„Dann bin ich kurz weg von der Welt“
Mit jungen 20 Jahren ist sie eines der „Küken“ im rot-weiß-roten weiblichen „Adlerhorst“, springt aber der Konkurrenz bereits auf und davon. Im Interview erzählt die Schispringerin Sara Marita Kramer vom Genuss am Fliegen und warum ihr Tanzen in Diskos und langes Ausschlafen am Sonntag nicht abgehen.
Frau Kramer, sechs Wochen vor den Olympischen Winterspielen ist Ihr Flugschreiber mit fünf Saisonsiegen bereits auf große Weiten eingestellt. Wie springen Sie Ihren Gegnerinnen derart auf und davon?
Vor allem die Flugphase ist meine große Stärke gegenüber der Konkurrenz, scheint mir. Wenn ich einen Sprung an der Absprungkante gut „treffe“, bin ich schnell in einem guten Flugsystem, wie wir Springerinnen sagen, und kann in der Luft viel an Weite herausholen.
Trotz aller Triumphe wirken Sie oft unzufrieden. Ginge noch so viel mehr?
Ich springe derzeit auf einem äußerst hohen Niveau, das stimmt, doch es ist immer noch ausbaufähig. Ich klinge wahrscheinlich extrem selbstkritisch, für mich ist das aber kein Jammern auf hohem Niveau, sondern ein Entwickeln. Stets das gleiche weiterzumachen und zu hoffen, dass von selbst alles passen wird, geht nicht immer auf.
In Ihrem Sport wurde für Sie der Traum vom Fliegen wahr. Wie fühlt sich das an?
Durch die Luft zu gleiten, ist ein ganz eigenes Gefühl, das Schispringen ausmacht. Springe ich weit und hoch, dann ist der Adrenalinstoß durch meinen Körper unglaublich und ich bin für einen kurzen Moment lang weg von der Welt. Dann spüre ich auch nicht, wie viele Meter hoch ich fliege, vergesse auf das ganze Rundherum und kriege wenig anderes mit.
Das klingt nach einem wahren Traumberuf, oder gibt es auch Schattenseiten?
Doch, die gibt es, eigentlich musst du als junge Athletin viele Entbehrungen in Kauf nehmen. Vor zwei Jahren habe ich schon einmal darüber nachgedacht, ob sich die harte Arbeit überhaupt für mich auszahlt. Im Grunde mag ich ja am Leistungssport das Gefühl, viel zu investieren und viel zu geben, es ist umso schöner, wenn sich auch Erfolg einstellt. Aber das mühevolle Reisen, das ständige frühe Aufstehen oder eine kalte Dusche nach dem Training, da ist im Weltcupalltag vieles dabei, das nicht nur nett und schön ist.
Angeblich leiden Sie an Höhenangst. Wie geht das mit dem Schispringen zusammen?
Wirkliche Höhenangst habe ich keine, das wurde falsch berichtet. Ich fühle mich allerdings etwas mulmig, wenn ich zum Beispiel in großer Höhe über ein Gitter gehen muss, beim Springen selbst habe ich in der Luft überhaupt keine Angst.
Andere junge Frauen in Ihrem Alter reden vorrangig von neuen Stöckelschuhen, Liebeskummer oder Nachtlokalen. Würden Sie das auch gerne tun?
Ich habe nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. In die Disko zu gehen, fehlt mir deshalb nicht, weil ich es gar nicht kenne und bis Mittag auszuschlafen war noch nie mein Fall. Klassische Mädchendinge sind vielleicht auch nicht unbedingt mein Thema, Schminken etwa ist nicht unbedingt etwas, wofür ich mir viel Zeit nehme. Daheim renne ich auch immer im Sportgewand herum, obwohl mich Mode interessiert. Ich möchte schon gerne stilvoll gekleidet sein.
Was liegt Ihnen als Athletin thematisch besonders am Herzen?
Ich würde mir als Frau wünschen, dass wir in den nächsten Jahren jene Schritte, die uns noch auf den Sprungsport der Herren fehlen, aufholen. Dass wir auch im Damenspringen eine Vierschanzentournee haben und mehr Bewerbe auf Großschanzen austragen dürfen. Aber auch grundsätzliche Gleichberechtigung der Geschlechter ist mir ein Anliegen.
Wo würden Sie heute ohne den Latten an Ihren Beinen stehen?
Bei uns in der Familie sind alle kreativ, mein Vater und meine drei Geschwister. Früher habe ich zum Beispiel viel gezeichnet. Wenn ich nicht im Schispringen durchgestartet wäre, hätte ich mich wohl dafür entschieden, in den Niederlanden Innenarchitektur zu studieren, das war mein Plan B zum Sport. Ich halte mir aber weiter alle Möglichkeiten offen. Vielleicht mache ich es ja in zehn Jahren.