Der Speck kommt weg – Teil 1
Starkes Übergewicht ist mehr als ein „Schönheitsfehler“. Es ist eine chronische Erkrankung, ein enormes Gesundheitsrisiko, das zum frühzeitigen Tod führen kann. Übergewicht von mehr als zehn Kilo zu verlieren, ist nicht einfach, aber möglich. Immer mehr Adipositas-Zentren helfen fettleibigen Menschen, wieder gesund zu werden.
Zum Jahreswechsel gehören gute Vorsätze wie das Gläschen Sekt und das Feuerwerk. Weit vorne in der alljährlichen „Aufgabenliste“ reiht sich die Vorstellung, endlich den Kampf gegen die überflüssigen Kilo zu gewinnen. Zu oft bleibt sie aber ein frommer Wunsch, wie ein Blick auf die Statistik zeigt. Bereits jeder Zweite in unserem Land wiegt mehr, als er sollte. Dieses Problem wird größer und verschärft sich.

Der Anteil der Menschen mit massivem Übergewicht steigt von Jahr zu Jahr, etwa jede sechste Frau und jeder fünfte Mann sind betroffen. Neben krankheitsbedingten Ursachen für Fettleibigkeit ist es häufig der Lebensstil mit einer ungesunden Mischung aus überwiegendem Sitzen im Beruf oder in der Schule, dem Mangel an Bewegung im Alltag und in der Freizeit sowie einer zucker- und fettreichen Ernährung.

Je mehr Kilo die Waage anzeigt, desto höher ist das Risiko für Krankheiten, die das Leben nicht nur erschweren, sondern auch verkürzen. „Mehr als fünfzig Gesundheitsprobleme stehen im Zusammenhang mit Übergewicht und Adipositas“, bestätigt Dr. Johanna Brix, Präsidentin der Österreichischen Adipositas Gesellschaft. „Je mehr ein Mensch wiegt, desto wahrscheinlicher ist es, adipositasbedingte Erkrankungen zu entwickeln wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hohen Blutdruck und hohen Cholesterinspiegel, Schlaganfall, Depression und Krebs.“

Untersuchungen zeigen, Menschen mit Adipositas sind sechs bis zehn Mal häufiger von Diabetes Typ 2 („Altersdiabetes“) betroffen als Normalgewichtige. Auch die Corona-Pandemie trifft stark Übergewichtige härter. „Corona-Patienten mit einem Body-Maß-Index von 30 bis 34 haben eine 1,8-fach höhere Wahrscheinlichkeit, eine intensivmedizinische Behandlung zu benötigen. Ab einem Body-Maß-Index von 35 steigt dieses Risiko auf das 3,6-fache“, bestätigt Dr. Bianca-Karla Itariu, Ärztin für Innere Medizin und Adipositas-Trainerin.

Der Bauchumfang ist das Maß der Dinge
Menschen mit Übergewicht wissen meist, dass es für die Gesundheit wichtig wäre, Gewicht zu verlieren. Weniger klar ist, wann Übergewicht von „mollig“ zu „fettleibig“ wird. Univ.Prof. Dr. Gerhard Prager, Leiter für Bariatrische und Metabolische Chirurgie an der Medizinischen Universität Wien, kennt den Unterschied. „Der Body-Maß-Index, kurz BMI, ist die gebräuchlichste Formel zur Gewichtsberechnung. Liegt das Ergebnis über 30, besteht Fettleibigkeit oder Adipositas.

Ein für den Laien besseres Maß für die Stoffwechselgesundheit ist der Bauchumfang. Er spiegelt das ‚viszerale‘ Fett, das Eingeweidefett, wider. Es produziert viele Botenstoffe, die zu Gefäßverkalkung, Bluthochdruck, chronischer Entzündung, Fettleber, zu Diabetes, Herzinfarkt und Schlaganfall führen. Ab einem Bauchumfang von 88 Zentimetern bei Frauen und 102 Zentimetern bei Männern ist das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen stark erhöht.
Damit der Bauchumfang richtig gemessen wird, empfehle ich folgendes Vorgehen. Stellen Sie sich vor dem Frühstück unbekleidet vor den Spiegel. Atmen Sie aus, entspannen Sie sich. Legen Sie das Maßband zwischen den Unterrand des Rippenbogens und dem Beckenkamm und messen Sie.“

Nicht entmutigen lassen
Blitzdiäten, Radikalkuren und selbstauferlegte Essensverbote werden vom Jo-Jo-Effekt zunichte gemacht. „Für jeden Menschen mit starkem Übergewicht sollten individuelle Behandlungspläne erstellt werden“, rät Dr. Brix von der Adipositas Gesellschaft.

„Allgemein gehört zum gesunden Lebensstil die richtige Wahl der Nahrungsmittel, ausreichend zu schlafen sowie der soziale Austausch. Das Ziel ist, sich auf überschaubare Änderungen zur Besserung der Gesundheit zu konzentrieren, sich nicht entmutigen zu lassen und zu wissen, dass es Zeit braucht und vielleicht Rückschläge auftreten, aber eine Gewichtsabnahme von fünf bis zehn Prozent kann schon den Gesundheitszustand bessern.“ Der notwendige Sport muss einfach sein, Spaß machen und erreichbare Ziele setzen. Schwieriger ist es mit dem Essen. „Essgewohnheiten zu ändern, kann für Betroffene schwierig sein. Wir sind umgeben von Nahrungsmitteln und Speisen mit hohem Kalorien-, Zucker- sowie Fettgehalt und niedrigem Nährwert“, weiß Dr. Brix.

Vorteile professioneller Abnehmprogramme
Abnehmwillige umschiffen „gefährliche Klippen“ mit professioneller Unterstützung besser. „Ein auf Adipositas spezialisierter Arzt kann ein klinisches Gewichtsmanagementprogramm anbieten. Weitere Gesundheitsdienstleister können Teil des Programmes sein.

Dazu gehören Diätologen, Ernährungswissenschaftler, Psychologen, Trainer oder Physiotherapeuten. Sie unterstützen und begleiten die Änderungen des Lebensstils und können Medikamente zur Gewichtskontrolle verschreiben. Der Erfolg setzt natürlich ein Engagement für das Ziel, die Gesundheit zu verbessern, voraus.“
Die meisten Zentren und Institute bieten ihre konservative Adipositas-Therapie ambulant über mehrere Wochen an, einzelne Spitäler bieten stationäre Programme an. Die Kosten der offiziellen Adipositas-Programme (in Spitälern, bei Ärzten) werden ganz oder teilweise von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.