„Es ist schön, nicht zu wissen, was morgen ist“
Der Kabarettist Gerhard Polt wird 80. Für das Fernsehen hat er eine bissig-humorvolle Fernseh-Serie aus dem Japanischen in die bayerische Mundart übersetzt. Die WOCHE-Reporterin Barbara Reiter hat mit ihm über „Die Vroni aus Kawasaki“ (ab Di., 14. Mai, 22.25 Uhr, ServusTV), seinen runden Geburtstag, die Streitkultur und das Glück des Alterns gesprochen.
Herr Polt, wissen Sie, dass Sie im Internet „GröKAZ“ genannt werden?
Nein, das Wort kenne ich nicht.

„GröKAZ“ steht für „Größter Kabarettist aller Zeiten“.
Ah geh, was soll ich dazu sagen? Ich sag‘ lieber nix (lacht).

Zu Ihrem 70er sagten Sie, dass es Sie interessiert, wie sich ein Mensch verändert. Sie werden 80. Inwiefern haben Sie sich verändert?
Wir nehmen unsere eigenen Veränderungen oft nicht wahr. Ich brauche ein Gegenüber, die Ehefrau oder jemanden aus dem privaten Kreis. Deshalb ist es ja schön, nicht alleine zu sein. Sonst würde ich das nicht wissen.

Was könnte Ihr Gegenüber Nützliches zu Ihnen sagen?
Es könnte jemand sagen, du warst früher lustiger oder das Gegenteil, du bist lockerer geworden. Wenn sich die Lappen bei minus 30 Grad Celsius ins Gesicht sahen, taten sie das nicht nur, weil sie sich füreinander interessierten, sondern weil sie wissen wollten, ob der andere Erfrierungserscheinungen am Ohrwaschl hat. Dann wurde gesagt, pass auf, geh hinein, sonst ist deine Nase fort.

Viele Menschen mögen es nicht, auf Fehler aufmerksam gemacht zu werden …
Jeder Mensch hat eine bestimmte Ausdrucksform, die für andere ungewöhnlich sein mag. Es ist gut, dass nicht alles gleich, sondern farbig und unterschiedlich ist. Die Möglichkeit, von anderen zu lernen, macht unser Zusammenleben aus.

Unser Zusammenleben hat sich verändert. Selbst über banalste Themen wird gestritten, auch im Familienkreis. Warum hat sich das so entwickelt?
Wenn ich das wüsste, würde ich es sofort sagen. Es gibt Menschen, die mir helfen, Ideen zu verwirklichen. Wir hoffen, dass uns die Stadt München für unser „Forum für Humor“ ein Gebäude zur Verfügung stellt, um derlei Fragen zu erörtern. Warum kann einer über etwas lachen, während der andere sagt, da hört sich der Spaß auf? Oft ist schon die Art und Weise, wie gestritten wird, deppert. Die Streitkultur wurde durch die digitale Welt verändert, weil die Menschen nicht mehr beisammen sitzen und streiten. Humor ist für mich etwas Hochpolitisches. Er hält die Menschen zusammen. Wenn der Humor fehlt und nur noch eine Empörungskultur existiert, dann wird das Miteinander schwer.

An der Serie „Die Vroni aus Kawasaki“, in der Sie Japanern einen bayerischen Dialekt verleihen, könnte kritisiert werden, dass Sie die japanische Kultur ins Lächerliche ziehen …
Heutzutage kann für alles ein „Shitstorm“ (lawinenartiges Auftreten negativer Kritik) entstehen, egal, ob es um Fakten oder Witze geht. Da halte ich es mit Karl Valentin – „Nicht einmal ignorieren“.

Selbst das Alter kann für Empörung sorgen, manchmal bei einem selbst. Sie haben bei den Philosophen über das Alter nachgelesen. Was sind Ihre Erkenntnisse?
Dass bereits Millionen von Menschen das Älterwerden erlebt haben, und dass es zum Leben dazugehört. Wer gesund ist, was leider nicht allen vergönnt ist, hat „das Glück vom Goaß Peterl“, wie es im Bayerischen heißt. So mancher geht lieber ein Kerzerl stiften bei der „Schwarzen Maria“. Jeder wie er mag. (Anm.: Polt ist im Marienwallfahrtsort Altötting, der wegen der „Schwarzen Madonna“ berühmt ist, aufgewachsen. Die Figur ist durch das Nachdunkeln des Holzes vom Kerzenruß der Jahrhunderte geschwärzt.)

Im Buch „Hundskrüppel“ erzählen Sie Geschichten aus Ihrer Kindheit mit vielen Streichen. Waren Sie ein richtig „schlimmer Bua“?
Ich habe das Buch nicht wegen der Lausbubenstreiche geschrieben. Ich wollte Orte beschreiben wie die kleine Fleischerei, die es wie vieles andere nicht mehr gibt. Ich kenne kaum Kinder oder Jugendliche, die einen Misthaufen gesehen haben. Das ist das Verrückte, das mich beschäftigt hat. Dass ich noch Dinge gesehen habe, die es nicht mehr gibt. Ich war 18, als ich erlebte, wie die Veteranen am Stammtisch im Wirtshaus darüber stritten, ob der Erste oder der Zweite Weltkrieg der schlimmere war. Die direkte Erzählung – „Ich habe das selber erlebt und gesehen“ – verschwindet. Es ist verrückt, wie weit etwas zurückgehen kann. Meine Großmutter mütterlicherseits hat mir erzählt, dass ihre Großmutter den Napoleon noch erlebt hat. Ist doch irr‘, dass da jemand ist, der ein Stück Zeitgeschichte vor mir erlebt hat.

Sie haben 80 Jahre in dieser Welt miterlebt. Reizt es Sie, Bilanz zu ziehen?
Nein. Ich habe in meinem Leben noch nie Bilanz gezogen. Erinnerung kommt auch ganz von allein. Da kannst zuversichtlich sein. Irgendwann fällt dir aus irgendeinem Grund etwas ein. Da gibt es das schöne Wort Zufall oder den englischen Begriff „windfall“. Es fällt einem etwas entgegen, ob das das Sternderl, ein guter Ausdruck oder eine nette Begegnung ist. Es ist doch schön, nicht zu wissen, was morgen ist. Wenn wir alles definieren könnten, wüssten wir auch den Schluss. „Definire“ bedeutet „bis zum Ende“. Die Freiheit des Menschen besteht für mich darin, dass ich keinen Menschen definieren kann.