„Wir sind nachlässig geworden“
Das abgelaufene Jahr war für den deutschen Sänger Howard Carpendale, 75, in beruflicher und körperlicher Hinsicht herausfordernd. Er produzierte mit dem angesehenen Londoner Royal Philharmonic Orchestra zum dritten Mal ein Album und quälte sich mit einem Fitness-Trainer. Der WOCHE-Reporter Steffen Rüth hat mit dem 75jährigen auch über die umstrittene Impfung gegen das Corona-Virus gesprochen, immerhin gehört er im fortgeschrittenen Alter zur besonders gefährdeten Gruppe.
Herr Carpendale, Sie haben vor einem Jahr berichtet, dass Sie zwölf Kilo abgespeckt haben und gesagt: „Zehn Kilo müssen noch runter“. Was können Sie vermelden?
Ich habe das Gewicht gehalten. Nicht zugenommen, aber auch nicht weiter abgenommen. Vermelden kann ich, dass ich einen persönlichen Trainer habe, den ich ein bis zwei Mal pro Woche treffe. Darüberhinaus schreibt er mir ständig E-Mails, ob ich auch meinen Pflichtübungen nachkomme. Ich antworte ihm: „So gut ich kann.“ Ich muss für meine Tour, die im Februar hoffentlich stattfindet, noch ein bisschen fit werden und das Training ein wenig anziehen. Wer drei Stunden auf der Bühne steht, braucht eine gute Kondition.

Haben Sie unter Ihren Pflichtübungen welche, die Sie
besonders gern machen?
Ab einem gewissen Alter müssen Menschen in erster Linie ihren Unterkörper trainieren, denn der wird als erstes schlapp. Ich konzentriere mich also auf die Beine und den Rumpf. Und natürlich die Ausdauer. Kugelstoßer hingegen muss ich nicht mehr werden.

Sie haben im abgelaufenen Jahr mit dem Royal Philharmonic Orchestra ein Album aufgenommen und sich damit eine Weihnachtsfreude bereitet. Immerhin heißt es „Happy Christmas“. Hat es Ihr Fest bereichert?
Auf jeden Fall. Das Arrangement ist so, wie ich es noch nie gehört habe. Auch mit meiner Stimme bin ich zufrieden. Doch es wäre schön, wenn es nicht nur jetzt, in der Weihnachtszeit, aktuell ist, sondern auch noch beim nächsten Weihnachtsfest. Die Musiker sind äußerst genau und sorgfältig an die Arbeit gegangen.

Wie sind Sie neben der Arbeit durchs Jahr gekommen?
Es fällt mir nicht so leicht, darüber zu sprechen, denn meine Familie gehörte eher zu denen, die Glück hatten. Es gefällt mir nicht zu sagen: „Ich habe unter der Situation gelitten“, da Millionen von Menschen weit mehr gelitten haben als ich. Trotzdem muss ich sagen, dass ich mir diesen späten Zeitpunkt meiner Karriere wirklich nicht so vorgestellt habe. Alle paar Monate mussten wir die Konzerte verschieben, derzeit habe ich eine gewisse Hoffnung, dass es ab Februar unter der 2-G-Regel endlich klappt. Aber wir sind ja auch ein Stück weit selbst schuld an der Situation.

Weil sich nicht alle, die können, auch impfen lassen?
Ja, natürlich. Wir haben eine Impfung, doch statt diese Impfung als großes Geschenk zu betrachten, haben wir eine Auseinandersetzung daraus gemacht. Dieser Hass gegen das Impfen, diese radikale Antistimmung gerade in den sozialen Medien, das ist schon traurig. Dazu kommt, dass die Kommunikation zwischen der Politik und den Menschen nicht optimal war, um es vorsichtig zu formulieren. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in meiner alten Heimat USA. Das Impfen ist vielerorts ein politisches Thema geworden, was ein absoluter Wahnsinn ist.

