Die Kasmandln kommen
Jedes Jahr gehen im Lungau (S) Kinder als „Kasmandln“ verkleidet von Haus zu Haus. Bei den Besuchen, die einen Tag vor Martini stattfinden, werden kleine Gedichte vorgetragen. Der Besuch der Kasmandln wird von den Bewohnern mit Süßigkeiten oder einer Geldspende belohnt.
I bin da Stier, bin hoach aus da greaßte hier. Hob in gonzn Summa aufpasst auf de Sennerin und de Kiah, owa hiaz is scho zkoit auf da Oim, drum gehma owa ins Toi und eine in woaman Stoi“, sagt der sechsjährige Maxi, der als Stier verkleidet ist, ein Sprücherl auf. Gemeinsam mit Leon, 9, als Halter, Noah, 5, als Kasmandl, Leonie, 9, als Kranzkuh, Lukas, 6, als Bauer und Magdalena, 9, als Sennerin bildet die herzige Truppe die sogenannten „Kasmandln“.
Jedes Jahr am Vorabend des Heiligen Martin, am 10. November, gehen im salzburgischen Lungau verkleidete Kinder von Haus zu Haus, sagen Sprüche auf, singen Almlieder und verteilen Süßspeisen, wie etwa den „Schnuraus“, ein Gebäck aus Germteig mit Anis und Zitronenschalen gewürzt. Damit wird eine jahrhundertealte Tradition fortgeführt, wie sie in unserem Land einzigartig ist.

Das Stier-Gedicht ist eines von mehreren, das von den als Kasmandln verkleideten Kindern aufgesagt wird. Organisiert wird der Brauch immer von Eltern, die oft selbst früher als Kasmandln durch den Ort gezogen sind. Allein in St. Michael im Lungau mit 3.500 Einwohnern sind 15 Kinder-Klein-Gruppen unterwegs. Die Verkleidung der Buben und Mädchen hat immer einen Bezug zur Alm.
Auch bei der Bauernfamilie Edith und Alfred Bliem waren die Kasmandln schon oft. „Es ist immer eine Freude, die Kinder zu sehen, wie sie die Lieder singen und herzig die Gedichte aufsagen. Als Dankeschön gibt es Süßigkeiten oder eine Geldspende“, sagt Alfred Bliem, 63.

An geheiligten Tagen wollen die Kasmandln ihre Ruhe
Der fünfjährige Noah ist heuer zum ersten Mal dabei und brennt schon darauf, sein Gedicht vorzutragen. „I bin is Kasmandl und bin no kloa, ban Jausna sitz i mi auf an Stoa. Speck und Kas, des mog i gean, und dazua a lustigs Liadl hean“, sagt der Bub wie aus der Pistole geschossen. Mit Rauschebart, aufgemaltem Schnurrbart, Lodenjanker und einer Laterne in der Hand stellt er das eigentliche Kasmandl dar.
Seinen Ursprung nimmt der Brauch in jahrhundertealten Volksüberlieferungen. „Darin wird von kleinen geisterhaften Wesen mit erdigen und faltigen Gesichtern erzählt, die den Almsommer über versteckt in dunklen Schlupfwinkeln und Bergschluchten leben und sich dort von Wurzeln, Kräutern und anderen Erzeugnissen des Waldes ernähren. Und wenn die Sennleute dann zum Martinitag am 11. November endgültig ihre Almhütten verlassen, ziehen die Kasmandln dort ein“, erklärt Wolfgang Eßl, Obmann der Lungauer Volkskultur. So ließen die Almleute früher auch Speisereste für sie zurück.

„Als Dank, weil sie im Sommer die Milchkühe beschützen und auch, um sie für den nächsten Sommer wohlwollend zu stimmen. Heute wird für die Kasmandln gehacktes Holz zum Heizen und zum Essen Speck, Käse und Brot auf den Tischen in den Almhütten liegen gelassen. Denn erzürnte Kasmandln würden in der nächsten Almsaison womöglich die Kühe erschrecken“, sagt Eßl.
So scheinen die kleinen Gnome recht eigenwillige Charaktere gewesen zu sein, denn die Bauern glaubten auch, dass es nicht gut sei, die Geister während der Zeit ihres Regiments zu stören. An geheiligten Tagen wie Weihnachten sei der Almbesuch besonders gefährlich und die Kasmandln äußerst „böse“. Warum genau, ist nicht überliefert. Vielleicht, weil dann die Vorräte schon zur Neige gegangen sind und Hunger ja bekanntlich aufs Gemüt schlägt.

Wie Michael Dengg in seinem Buch „Lungauer Volksleben“ beschreibt, ging früher beim herbstlichen Kasmandlfahren ein Lichtträger voran. Er trug eine lange Stange, auf der eine ausgehöhlte Rübe in Form einer Teufelsfratze befestigt war. Im Inneren flackerte ein Öllicht, das dem Treiben eine gespenstische Stimmung verlieh. Wem das Szenario irgendwie bekannt vorkommt, der täuscht sich nicht. „Im Grunde genommen ist Halloween nichts anderes als Kasmandln in heutiger Form“, bestätigt Eßl die Vermutung. „Die Kasmandln sind bei uns jedenfalls ein Glücksbringer und die Menschen im Lungau können es kaum erwarten, wenn sie in ihr Haus treten.“
Traditionell endet der kleine Spuk auf den Almhütten am 24. April, dem Georgitag. Denn an diesem Tag beziehen die Almbauern dann wieder ihre Hütten und die Kasmandln ziehen sich zurück.

Kasmandl-Gedichte
Bauer:
Heit is wieda Kasmandltag
und hiatz losts zua, was i,
da Bauer enk sog.
Es gonze Viech
und a es Gsind
muas i schaun
das va da Oim
oa kimbt.
Wei do om is
hiatz koa sei,
pfeift da
Schneewind scho aus und ein.
In da Hittn los ma no lign a bissl a Jausn
das de Kasmandl
kinnan guat hausn.
Hom jo bis Georgi
in da Hiitn nix valogn,
wei hot des Kasmandl koa Rua griags woitan an Zoang.
De ruhige Zeit auf
de gfrei i mi schoa;
Do is dawei das i
mi aufs Ofnbanke loa.
Hiatz woas i nix mehr zan sogn,
ums weitere miasts
meine Almleit frogn.

Sennerin:
Ih bin de Sennin va da Reastlolm
und heua hot‘s mir obm narisch guat gfeun.
Oft hohne riern
und kasn toa
und de Zeit is voi schnee glafn davo.
En Herrgott
tua ich bittn,
dass er enk soll beschützn.
Recht vie Glück fü Haus und Steu,
bis ma kemman wieda ameu!