konsumenten sorgen, „damit sich diese bewusst für ein besseres Produkt entscheiden können“.

Das Bewusstsein der Konsumenten sei ohnehin deutlich gestiegen, so Hackl, dessen Produkte zwar drei Mal mehr als abgepacktes Supermarktfleisch kosten, aber dafür neben Qualität auch „einen Genussmoment“ versprechen. Derzeit spürt auch der Labonca-Bauer die Teuerungswelle. „Der Trend geht aber ohnehin in die Richtung, mehr für ein gutes Produkt zu bezahlen, aber dafür weniger zu konsumieren“, sagt Hackl.