Was ärgert Sie an der Politik?
Unsere Politiker haben uns bewusst etwas vorgelogen, indem sie laut und deutlich sagten, es würde keine Pflichtimpfung geben, nur weil sie Angst vor den Wahlen hatten. In meinen Augen ist das keine anständige Art, Politik zu machen. Eigentlich haben wir gerade niemanden in der Politik, dem oder der ich wirklich vertraue. Aber es ist extrem wichtig, dass Politikerinnen und Politiker nicht den populistischen Weg gehen, sondern dass sie ehrlich zu uns sind. Ich vermisse jemanden wie Helmut Schmidt, der klar und deutlich mit mir spricht, es gut meint und glaubwürdig ist.

Wie sehen Sie den neuen deutschen Gesundheitsminister Karl Lauterbach?
Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals etwas radikal Falsches erzählt hat. Er war immer ein bisschen pessimistisch, und diesen Pessimismus haben viele Menschen gehasst. Aber so eine Pandemie ist kein Urlaub, sondern eine todernste Krankheit, die wir global in den Griff bekommen müssen.

Sind Sie für eine Impfpflicht, die ja hierzulande am 1. Februar in Kraft treten soll?
Das ist eine schwierige Entscheidung. Ich weiß es nicht. Ich glaube, im Moment wäre eine Impfpflicht kein gutes Signal, denn sie würde die paar Millionen Menschen, die partout nicht geimpft werden wollen, nur noch weiter radikalisieren. Mir wäre es schon lieber, die Impfung wäre freiwillig. Andererseits zermürbt einen dieses ewige Auf und Ab bei Corona.

Ihr einstiger Hit „Hello Again“ wurde für eine Impfkampagne der deutschen Regierung neu aufgelegt. Derzeit sind zudem
Werbesendungen zu sehen, in denen für die Auffrischungsimpfung geworben wird. Welche Motivation steckt dahinter?
Ich möchte den älteren Menschen, sagen wir ab 60 Jahren, die Angst vor dieser Impfung haben, ein bisschen helfen, zu verstehen, dass gerade sie diese dritte Impfung dringend brauchen. Denn sie schützt vor einem schweren Verlauf. Jeder, der in meinem Alter ist und sagt „Ich habe mich drei Mal impfen lassen“, ist in diesem Zusammenhang eine kleine Hilfe.

Sie sind demnach wohl auch schon „geboostert“?
Ja, das bin ich.

Ist Ihnen die Solidarität in der Gesellschaft verlorengegangen?
Mich macht es schon nachdenklich, wo wir heute stehen. Viele Menschen scheinen nicht mehr bereit zu sein, sich solidarisch zu verhalten. Als ich vor fünfzig Jahren nach Deutschland kam, schrieb ich meinen Eltern in einem Brief, in welch stabiles, durchdachtes Land ich da geraten sei. Die Deutschen machten es mir leicht, stolz darauf zu sein, in ihrem Land zu leben. Über die Jahre hat sich das ein bisschen verändert. Wir sind nachlässiger geworden und weniger bereit, Verantwortung zu übernehmen.

Welche Gefahren sehen Sie?
Ich könnte mir vorstellen, dass es in den USA irgendwann einen Bürgerkrieg gibt. Das Land ist so geteilt, so gespalten, so unversöhnlich. Ich versuche gerade meinen Sohn Cass, der in Pittsburgh (Pennsylvania) lebt, zu überreden, für längere Zeit zu mir zu kommen.

Zur Person:
Howard Carpendale wurde am 14. Jänner 1946 in Durban (Südafrika) geboren. Er war Jugendmeister im Kugelstoßen und versuchte sich zunächst als Elvis-Imitator in seiner Heimat. Als diese Karriere fehlschlug, übersiedelte er 1966 nach Europa. Seine größten Erfolge feierte er in den 70er Jahren, als er englische Hits ins Deutsche übertrug. Dazu gehörte „Deine Spuren im Sand“ und „Tür an Tür mit Alice“.

Im Jahr 2003 gab Carpendale bekannt, an Multipler Sklerose erkrankt zu sein. Die Krankheit verläuft weitgehend beschwerdefrei. Er ist zum zweiten Mal verheiratet und lebt in München (D). Aus erster Ehe stammt sein Sohn Wayne, 44, aus zweiter Ehe Sohn Cass, 33.