Die Pillen-Hoffnung
Tabletten statt „Lockdown“ – das könnte in naher Zukunft der Fall sein. Denn neue Medikamente verhindern in Studien viele schwere Corona-Verläufe. Sie werden auch bei uns bestellt.
Ein „Lockdown“ für alle, der am 12. Dezember enden soll. Damit will die Regierung die vierte Corona-Welle brechen. Doch solche einschneidenden Maßnahmen könnten mit neuen Medikamenten der Vergangenheit angehören.
Denn Experten sind sicher, dass sie helfen können, Extrem-Maßnahmen wie das „Zusperren“ des ganzen Landes zu verhindern. Sie müssen allerdings rechtzeitig bestellt werden. Die USA haben sich bereits 1,7 Millionen Dosen Molnupiravir gesichert, Großbritannien 480.000 Dosen. Bei uns hat Grünen-Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein vergangene Woche im Parlament erklärt: „Wir bestellen natürlich. Von Molnupiravir werden 80.000 Therapiezyklen bestellt, vom Pfizer-Medikament Paxlovid 270.000. Das ist sicherlich eine sehr interessante Option, die wir natürlich ziehen.“

Für Molnupiravir hat die EU-Arzneimittelbehörde EMA als erstes Medikament in Tablettenform bereits eine Empfehlung für den Notfalleinsatz erarbeitet. Es verringert laut Studie die Wahrscheinlichkeit eines Spitalsaufenthaltes um die Hälfte und kann zuhause geschluckt werden. In Großbritannien wird es schon eingesetzt. Noch mehr Hoffnung weckt das Präparat Paxlovid des amerikanischen Pharmakonzerns Pfizer. Bei Risikopatienten wurde mit den Pillen die Gefahr einer Spitals-Einweisung um fast 90 Prozent verringert.

Medikamente müssen früh eingesetzt werden
„Sowohl Paxlovid als auch Molnupiravir sind nach allem, was wir wissen, sehr effektiv“, erklärt der klinische Pharmakologe Markus Zeitlinger.
Sie können, je nachdem, wie man sie einsetzt, helfen, 50 bis 90 Prozent der Spitalsaufenthalte zu vermeiden. „Aber auch nur dann, wenn man das Medikament früh nach dem Krankheitsbeginn gibt. Wenn länger als sieben Tage gewartet wird oder die Patienten im Spital sind, dann wirken diese Medikamente nicht mehr.“
Da wir in unserem Land Testweltmeister sind und jeder sich sowieso regelmäßig für den Eintritt in seine Arbeitswelt testen muss, und sich auch testen kann, sind diese Medikamente ideal, um die Spitalsaufenthalte in unserem Land deutlich zu vermindern. Damit müssten auch nicht zwangsweise alle geimpft werden, um einen schweren Krankheitsverlauf weniger Menschen und die Belegung der Krankenhäuser in den Griff zu bekommen.

Beide Medikamente verringern auf unterschiedliche Weise die Vermehrung des Virus, was in der frühen Phase der Erkrankung wichtig ist. „Molnupiravir baut quasi eine falsche Erbinformation ein. Paxlovid hemmt ein Enzym, das das Virus zur Vermehrung braucht. Später in der Erkrankung geht es um das überschießende Immunsystem, da bringen diese Medikamente einfach nichts mehr.“
Hierzulande hat zuletzt ÖVP-Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck eine rasche Bestellung gefordert. „Es geht darum, jetzt seitens des Gesundheitsministeriums die Kaufvereinbarungen mit den Firmen für einen raschen Ankauf zu treffen, damit diese Medikamente rasch eingesetzt werden können, sobald eine EMA-Zulassung erfolgt“, richtete sie ihrem Regierungskollegen Wolfgang Mückstein aus. Offenbar mit Erfolg.

