Erst hassten sie sich, jetzt lieben sie sich
Der erste Eindruck ist meist der wichtigste – aber nicht immer. Denn sonst wären Rachel Chazanovitz, 31, und Mark DeSantis, 33, wohl nicht verheiratet. Als sich die beiden durch Zufall in einem Taxi kennenlernten, waren sie sich auf Anhieb unsympathisch. Was nicht nur daran lag, dass er einen adretten Anzug trug und sie als Dalmatiner verkleidet war.
Da war bereits jemand im Wagen und wollte offenbar nicht, dass ich zusteige“, erinnert sich Rachel Chazanovitz an die abweisende Handbewegung des Fahrgastes, der in dem Taxi saß, das sie bestellt hatte. Dabei wollte die 31jährige in jener lauen Oktobernacht des Jahres 2017 nach einer Halloween-Feier nur noch eines – möglichst schnell nach Hause. Dass diese unangenehme Begegnung ihr Leben zum Positiven verändern würde, konnte die Amerikanerin zu diesem Zeitpunkt nicht wissen.

„Ich will nach Hause, und keine Spazierfahrt mit anderen Menschen machen“, fauchte Chazanovitz die Fahrerin des Mietwagens an. „Wieso haben Sie schon einen Passagier im Auto?“, wollte sie missgelaunt wissen. „Sie haben eine Gemeinschaftsfahrt gebucht und keine Einzelfahrt“, erklärte die Fahrerin geduldig. Chazanovitz kontrollierte die Buchung auf ihrem Mobiltelefon und musste erkennen, dass sie aus Versehen beim Bestellen falsch gedrückt hatte. „Oh, stimmt. Entschuldigung“, gab sie schließlich kleinlaut zu. Ihr wurde bewusst, dass sie in ihrem Aufzug nicht gerade als Autoritätsperson wahrgenommen wurde. Für die Feier hatte sie sich als Dalmatiner verkleidet.

Er mochte sie nicht – und sie konnte ihn nicht ausstehen
Im selben Augenblick begann es zu regnen und es wurde spürbar kälter. Kurzentschlossen riss Chazanovitz die Tür auf. Drinnen rutschte der Insasse widerwillig auf die andere Seite. Rachel Chazanovitz ließ sich auf die Rückbank
fallen und warf dem Passagier wütende Blicke zu. Es war ein Mann mittleren Alters mit kurzem Haar, hoher Stirn und Brille. Sein schwarzer Anzug war gebügelt, das Hemd blendend weiß, die dunkle Krawatte perfekt gebunden.

„Ein Langeweiler“, dachte sie angesichts der vielen Kostümierten, die ihr an diesem Halloween-Tag begegnet waren. „Warum regen Sie sich so auf?“, fragte der Mann auf einmal mit tiefer Stimme. „Sie sitzen jetzt doch ganz bequem.“ Rachel Chazanovitz versuchte, ihn zu ignorieren, doch nach ein paar schweigsamen Minuten wandte sich der Mitfahrer noch einmal an sie. „Sieht aus, als kämen Sie von einer Hunde-Party. Können Sie auch bellen?“, wollte er mit arrogantem Lachen wissen. „Das gab mir den Rest“, sagt sie heute. „Ich konnte ihn nicht ausstehen. Und er mich auch nicht.“

Als Mark DeSantis im Kaffeehaus plötzlich neben ihr stand, sprang der Funke über
Als das Taxi bei Chazanovitz‘ Haus in Bostons North End
(USA) vorfuhr, verließ sie grußlos das Auto und warf die Tür hinter sich zu. Der Mann auf dem Nebensitz fuhr weiter.
Sie ahnte nicht, dass Mark DeSantis, 33, nur einen Block von
ihr entfernt wohnte und sie sich in ihn verlieben würde.

Ein paar Monate nach dieser seltsamen Heimfahrt saß die Amerikanerin an einem Wintertag im Kaffeehaus und las eine Zeitung, als sie eine tiefe Stimme hörte, die ihr irgendwie bekannt erschien. „Hallo! Kennen wir uns nicht?“ Und: „Darf ich mich setzen?“ Als Chazanovitz aufblickte, erkannte sie den Mann aus dem Taxi. „Nun sah ich ihn zum ersten Mal in voller Statur“, erzählt sie. „Ich gebe zu: Jetzt gefiel er mir.“ Sie begannen zu plaudern und fanden zahlreiche gemeinsame Interessen. Erst nach Stunden erhob sie sich, und er brachte sie nach Hause. Vor ihrer Tür bat DeSantis um ihre Telefonnummer. Zwei Tage später saßen sie in einem Restaurant.

Am Nebentisch waren zwei Frauen, die ihnen zulächelten. „Sie sehen so glücklich aus“, meinte eine. „Das perfekte Paar. Wann haben Sie geheiratet?“, wollte die andere Frau wissen. „Ich wurde verlegen. Die Frau hatte erkannt, was in mir vorging. Ich hatte mich in Mark verliebt“, erinnert sich Rachel Chazanovitz. Nach ein paar Monaten zogen die beiden zusammen und „übten das Eheleben“, wie
DeSantis es lachend nennt. Im Frühjahr kniete er sich in ihrem Garten nieder und bat um ihre Hand. Am 2. Oktober 2021 haben sie es offiziell gemacht und geheiratet.

Die Oma prophezeite ihm die große Liebe
Rachel Chazanovitz wirkt nachdenklich, wenn sie über ihr Treffen im Taxi spricht. „Ich bin nicht religiös, aber es muss Vorbestimmung gewesen sein. Ich bin ein ausgesprochen häuslicher Typ, blieb selten so lange aus wie in jener Oktobernacht. Freunde hielten mich bei der Halloween-Feier fest, als ich heimgehen wollte.“

Auch Mark DeSantis hatte nicht geplant, bis weit nach Mitternacht auszubleiben. „Ich sah nachmittags mit Freunden ein Fußballspiel in einer Sport-Bar. Weil unsere Mannschaft gewann, begannen wir zu feiern und bemerkten nicht, wie die Stunden verrannen. Ich hatte ein paar Bier zu viel, deshalb bestellte ich für die Heimfahrt eine billige Gemeinschaftsfahrt. Es war so spät, dass ich dachte, es würden keine weiteren Passagiere zusteigen. Als die Fahrerin dann doch anhielt, um jemanden mitzunehmen, wurde ich grantig.“

Als das Ehepaar vor Kurzem wieder ein Taxi buchte, um ins Stadtzentrum von Boston zu fahren, stellten sie überrascht fest, dass die Fahrerin von damals am Steuer saß. Sie nannte ihren Namen „Iris“ und dies verschlug Mark DeSantis die Sprache. „So hieß meine Oma“, erklärte er erstaunt. „Bevor sie im Vorjahr starb, prophezeite sie mir, dass ich bald eine Frau zum Heiraten finden werde.“