Zuhause sicher unterwegs
Eine Hüftoperation mit Prothese ist für Betroffene ein großer Einschnitt im Alltag. Vor allem in der Zeit kurz nach dem Eingriff haben sie Angst, durch eine falsche Bewegung dem neuen Kunstgelenk zu schaden. Ein neues Projekt in Tirol hilft Patienten bereits vor der Operation, damit sie später in den eigenen vier Wänden sicher unterwegs sind.
Mehr als fünfundzwanzigtausend künstliche Hüftgelenke werden jedes Jahr in unserem Land eingesetzt. Für Chirurgen sind diese Operationen aufgrund der hohen Fallzahl Routine-Eingriffe. Für jeden einzelnen Patienten ist es aber ein großer Einschnitt in den Alltag.

Das sehen vor allem Physiotherapeuten, die Hüftgelenkspatienten im Anschluss an deren Operation begleiten wie Mag. Barbara Ganahl, leitende Physiotherapeutin am Institut für Physikalische Medizin und Rehabilitation der Tirol Kliniken aus dem Team des Institutsvorstandes Prof. Erich Mur. „Ich bin seit vierzig Jahren in der Orthopädie tätig, und es gibt zahlreiche Patienten, die nach der Hüftoperation Angst haben, in ihr Zuhause zurückzukehren. Sie fürchten, durch falsches Gehen, Sitzen oder Bewegen das neue Gelenk auszurenken, was in der Tat passieren kann. Daher haben wir ein Projekt ins Leben gerufen, das Abhilfe schafft“, sagt Mag. Ganahl und erklärt das neue Konzept.

„Unsere Patienten bekommen nun auf Wunsch kurz vor der Operation Besuch von einem Physiotherapeuten. Er zeigt dem Patienten, wie er sich zuhause mit dem neuen Hüftgelenk richtig und sicher bewegt. Zum Beispiel, wie sich der Patient später mit der neuen Prothese richtig in sein Bett legt oder heraussteigt. Wie er richtig Stufen hinauf- oder hinuntergeht, er sicher in die Badewanne einsteigt, sich gefahrlos mit Gehhilfen in der Wohnung zurechtfindet oder Liege- und Sitzmöglichkeiten verbessern kann. Der Therapeut gibt zahlreiche Tipps für die sichere Bewegung in allen Wohnräumen, ob Küche, Schlaf- und Wohnzimmer, Bad und Toilette.“

08/15-Ratschläge sind oft zu wenig
Allgemeine Hilfestellungen für die Zeit nach der Operation haben die Tirol Kliniken als Broschüren oder DVDs mit Informationsfilmen schon länger bereitgestellt. „Aber jede Wohnung, jedes Haus ist unterschiedlich in seiner Ausstattung, in der Zahl und Lage der Zimmer. Daher sind allgemeine Hilfestellungen für die Patienten oft nicht ausreichend. Uns geht es nicht nur darum, Gefahren aufzuzeigen wie Stolperfallen oder rutschende Teppiche, sondern zu zeigen, was alles möglich ist mit dem neuen Hüftgelenk, das meist besser funktioniert als vor der Operation. Es macht einen großen Unterschied, wenn Patienten Zuhause persönlich und professionell für zwei Stunden von einem Physiotherapeuten begleitet werden“, ist sich Mag. Ganahl sicher.

Fragebogen ermittelt Patienten-Risiko
Das Angebot der Tirol Kliniken soll ab Mitte Juni in einem Pilotprojekt Patienten aus Innsbruck und Umgebung zur Verfügung stehen. Vor allem für Patienten, die ein erhöhtes Risiko haben, sich in ihrem Zuhause anfangs nicht gut zurechtzufinden. Physiotherapeuten erörtern das Risiko – gering, mittel oder hoch – mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens. „Wir befragen die Patienten drei bis eine Woche vor der Operation nach deren Alltag. Ob sie mit oder ohne Gehhilfe unterwegs sind, sie Gleichgewichtsprobleme haben, ihren Haushalt alleine führen, ein Arzt und Apotheker nahe am Wohnort sind, sie Menschen haben, die ihnen helfen, ob sie noch Auto fahren und vieles mehr. So bekommen wir ein Bild davon, wie sicher ein Patient mit der neuen Hüftprothese sein wird.“ Besteht ein mittleres oder hohes Risiko für Probleme im Alltag, bekommt der Patient das Angebot eines Hausbesuches.

Vorbildwirkung für andere Kliniken
Dr. Rohit Arora, Direktor der Innsbrucker Univ.-Klinik für Orthopädie und Traumatologie ist von dem Projekt überzeugt. „Unser Ziel ist, dass sich Patienten in der Klinik bestens aufgehoben wissen, bei der Entlassung sicher fühlen und sich möglichst bald trauen, ihren Alltag daheim mit ihrer Hüftprothese zu leben.“ Projekt-Initiatorin Mag. Ganahl hofft auf die Vorbildwirkung. „Wenn das Projekt ein Erfolg wird, könnte es zunächst auf Tirol erweitert werden, und eines Tages steht es vielleicht Patienten im ganzen Land zur Verfügung.“