Der Meisterfälscher schlägt wieder zu
Er verkaufte nachgemalte Bilder um Millionen von Euro, bis er als Fälscher entlarvt wurde und ins Gefängnis musste. Heute lebt der deutsche Maler Wolfgang Beltracchi, 70, in der Schweiz und scheffelt erneut viel Geld. Er schafft digitale Kunstwerke anhand berühmter Vorlagen und narrt somit die Kunstwelt gewissermaßen erneut.
Das Leben als Fälscher war besser“, sagt Wolfgang Beltracchi, 70, schmunzelnd. Der Deutsche narrte jahrzehntelang die Kunstwelt, malte Bilder für mehr als eine Million Euro. In rund vier Jahrzehnten schuf er hunderte Werke im Stil großer Meister wie Picasso und Georges Braque und verkaufte sie als Originale. Noch heute hängen viele unerkannt in Museen.

Das Leben der Betracchis wurde verfilmt
Erst 2010 flog Beltracchi, der am 4. Februar 1951 als Wolfgang Fischer in Höxter (D) geboren wurde, auf, weil er ein Bild aus dem Jahr 1914 malte – mit einer Farbe, die es damals nicht gab. Dafür bekam er sechs Jahre Gefängnis aufgebrummt, seine Frau als Komplizin vier Jahre. Eineinhalb Jahre davon verbüßten sie in Untersuchungshaft, den Rest im offenen Vollzug. Zudem blieben 20 Millionen Euro Schulden wegen der Forderungen geschädigter Kunsthändler.

Die Tatsache, dass die Beltracchis renommierte Kunstexperten hinters Licht führten, machte das Paar weltberühmt. Die Dokumentation „Beltracchi: Die Kunst der Fälschung“ ist auf dem Internetkanal Netflix ein Riesenerfolg. Auch einen Spielfilm soll es geben. „Mein Mann braucht das Scheinwerferlicht“, sagt Helene Beltracchi. Und er ist sich sicher, dass ihm sein früheres Fälscherdasein „die Zeit im Gefängnis definitiv wert war“.
Doch mit kriminellen Machenschaften haben die beiden abgeschlossen. Sie widmen sich einem neuen Projekt, das sie in der Schweiz umsetzen. In der 6.500-Seelen-Gemeinde Meggen im Kanton Luzern will er als seriöser Künstler arbeiten. Sein Geschäftsfeld ist jedoch ungewöhnlich.

Beltracchi stieg mit seiner Frau in die sogenannte NFT-Kunst („Non-Fungible Token“) ein. Dabei handelt es sich um digitale Besitzurkunden, die ein Bild im Internet zu einem Einzelstück macht. Denn Bilder können im Netz bekanntlich beliebig oft kopiert und nahezu unbegrenzt verbreitet werden.
Beltracchi hat bereits das bekannte Werk „Salvator Mundi“, das lange Leonardo da Vinci zugeschrieben wurde, in 4.608 Variationen nachgestellt. Ganz im Stil berühmter Künstler wie van Gogh, Picasso und Andy Warhol. Die Bilder verkauft er als nicht kopierbare digitale Einzelstücke. Das ist alles legal und bringt auch noch viel Geld. Pro Stück bekommt er in Form einer Internetwährung rund 11.000 Euro.

„Meine Werke sind meist schon verkauft, bevor ich sie fertiggemalt habe“
Schon in den ersten drei Tagen verkaufte er 280 Bilder und verdiente somit rund drei Millionen Euro. Sind alle „Salvator Mundi“-Werke weg, hat er rund 53 Millionen Euro eingenommen. Auch wenn er mit rund 20 beteiligten Programmierern und Internetexperten teilen muss, bleibt ihm genug Geld übrig.

Ums Geldscheffeln geht es ihm aber nicht. „Ich verdiene mit meinen normalen Gemälden genug.“ Denn ein Original Beltracchi steht hoch im Kurs. „Meine Werke sind meist schon verkauft, bevor ich sie fertiggemalt habe.“ Sammler blättern dafür rund eine Million Euro und mehr hin. Bei 15 bis 20 Bildern, die er pro Jahr malt, kann er sich nicht beklagen. „Im deutschsprachigen Raum kosten nur Gemälde von Gerhard Richter, 89, mehr“, erklärt er stolz
Dem etablierten Kunstmarkt verweigert sich Beltracchi jedoch. Seine Bilder hängen selten in renommierten Museen, auch verkauft er sie abseits der klassischen Galerien. Von der digitalen Kunst, in die er eingestiegen ist, erwarten sich die Beltracchis viel. „Sie bedeutet eine Demokratisierung, die Künstler können sich dadurch unabhängig von Galerien präsentieren und direkt verkaufen“, sagt Helene Beltracchi, die ihren Mann wieder unterstützt.

Wesentlich ist, dass die Käufer kein echtes Bild erwerben, das sie an die Wand hängen können, sondern ein Benutzerzertifikat inklusive einer Datei des Bildes. Sie ermöglicht es, das Gemälde daheim per Computer auszudrucken. Dann kann es an die Wand gehängt werden. Aussuchen können sich die Käufer ihre Variante des „Salvator Mundi“-Bildes aber nicht. „Es wird ihnen zugelost.“ Dieses Zufallsverfahren hat auch für den Künstler Vorteile.

Denn jedes Mal, wenn das Bild danach den Besitzer wechselt, erhält der schaffende Künstler einen Prozentsatz des Preises. Das macht die Sache attraktiv, auch weil die Werke mit der Zeit im Kurs steigen könnten.
Das originale „Salvator Mundi“-Bild, das Beltracchi zum Kernstück seines Projektes machte, wurde im Jahr 2017 in New York (USA) um 382 Millionen Euro verkauft. Nach Angaben des Auktionshauses ist es das teuerste jemals versteigerte Kunstwerk.

Wettbieten um „echten“ „Salvator Mundi“
Käufer soll der saudische Erbprinz Mohammed bin Salman, 36, gewesen sein. Mit einem weiteren Ölscheich soll er sich ein erbittertes Wettbieten geliefert haben. Dass sich zwei Scheiche um einen Jesus duellierten, darüber muss Beltracchi schmunzeln. Auch weil das Bild gar nicht von da Vinci gemalt wurde. Denn jüngste Recherchen haben ergeben, dass da Vinci das Bild quasi nur autorisiert und die Herstellung beaufsichtigt hat.

Für Beltracchi ist das kein Grund, das Bild nicht für sein Projekt zu verwenden. „Ich habe es so gemalt, wie es Leonardo gemalt hätte, wenn er es denn gemalt hätte“, sagt der 70jährige und schmunzelt.