Inflation frisst unser Erspartes
Schon seit Jahren liegen die realen Sparbuch-Zinsen im Minusbereich. Die gestiegene Inflation heizt den Wertverlust bei den Rücklagen weiter an. Unser Erspartes wird immer weniger wert.
Die Inflationsrate war im November mit 4,3 Prozent so hoch wie zuletzt im Mai 1992. Im Dezember wird sie noch höher sein. Das spüren wir alle im Geldbörsel.
Vor allem Treibstoff- und Energiepreise haben die Teuerung zuletzt nach oben getrieben. Sprit ist um mehr als ein Drittel teurer als vor einem Jahr, Heizöl um zwei Drittel. Für Gas mussten wir im November um ein Fünftel mehr hinblättern. Strom war um ein Zehntel teurer.

Dabei wird es wohl nicht bleiben. „Wir fahren ein Auto ohne Bremse, und der Abhang kann kommen“, warnte zuletzt der deutsche Wirtschafts-Wissenschaftler Hans-Werner Sinn. Lieferengpässe aufgrund von Corona-Maßnahmen, der Umstieg auf erneuerbare Energie, aber auch die Niedrigzinspolitik und die Geldspritzen der Europäischen Zentralbank aus der Druckerpresse befeuern die Staatsverschuldung und damit laut Kritikern auch die Teuerungswelle.

Zu den großen Verlierern der steigenden Inflation gehören die Sparer. „Weil es am Sparbuch praktisch keine Zinsen mehr gibt, aber die Inflation hoch ist, werden die Österreicher allein heuer und im kommenden Jahr rund fünf Milliarden Euro an Wert am Sparbuch verlieren“, rechnete der Wirtschaftswissenschaftler Hanno Lorenz von der „Agenda Austria“ zuletzt vor.

Aufgrund der steigenden Preise würden die Realzinsen im kommenden Jahr „sogar minus 2,8 Prozent“ für Geld am Sparbuch betragen, prognostizierten die Experten des wirtschaftsliberalen Forschungsinstitutes. Die Realverzinsung ist der Zinssatz abzüglich der Inflationsrate. Er liegt schon seit Jahren unter null.

Notenbank hebt den Leitzins nicht an
Mit der höheren Inflation beschleunigt sich der Kaufkraft-Verlust der Sparguthaben aber noch einmal. Und damit die schleichende Enteignung der Sparer.
Wer sich 50.000 Euro erspart und auf einem Konto oder Sparbuch angelegt hat, dessen Guthaben verliert bei Bankzinsen um die null Prozent und einer Jahresinflation von drei Prozent rund 1.500 Euro an Wert. Dazu kommen dann noch die Bankspesen. Mancher Experte rät jetzt angesichts der negativen Realzinsen dazu, Gold zu kaufen und für mindestens zehn Jahre zu behalten.

Stoppen könnte die Sparer-Enteignung ein höherer Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB). Der liegt derzeit bei null. Doch davon ist bei der EZB noch keine Rede. Auch wenn die Inflation im gesamten Euro-Raum mit 4,9 Prozent deutlich über dem von den Euro-Notenbankern angestrebten Wert von rund zwei Prozent liegt. In den USA liegt der Leitzins bei null bis 0,25 Prozent. Aus Prognosen der amerikanischen Währungshüter geht allerdings hervor, dass er im kommenden Jahr auf 0,9 Prozent steigen könnte.

Angesichts der Teuerungswelle und Spar-Guthaben-Entwertung geben viele jetzt ihr Geld lieber gleich aus. Auch weil sie etwaige spätere Preissteigerungen befürchten. Das wiederum führt zu mehr Nachfrage und unter Umständen zu höheren Preisen. Und damit zu einer höheren Inflation.
Viele Menschen haben allerdings kein Geld für Extra-Ausgaben und nur geringe Rücklagen. Ärmere Haushalte leiden besonders unter der galoppierenden Teuerung. Sie geben einen größeren Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel, Heizung oder Miete aus.

Wöchentlicher Großeinkauf ist um ein Zehntel teurer
Im Warenkorb für die allgemeine Inflationsrate sind derzeit 756 Waren und Dienstleistungen enthalten. Mehr als 42.000 Preise werden dafür monatlich erhoben. Sie umfassen nicht nur Lebensnotwendiges, sondern auch einen Städteflug oder Computer. Produkte, die in ärmeren Familien nur selten oder gar nicht gekauft werden.

Wie uns der Wertverlust des Geldes im Alltag derzeit trifft, ist beim sogenannten „Mini-Warenkorb“ zu sehen. Er soll den wöchentlichen Einkauf widerspiegeln und enthält neben Nahrungsmitteln etwa auch Geschirrspülmittel, Rezeptgebühr und Benzin. Im November ist dieser statistische Wocheneinkauf um ein Zehntel teurer gewesen als noch ein Jahr zuvor.

Der Pensionistenverband schlägt deshalb Alarm und fordert die Halbierung der Mehrwertsteuer auf Haushaltsenergie. „Der Finanzminister verdient an den hohen Preisen mit“, sagt Generalsekretär Andreas Wohlmuth. Weniger Steuern für Gas oder Strom könnten „einen Teil der Preissteigerungen abfangen“. Derzeit zahlen die Endverbraucher dafür zwanzig Prozent Umsatzsteuer. Für eine auf ein Jahr befristete Steuersenkung setzt sich auch SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner ein. In Spanien ist das bereits passiert.

Preis-Geschichte: Das haben wir früher gezahlt
1 Semmel
1966 – 0,05 €
1986 – 0,13 €
2006 – 0,22 €
2020 – 0,31 €

1 Kilo Schweinefleisch, Schnitzel
1966 – 4,11 €
1986 – 7,49 €
2006 – 8,61 €
2020 – 11,13 €

0,5 Liter Flaschenbier
1966 – 0,22 €
1986 – 0,54 €
2006 – 0,70 €
2020 – 0,93 €

1 Stunde Gas-/Wasserinstallateur
1966 – 5,97 €
1986 – 44,62 €
2006 – 75,31 €
2020 – 101,78 €

1 Fahrrad
1966 – 109,01 €
1986 – 257,26 €
2006 – 288,80 €
2020 – 587,43 €
Die Durchschnittspreise stammen aus der Preiserhebung der Statistik Austria. Zur besseren Vergleichbarkeit sind die Schilling-Preise vor der Einführung des Euro-Bargeldes im Jahr 2002 ebenfalls in Euro angegeben.
Quelle: Nationalbank