Allerdings gibt der Leiter der Universitätsklinik für klinische Pharmakologie an der Medizinischen Universität Wien zu bedenken: „Bei beiden Medikamenten muss man sagen, das sind keine Zuckerln, das sind Virostatika. Sie dürfen beispielsweise Schwangeren nicht gegeben werden, weil das fruchtschädigend wäre. Das ist auch wichtig zu kommunizieren, nicht dass sich die Menschen zurücklehnen und sagen, ich lasse mich nicht impfen oder ich passe nicht mehr auf.“
Die Medikamente seien grundsätzlich äußerst effektiv, würden dann aber nur bestimmten Patientengruppen zur Verfügung stehen, weil wir nicht unbegrenzt viel davon haben werden. Sie können jedoch „absolut ein extrem mächtiges Hilfsmittel sein, um die Überlastung von Spitälern zu reduzieren, wenn man es richtig einsetzt“.

Bald Zulassung für ersten „traditionellen“ Impfstoff
Die Präparate seien laut Markus Zeitlinger grundsätzlich gut verträglich, allerdings könnte es gerade bei Paxlovid aufgrund seiner Wirkweise zu Arzneimittel-Wechselwirkungen kommen. Etwa bei Menschen, die Lipid-Senker, Medikamente gegen hohe Blutfettwerte, nehmen.
Aber auch andere Medikamente werden geprüft oder sind im Laufe des nächsten Jahres zu erwarten. Die EU hat zwei Präparate mit monoklonalen Antikörpern zugelassen. Sie werden im Labor hergestellt und haben den Nachteil, dass sie als Infusion verabreicht werden müssen.
Viele Menschen warten zudem noch auf einen Totimpfstoff gegen Corona. Beim Impfstoff des US-Unternehmens Novavax könnte es in ein paar Wochen so weit sein. Dafür wurde jetzt die Zulassung in der EU beantragt.
In Studien zeigte sich eine Wirksamkeit von rund neunzig Prozent. Die EU hat sich bis zu 200 Millionen Dosen des Novavax-Impfstoffes gesichert. Er wird auf traditionelle Art hergestellt. Auch bei den Grippe-Impfstoffen handelt es sich etwa um Totimpfstoffe. Diese Art von Impfstoffen enthält inaktivierte Viren oder Bestandteile der Viren.

Die neuen Corona-Medikamente
  • Paxlovid – Das Medikament des US-Pharmakonzerns Pfizer hat laut Studie bei Risikopatienten die Wahrscheinlichkeit einer Spitalseinweisung oder eines Todes um 89 Prozent gesenkt. Das Präparat soll ein Enzym blockieren, das das Corona-Virus zur Vermehrung benötigt. In der Studie wurden die Tabletten alle zwölf Stunden eingenommen, fünf Tage lang. Die EU-Arzneimittelbehörde EMA prüft das Medikament für einen frühzeitigen Einsatz.
  • Molnupiravir – Das Präparat von MSD (in den USA bekannt als Merck & Co.) hat das Risiko einer Spitalseinweisung oder eines Todesfalles bei Covid-Patienten mit leichter bis mittelschwerer Erkrankung halbiert. Die Pille kann zuhause eingenommen werden. In Großbritannien wurde das Präparat für Patienten mit mindestens einem Risikofaktor, wie Fettleibigkeit, für einen schweren Corona-Verlauf zugelassen. Die EMA hat eine Empfehlung für Notfälle erarbeitet.
  • Ronapreve und Regkirona – Die beiden Covid-19-Antikörper-Präparate – Ronapreve vom Schweizer Pharmakonzern Roche und der US-Firma Regeneron sowie Regkirona vom Hersteller Celltrion aus Südkorea – sind seit Kurzem in der EU zugelassen. Bei beiden Medikamenten handelt es sich um monoklonale Antikörper-Präparate. Sie sollen das Eindringen des Erregers in die Zellen verhindern. Mit Ronapreve wurde im Oktober 2020 der frühere US-Präsident Donald Trump behandelt.