Spiel, Schach und Sieg
Abwechselnd sechs Punkte Tennis und sechs Minuten Schach solange spielen, bis der Gewinner feststeht, das ist „Schach-Tennis“. Die Akteure dieser jungen Sportart meistern einen harten Spagat zwischen geistiger und körperlicher Herausforderung, der Wiener Vizeweltmeister Nicolas Moser, 19, ist einer der Weltbesten.
Verschwitzt von langen Tennis-Grundlinien-Duellen zum Schachbrett hinübergelaufen, musste Nicolas Moser, 19, beim WM-Finale im vergangenen August trotz Führung noch den Titel hergeben. „Im Tennis bin ich schon 13:5 vorangelegen und verlor dann im Schach aufgrund einer Zeitüberschreitung“, bedauert er. Hätte er noch eine weitere Tennisphase erkämpft oder ihn das Los mit Tennis statt Schach beginnen lassen, wären die Chancen auf einen Weltmeister-Titel ausgezeichnet gestanden.

„Schach-Tennis erfordert in kürzester Zeit das Abrufen unterschiedlichster Fähigkeiten in strategisch richtiger Weise“, bringt Moser die Faszination dieser ungewöhnlichen Kombination auf den Punkt. „Im Schach musst du darauf achten, vor der nächsten Tennisphase nicht zu sehr auszukühlen, beim Tennis geht es darum, nicht den Fokus und die Ruhe fürs Schach zu verlieren.“ Der Vizeweltmeister ist die Nummer 92 im heimischen Tennis, am kommenden Wochenende hofft er bei den Hallen-Staatsmeisterschaften in Wien auf einen Finaleinzug. Im Schach wird der Wiener hierzulande unter die besten 300 gereiht, könnte aber laut Experten bei entsprechendem Training an die Spitze vorstoßen. „Derzeit sehe ich Tennis als meine Stärke“, sagt Moser.

Das Reglement der turnierentscheidenden K.o.-Phase im Schach-Tennis sieht vor, dass abwechselnd sechs einzelne Punkte im Tennis und sechs Minuten Schach gespielt werden, wobei mit dem Gewinn von 18 Punkten das Tennisspiel und mit Schachmatt oder Niederlage durch Zeitüberschreitung der erlaubten 15 Minuten das Schachspiel entschieden wird. Wer zuerst in einer der beiden Disziplinen triumphiert, gewinnt das ganze Duell, was ein gewaltiges Taktieren nach sich zieht. „Gute Schachspieler wie mein WM-Bezwinger Sébastien Mazé, ein französischer Großmeister, entscheiden eine Partie in wenigen Minuten. Daher versucht er, schnell zu ziehen, der schlechtere Spieler verzögert“, erläutert Moser.

Kurioses Detail, Schach wird dabei nicht am kleinen Brett, sondern auf einem auf dem Tennisplatz aufgestellten „Riesenschachbrett“ von etwa zwei mal zwei Meter gespielt. Theoretisch freilich könnte ein Tennis-Gigant wie die Nummer eins der Welt, Nowak Djokovic, mit Tennis beginnend seine drei Phasen jeweils sechs zu null gewinnen, während er sich für die ersten zwei Züge Schach je sechs Minuten Zeit lässt und damit, fast ohne Schach gespielt zu haben, das Duell entscheidet. Allerdings nur in der Theorie, denn das Los wird ihn kaum jede Runde mit Schach beginnen lassen. In der Vorrundenqualifikation ist der Modus anders, Tennis und Schach werden nicht in Minutenabständen, sondern in zeitlich getrennten Turnieren abgehandelt.

„Ich habe Nicolas Moser als fünfjähriges Schachtalent entdeckt, schon damals konnte er sich unglaublich fokussieren, das ist seine große Stärke“, verrät sein Schachtrainer Harald Schneider-Zinner, der zehn Jahre lang das Nachwuchstraining im heimischen Schachbund leitete. Sein Schüler kann auch auf hochkarätige Sportlergene zurückgreifen, Mama Christine spielt Volleyball im Nationalteam, Vater Wolfgang wurde gemeinsam mit Roman Hagara 1999 Vizeweltmeister im Segeln. „Die Kombination mit Schach liefert anderen Sportarten hervorragende Entwicklungsmöglichkeiten von Kern- und Grundkompetenzen in den Bereichen Taktik und Fehleranalyse“, hält Vater Wolfgang Moser die Paarung der Disziplinen für extrem wertvoll. Das glaubt auch Schneider-Zinner, der als Präsident und Mitbegründer des Verbandes „ChessSports Association“ (Schachsport) künftig Schach-Tennis eine Plattform mit Turnieren bieten will. „Wir wollen auch andere Sportarten mit dem Spiel der Könige kombinieren“, sagt er.

Sein Schützling Nicolas Moser absolviert derzeit das Bundesheer. „Ab März werde ich auf der technischen Universität Umweltingenieurwesen studieren“, erläutert Moser seine Berufspläne, will aber weiterhin Schach-Tennis betreiben und mit seinem Vater im August 2022 das erste heimische Turnier veranstalten. „Veranstaltungsort wird mein Heimatklub des WAC im Wiener Prater sein“, freut er sich. „Dort wird es erstmals auch ein Doppel- und ein Damenturnier geben.“