„Ich töte dich“ – Wenn aus Spiel Gewalt wird
Bewaffnete Kämpfe, militärische Aktionen, tödliche Kinderspiele – immer früher sehen Kinder und Jugendliche extreme Gewalt in Filmen, Serien und Computerspielen und ahmen die brutalen Szenen bereits im Kindergarten nach. Ob es einen konsequenteren Jugendschutz in unserem Land brauche oder dies moralische Bevormundung wäre, darüber informieren Experten.
Kaum ein Weg scheint derzeit an der südkoreanischen Dramaserie „Squid Game“ vorbeizuführen. Die Produktion der Filmplattform „Netflix“ bricht sämtliche Zuseherrekorde. Der Inhalt ist schnell erzählt. 456 hoch verschuldete Menschen treten in alten Kinderspielen wie „Donner, Wetter, Blitz“ oder „Tauziehen“ gegeneinander an, um ein Preisgeld in Höhe von rund 33 Millionen Euro zu gewinnen. Wer es nicht in die nächste Runde schafft, wird umgehend getötet.

Schüler spielen Szenen nach – als Strafe gibt es Schläge
Die Serie, ursprünglich als Gesellschaftskritik am südkoreanischen Alltag gedacht, erinnert in seiner Machart an blutige Gladiatorenkämpfe im alten Rom. Aufgrund der brutalen Szenen gab es von Netflix zwar eine – unverbindliche – Altersempfehlung ab 16 Jahren, aber keinerlei Zugangsbeschränkung für jüngere Kinder. So interessant „Squid Game“ für über Sechzehnjährige sein kann, so schädlich ist es für Jüngere. In Belgien haben Schüler ihre Version der Serie nachgespielt, für die Verlierer gab es Schläge. Auch in Bayern (D) wurde an mehreren Volks- und Mittelschulen „Squid Game“ nachgeahmt und Verlierer erhielten Ohrfeigen. In einem anderen deutschen Kindergarten riefen Vier- bis Sechsjährige am Ende eines Spieles „Ich töte dich“.

„Kinder möchten in der Gruppe dazugehören“, erklärt die Klinische und Gesundheits-Psychologin und Diplompädagogin, Mag. Karoline Wekerle die Motivation von Kindern, brutale Spiele nachzuahmen. „Bereits kleine Kinder haben den Wunsch, der ,Bestimmer‘ zu sein, aber auch in einigen von uns ,großen Kindern‘ schlummert noch immer dieser Wunsch nach dem Besonderen. Hier geht es darum, den ‚Kick‘ zu fühlen, das ,Verbotene‘ zu tun in einer Gesellschaft, in der ohnehin fast alles erlaubt ist und es kaum spürbare Grenzen gibt.“

Kinder nicht unbegrenzt auf Serien zugreifen lassen
Die unschönen Nachahmereffekte in den Schulen riefen nicht nur besorgte Eltern auf den Plan, sondern entfachten auch eine Debatte über den Jugendschutz. Dabei stellte sich heraus, dass die Serie „Squid Game“ gar keine Freigabe der deutschen „Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“ (FSK) erhalten hat. „Diese Prüfung ist freiwillig und kann von allen Anbietern von filmischen Inhalten beantragt werden. Eine gesetzliche Vorlagepflicht besteht nicht“, bestätigt die FSK.

In unserem Land ist Jugendschutz Sache der Bundesländer. Für den Verkauf von Computer- und Konsolenspielen an Jugendliche wird etwa in Wien auf die „Pan European Game Information“ (PEGI) zurückgegriffen, ein europaweites Alterseinstufungssystem. Brutale Computerspiele, Filme oder Serien werden oft verantwortlich gemacht für eine gewisse Verrohung von Kindern und Jugendlichen. „Durch eine Serie mit Gewaltinhalten allein wird ein Kind sicher nicht gewalttätig. Reine Verbote wirken sich zumeist zwecklos aus. Besser wäre es, mit Kindern darüber zu sprechen und sich die Serie erklären zu lassen“, meint Karoline Wekerle. Dabei könne man auch die eigenen Bedenken äußern, wobei eine gute Gesprächsbasis immer oberste Priorität besitze.

Fernsehen, um Kinder ruhigzustellen
„Wenn das Kind jedoch eigene Gewalterfahrungen durch brutale Spiele oder Serien verarbeiten möchte oder Gewalt als Weg der Konfliktlösung sucht, sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden“, erklärt die Psychologin. Insgesamt ist zu empfehlen, den Medienkonsum von Kindern zu begleiten und sie nicht unbegrenzt auf sämtliche Serien und Filme zugreifen zu lassen. „Auf Netflix oder sonstigen Kanälen kann problemlos eine Kinder-Sicherung eingerichtet werden“, sagt Wekerle. Wichtig dabei sei jedoch, die Kinder mit ins Boot zu holen, damit sie wissen, warum Eltern sich etwas für sie überlegen. Je älter das Kind ist, „desto intensiver sollte es in die Entscheidung der Mediennutzung miteingebunden werden.“
Auch für Dr. Dominik Batthyány, Leiter des Instituts für Verhaltenssüchte an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien ist klar, dass es „Aufgabe der Eltern ist, Kinder zu schützen. Kinder können das nicht selbst einschätzen, ob ihnen solche Inhalte gut tun oder nicht.“

Stengere Regeln führen zu strengeren Übertretungen
Eltern sollten sich nicht nur auf die Altersempfehlung verlassen, denn es komme auch auf das Kind an, was zumutbar ist. „Es ist eine Gratwanderung. Auch eine ,Überbehütung‘ ist nicht gut“, sagt Batthyány. Generell wundert sich der Psychotherapeut, wie wenig „die Auseinandersetzung damit stattfindet, was wir uns ansehen oder die Kinder ansehen lassen.“
In vielen anderen Bereichen sei die Sensibilität viel größer, etwa bei der Ernährung. Genauso sollte das auch beim Medienkonsum sein.

„Kinder brauchen das Gespräch mit den Eltern, um ihre Emotionen zu verarbeiten.“ Es sei in Ordnung, sie hin und wieder etwas alleine anschauen zu lassen. „Oft werden Fernseher aber als ,Babysitter‘ verwendet, um Kinder ruhigzustellen“, warnt Batthyány vor einer Überforderung der Kleinen. Wichtig sei, Erwachsene zu sensibilisieren, meint Karoline Wekerle, „indem den Eltern die Gefahren von unbegleitetem Medienkonsum erklärt werden.“
Aus Sicht der Psychologin brauche es keinen konsequenteren Jugendschutz, er sei bereits gut geregelt. „Viele Eltern begleiten ihre Kinder entsprechend fürsorglich. Strengere Regeln machen strengere Übertretungen. Wie soll falscher Medienkonsum überprüft und kontrolliert werden? Wir müssten dann ja in die private Mediennutzung des Einzelnen eintauchen, was eine extreme Kontrolle und Bevormundung der persönlichen Freiheit bedeuten würde.“