Die Lehrerin mit den Roboterarmen
Was mit einem leichten Fieber begann, endete für Kath Tregenna mit der Amputation ihrer Gliedmaßen. Damit schien die berufliche Laufbahn der Volksschullehrerin auf grausame Weise zu Ende zu sein. Doch durch eine Spendenaktion der Schule, an der sie unterrichtete, wurde Geld für Spezialprothesen gesammelt. Jetzt steht die 47jährige wieder im Klassenzimmer.
Ich war in der Schule, fühlte mich ein wenig unwohl und beschloss, an diesem Tag früher zu gehen“, erinnert sich Kath Tregenna an einen Freitag in der Vorweihnachtszeit des Jahres 2019. „Ich bekam ein bisschen Fieber und dachte, dass ich mir wohl einen grippalen Infekt eingefangen hatte“, berichtet die Lehrerin, die in London (England) an einer Volksschule unterrichtet. „Ich beschloss, übers Wochenende im Bett zu bleiben und mich auszukurieren, um am Montag wieder fit vor der Klasse stehen zu können.“ Zu diesem Zeitpunkt konnte sie noch nicht wissen, dass es zwei Jahre dauern würde, bis sie wieder unterrichten würde können.
Bis zum Sonntag stieg das Fieber weiter, sodass die heute 47jährige beschloss, die Notfallnummer anzurufen. „Der Anrufbearbeiter hat die Symptome, die ich ihm schilderte, richtig gedeutet und einen Krankenwagen zu mir nach Hause geschickt. Ich weiß noch, dass die Sanitäter meine Vitalwerte gemessen und mich dann auf die Trage gelegt haben.“ Danach fehlt Kath Tregenna die Erinnerung für Monate. Monate in denen die Ärzte im Spital um das Leben der Patientin kämpften, denn die Britin erlitt einen septischen Schock. Was die extreme Entzündungsreaktion in ihrem Körper hervorgerufen hatte, konnte nie geklärt werden.

Anfangs machten die Roboterfinger, was sie wollten
„Ich hatte keine äußerliche Verletzung, durch die Keime in meine Blutbahn hätten eindringen können“, sagt Tregenna heute. Als Folge der Entzündungsreaktion sank ihr Blutdruck so dramatisch, dass sie in den ersten beiden Wochen im Spital elf Herzstillstände erlitt. Intensivmediziner konnten sie jedes Mal wieder ins Leben zurückholen und es gelang ihnen mit Mühe, ein Multiorganversagen abzuwenden. Doch infolge des niedrigen Blutdruckes wurden Tregennas Extremitäten nicht mehr ausreichend durchblutet. Um die Ausbreitung der Sepsis zu stoppen und ihr Leben zu retten, blieb den Ärzten nichts anderes übrig, als die absterbenden Gliedmaßen zu amputieren. Als Tregenna nach zwei Monaten aus dem Koma erwachte, fehlten ihr beide Beine unterhalb des Knies und beide Arme unterhalb des Ellbogens. „Die ersten Wochen waren furchtbar“, erinnert sich die 47jährige. „Ich sah meine Armstümpfe und den Rest meiner Beine und versank in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Ein Leben, wie ich es bisher kannte, schien nicht mehr möglich.“

Auf ihrem steinigen Weg zur Genesung bekam Tregenna Prothesen, die unbequem und schwer zu tragen waren. „Ich hatte immer den Traum, wieder unterrichten zu können, aber mir war bewusst, dass ich das mit diesen starren Behelfen nicht schaffen kann“, erinnert sich die zweifache Mutter. Glücklicherweise rief die Schule, an der sie arbeitete, während sie wieder lernte, ihre ersten Schritte zu machen, eine Spendenaktion ins Leben und sammelte genug Geld, um ihr Prothesen des britischen Technologieunternehmens Open Bionics zu finanzieren. Diese sogenannten „Hero Arms“ (Heldenarme) sind mit hochempfindlichen Sensoren ausgestattet, die Muskelkontraktionen im Arm erkennen und in intuitive Handbewegungen umwandeln. „Zuerst kam ich überhaupt nicht damit zurecht. Es schien, als ob sich die Roboterfinger öffneten, wann sie wollten. Doch je länger ich übte und trainierte, desto besser gelang es mir, sie zu kontrollieren. Als ich es das erste Mal schaffte, ein Glas Wasser zu greifen, hochzuheben und daraus zu trinken, musste ich vor Glück weinen.“

Tregennas Genesung dauerte 18 Monate und noch immer ist der Umgang mit ihren Prothesen ein ständiger Lernprozess. Aber sie konnte ihren Traum wahr machen. Die Lehrerin aus Leidenschaft ist wieder zurück im Klassenzimmer. „Dank der Arme kann ich wieder unterrichten“, strahlt Tregenna. „Ich kann die Bücher selbst tragen, die ich im Unterricht benötige, und ich kann mit der Kreide auf der Tafel schreiben. Die Kinder sind von meinen ‚Heldenarmen‘ fasziniert und bitten mich immer wieder, ihnen zu zeigen, wie sie funktionieren.“
„Kath ist unglaublich“, schwärmt Samantha Payne, Mitbegründerin von Open Bionics. „Unser Team ist beeindruckt von ihrer Entschlossenheit, sich wieder dem zu widmen, was sie am meisten liebt, dem Unterrichten. Zu sehen, wie sie ihre beiden ‚Hero Arms‘ für alltägliche Dinge verwendet, zeigt, wie wichtig bionische Technologie sein kann, wenn es darum geht, Menschen, die sich von lebensverändernden Operationen erholen, ein Maß an Unabhängigkeit zu geben, um ihre Ziele zu erreichen.“